{"id":21251,"date":"2012-06-04T07:08:20","date_gmt":"2012-06-04T07:08:20","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/06\/der-atem-des-autors\/"},"modified":"2022-06-08T04:53:05","modified_gmt":"2022-06-08T02:53:05","slug":"der-atem-des-autors","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/06\/der-atem-des-autors\/","title":{"rendered":"Der Atem des Autors"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Metakrimis machen Spa\u00df. Wenigstens denjenigen, die sie schreiben. Und das werden immer mehr. Allein in letzter Zeit: Christine Lehmann, Gunter Gerlach, Guido Rohm und Ramiro Pinilla. Und was ist ein Metakrimi? Ein Metakrimi ist ein Krimi, der seine Entstehung thematisiert. Er ist Literatur \u00fcber das Werden von Literatur, \u00fcber das Einswerden von Protagonist und Erz\u00e4hler bestenfalls, die Gleichzeitigkeit von Theorie und Praxis auch (die griechische Vorsilbe &#8222;meta&#8220; bedeutet u.a. &#8222;\u00fcber etwas anderem&#8220;, also quasi eine distanzierte, objektivierte Sicht). Als Autor die sichere Lizenz zum Auf-die-Kacke-Hauen, ein ideales Vehikel f\u00fcr jenen Spieltrieb, ohne den ein Autor Buchhalter geworden w\u00e4re. Und die Leser?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Sollten aufpassen, was sie da lesen. Denn so wenig wie Krimi Krimi ist, so wenig meta meta. Wie jede literarische Technik ist auch die des Metatextes in ihren gelungensten Formen nicht selbstreferentiell. Dahinter steckt eine dramaturgische Absicht, wie ein kurzer Blick auf die vier genannten AutorInnen und ihre Werke zeigt.<\/p>\n\n\n\n<p>In Gunter Gerlachs &#8222;Frauen von Br\u00fccken werfen&#8220; begegnen wir Herrn H\u00e4ndel, einem Krimiautor, der auch gleich in seinem eigenen Krimi mitspielt und zwar als Krimiautor, der eine Geschichte aufschreibt, die er gerade selbst erlebt. Gleich zu Beginn erfahren wir, warum er das tut: Sein Verleger hat ihn aufgefordert, jetzt doch etwas Gutverk\u00e4ufliches zu verfassen, also sch\u00f6n mit viel Mord und so. Die Frage, die sich durch den ganzen Roman zieht, lautet also: Erfindet der jetzt das, was ihm widerf\u00e4hrt \u2013 oder widerf\u00e4hrt ihm das, was er da gerade erfindet? Wenn man so sch\u00f6n erfinden kann wie Gerlach, kann das eine spannende Frage sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Metahafte wird in Christine Lehmanns &#8222;Totensteige&#8220; nur angedeutet. Die Protagonistin Lisa Nerz erz\u00e4hlt ihre Abenteuer im Nachhinein, indem sie sie aufschreibt. Warum? Das hat durchaus seinen guten Grund, aber den erfahren die Leser noch nicht. Bereits in &#8222;Malefizkrott&#8220; war uns Lisa Nerz als Eventuellautorin begegnet, als sie sich am Buchmessestand des Ariadne-Verlages zeigte und von der Verlegerin gleich als kommende Autorin gek\u00f6dert wurde. Jetzt setzt sie das um. Aber eben nicht nur so. Es erweitert die eigentliche Handlungsebene, in der die Macht des geschriebenen Wortes eine besondere Rolle spielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Guido Rohm schie\u00dft in &#8222;Blutschneise&#8220; wieder mal den Metavogel ab. Er tritt h\u00f6chstselbst im Text als Guido Rohm auf, der einen Roman namens &#8222;Blutschneise&#8220; schreibt. Und konsequent tritt er, professionell gemeuchelt, auch wieder ab. &#8222;Blutschneise&#8220; ist ein Roman \u00fcber das Morden als beil\u00e4ufige Alltagshandlung, zum Ende hin aber auch ein Roman \u00fcber die Opfer. Der Autor selbst wird nun zum Opfer seines Romans, der Roman wird zum Rohman.