{"id":21250,"date":"2008-09-11T08:18:17","date_gmt":"2008-09-11T08:18:17","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/09\/der-krimi-der-zukunft\/"},"modified":"2022-06-13T01:58:28","modified_gmt":"2022-06-12T23:58:28","slug":"der-krimi-der-zukunft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/09\/der-krimi-der-zukunft\/","title":{"rendered":"Der Krimi der Zukunft"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Krimi der Zukunft ist eine Datei auf einem USB-Stick. Dessen Besitzer \u2013 nennen wir ihn Gustav &#8211; hat sich vorige Woche, wie stets, wenn ihn das Leben furchtbar an\u00f6det, in &#8222;Kerstin&#8217;s geiles Krimiforum&#8220; eingeloggt und ist dort die Rezensionen seiner Kumpels durchgegangen, die nur deshalb seine Kumpels sind, weil sie Gustavs Geschmack &#8222;aber voll und ganz, ey&#8220; teilen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>&#8222;Blutmonster129&#8220; schreibt \u00fcber den Krimi X: &#8222;Die Daddei ist hammer! Es hantelt vum die Personen welsche einem Kindsm\u00f6rder aufzukl\u00e4ren habm.&#8220; Jetzt begibt sich Gustav zu seinem bevorzugten Internetbuchh\u00e4ndler, der davon lebt, Kochb\u00fccher zu verkaufen, weil sich dort die digitale Form seltsamerweise nicht durchgesetzt hat. Gegen eine kleine Geb\u00fchr k\u00f6nnen Verwandte und Freunde eines Autors von Digitalkrimis Rezensionen einstellen, und durch die klickt sich Gustav. Alles klingt sehr interessant und vielversprechend, wie immer. Gustav trifft eine Entscheidung.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Rest ist ein Kinderspiel. Ab zu &#8222;Walli&#8217;s Tauschportal&#8220;. Einfach eine Datei aus dem eigenen Bestand hochladen und das Buch X runter. Fr\u00fcher, als es noch Verlage gab, kostete das Geld und die Dateien waren kopiergesch\u00fctzt. Nachdem sich die Hackerszene \u00fcber diesen Kopierschutz halb tot gelacht hatte, gab es die Verlage pl\u00f6tzlich nicht mehr und die Autoren begannen resigniert, Walli (der im Brotberuf Kinderkrankenpfleger ist und sich auf Kinderm\u00f6rderkrimis spezialisiert hat) ihre Erg\u00fcsse unaufgefordert zuzumailen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Autoren leben l\u00e4ngst nicht mehr von Tantiemen. Sie leben von Lesungen, nein, das hei\u00dft seit ein paar Jahren &#8222;Events&#8220;. Ein bisschen Musik, ein k\u00e4rgliches kaltes B\u00fcffet, schlechter Rotwein, ein paar Videos im Hintergrund, w\u00e4hrend der Autor mit scheppernder Stimme liest. Beherrscher ihres Metiers \u2013 und der Autor von Krimi X geh\u00f6rt dazu \u2013 verw\u00f6hnen ihr zahlendes Publikum zudem mit Szenen aus dem wirklichen Leben. Einem h\u00fcbschen, blondgelockten Jungen von 11 Jahren etwa, der auf einem Stuhl hockt und immer dann, wenn im Buch ein h\u00fcbscher, blondgelockter Junge von 11 Jahren missbraucht, gequ\u00e4lt, zerst\u00fcckelt wird, ganz gro\u00dfe panische Augen macht und zu heulen anf\u00e4ngt. Das macht betroffen! In echt! Die Events dauern 2x 45 Minuten wie ein normales Fu\u00dfballspiel, in der Halbzeitpause macht die einheimische Wirtschaft Werbung, und davon lebt der Autor. Die Veranstaltungen finden bevorzugt in Dorfgemeinschaftsh\u00e4usern statt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gustav hat also nun die Datei des Krimis X auf seinem E-Book-Reader und tut das, was man leider tun muss: lesen. Und es gef\u00e4llt ihm gut! W\u00e4re das nicht etwas f\u00fcr&#8230; Mensch! Hat seine Freundin Silke Sonnenschein nicht bald Geburtstag? Silke, bei der mit den \u00fcblichen Blumen und Pralinen keine Schnitte&#8230; Gedacht, getan. Ein individuelles und originelles Geschenk \u2013 ein Buch aus Papier!<\/p>\n\n\n\n<p>Die Datei wird in den Bearbeitungsmodus geschaltet \u2013 und Gustav geht ans Bearbeiten. Zun\u00e4chst tauscht er den Namen der Heldin \u2013 sie hei\u00dft Vera Koslowski \u2013 gegen &#8222;Silke Sonnenschein&#8220; aus. Ha, die wird Augen machen! Hm \u2013 Silke ist nicht so der romantische Typ, also raus mit diesen langweiligen Landschaftsbeschreibungen. Und was hei\u00dft &#8222;Ihre Sinne taumelten, als Bj\u00f6rns rechte Hand traumversonnen \u00fcber den Stoff ihrer Jeans strich&#8220;? Hallo, Herr Autor? Geht\u2019s noch? Daraus wird von Gustavs eigener Hand &#8222;Silke Sonnenschein bekam einen Abgang, als Gustavs geschwollener Hosenstall gegen ihre Jeans crashte&#8220;. So, jetzt noch das philosophische Geschwafel raus und gut is.<\/p>\n\n\n\n<p>Gustav \u00fcberspielt die ge\u00e4nderte Datei des Krimis X auf seinen USB-Stick und geht damit zu einer sogenannten Print Station (sprich: Preint Stesch\u00f6n) seines Lieblingsdiscounters. Seit es auch keine Buchhandlungen mehr gibt, liegt hier die letzte tr\u00f6stliche Insel der Bibliophilen, in Gestalt eines metallisch gl\u00e4nzenden Apparates von der Gr\u00f6\u00dfe dreier Fahrkartenautomaten. Gustav steckt seinen USB-Stick in den USB-Eingang. Auf dem Display w\u00e4hlt er aus: Format, Papierqualit\u00e4t, Bindung, St\u00fcckzahl. Titelbild? Es gibt vierzehn angebotene Muster, Gustav w\u00e4hlt Muster 3: Die von einem Ganoven bedr\u00e4ngte, leichtbekleidete, panisch schauende Frau auf dem Bett. Okay klicken. Auf dem USB-Stick wird nun nach jener Bilddatei gesucht, die Gustav wohlweislich mit PhotoShop erstellt hat. Silke vor einem Jahr im Mallorca-Urlaub, als Gustav mit dem Wassereimer auf sie zu kam. Schau nur, wie entgeistert sie guckt. Frontal! Voll die Panik! Und boah, wie die geschrieen hat, als sie nass wurde! Schnell hat Gustav den Kopf Silkes freigestellt, und dieser Kopf wird nun von der Print Station perfekt auf die Mustervorlage montiert. Voila: Silke mit dicken M\u00f6psen und prallen Schenkeln auf einem Bett, wie sie dem \u00dcbelt\u00e4ter entgegenpanikt.<\/p>\n\n\n\n<p>Fertig. Zehn Euro einwerfen und &#8222;printen&#8220; dr\u00fccken. Die Maschine printet. Das alles dauert h\u00f6chstens f\u00fcnf Minuten, und nachdem die vergangen sind, wird aus dem Bauch der Maschine das Exemplar des Krimis X, bearbeitet von Leser Gustav, in den Entnahmeschacht gepfeffert. Sieht gut aus!<\/p>\n\n\n\n<p>Und wie sich Silke freut! &#8222;Ey, wassn das, du?&#8220; &#8222;Ein Buch&#8220;, kann Gustav stolz mitteilen. &#8222;Das ist jetzt der neueste Clou. Digitales wird zu Papier, der letzte IT-Schrei. Cool, was?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Silke dr\u00fcckt Gustav einen dicken Kuss auf die Wange. &#8222;Mensch, mein erstes Buch! Und bin ich das auf dem Cover? Du, du!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Abend wird dann noch wundersch\u00f6n. Nachdem alle anderen G\u00e4ste (die nat\u00fcrlich nur Blumen und Pralinen dabeihatten und ziemlich anges\u00e4uert auf Georgs originelles Pr\u00e4sent linsten) gegangen sind, machen es sich Silke und Gustav auf der Couch gem\u00fctlich, und Gustav zeigt Silke, dass die Heldin des Buches genauso hei\u00dft wie sie: Silke Sonnenschein.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Gustav!&#8220;, jauchzt Silke, &#8222;Du bist so originell!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Gustav grinst. Das Leben ist momentan \u00fcberhaupt nicht \u00f6de. Und, nein, er wird heute abend keinen Krimi lesen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Krimi der Zukunft ist eine Datei auf einem USB-Stick. 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