<\/p>\n\n\n\n<p>Ramiro Pinillas &#8222;Nur ein Toter mehr&#8220; erinnert von seiner Metastruktur her an Gerlach, wenngleich der Hintergrund ein sehr viel ernsterer ist. Die erlebte Wirklichkeit wird umgehend zur Fiktion, deren Ziel es wiederum ist, historische Genauigkeit herzustellen. Der Roman spielt 1945 im von Francos Schergen unterjochten Baskenland, ein Buchh\u00e4ndler eifert seinen Hardboiled-Helden nach und wird gleichzeitig zum Autor und Detektiv. Es geht hier vor allem um die Kraft der Fiktion, Ereignisse mit gr\u00f6\u00dferer Wahrhaftigkeit abzubilden als es eine offizi\u00f6se Geschichtsschreibung jemals vermag (ausf\u00fchrliche Rezension folgt).<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht also, dass &#8222;Metakrimis&#8220; keine neckischen Spielereien sein m\u00fcssen. Wie es der Zufall will, ergibt das Palindrom von Meta das sch\u00f6ne deutsche Wort ATEM. Und wirklich: In Metaliteratur sp\u00fcren wie den Atem des Autors, er ist anwesend, er macht auf sich aufmerksam (und erspart uns hoffentlich dabei seinen Mundgeruch). Der Metakrimi dokumentiert also auch Aspekte seiner Entstehung, was der reinen Lehre von der Wahrhaftigkeit der Fiktion zuwiderl\u00e4uft. Diese Wahrhaftigkeit der Fiktion begreift das Erz\u00e4hlte als ein in sich geschlossenes System, dem man weder sein theoretisches Ger\u00fcst ansehen darf noch gar die gewollte K\u00fcnstlichkeit seiner Konstruktion. Bestenfalls gilt Metaliteratur als &#8222;verkopft&#8220;, was, zumal bei Krimis, als ein Negativum aufzufassen ist. N\u00fcchtern betrachtet, erlaubt das Metaelement jedoch vor allem eins: die Ausweitung des Fiktionalen. In den vier aufgef\u00fchrten Beispielen ist die Anwesenheit des Autors \/ der Autorin mitnichten ein Scherz. Es greift direkt in die Handlung ein, beleuchtet sie differenzierend.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Gro\u00dfmeister der Metaliteratur gilt der in diesem Blog nat\u00fcrlich unvermeidliche Arno Schmidt, der die Anwesenheit des Autors zum strukturierenden Bauprinzip seiner Prosa erhoben hat. So beginnt etwa der Roman &#8222;Das steinerne Herz&#8220; mit einer sehr expressionistischen Beschreibung einer kleinst\u00e4dtischen Regenlandschaft (<em>&#8222;So hantierten wir im Stickstoff mit anaeroben Geb\u00e4rden (&#8230;) und die B\u00e4ume schwankten wasserpflanzen (&#8230;)<\/em>), bis es v\u00f6llig unerwartet und aus dem vorangehenden Text heraus auch unverst\u00e4ndlich hei\u00dft: <em>&#8222;(Intelligenz l\u00e4hmt, schw\u00e4cht, hindert? : Ihr werd&#8217;t Euch wundern ! : Scharf wie&#8217;n Terrier macht se!!).&#8220; <\/em><br \/>Sofort ist der Autor im Text pr\u00e4sent, er springt uns entgegen, bleibt fortan mit seinem fiktiven Ich untrennbar verbunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Letztlich sch\u00fcrt Metaliteratur das Misstrauen in das Erz\u00e4hlte, es ist ein Abgesang auf den narrativen Naturalismus, wie er vor allem von gewissen Str\u00f6mungen des Kriminalromans erwartet wird, Forderungen nach &#8222;Authentizit\u00e4t&#8220;, &#8222;Nachvollziehbarkeit&#8220;, &#8222;Abbildung des Polizeialltags&#8220; etc. Wer sich etwas intensiver mit Literatur besch\u00e4ftigt, wei\u00df, wie naiv solche Parameter sein m\u00fcssen. Die Literatur hat mit der Welt, die sie erschreibt, nichts zu tun, sie ist eine andere Welt mit eigenen Regeln, eine nat\u00fcrliche Metawelt, die das bewirkt, was man Metamorphosen nennt. Verwandlungen. G\u00f6tter werden zu Menschen, Menschen zu Tieren, Faktisches zu Fiktion, Stichw\u00f6rter zu Geschichten und umgekehrt. Am Ende erz\u00e4hlt sie mehr \u00fcber die Welt des Faktischen, als dieses jemals selbst erz\u00e4hlen k\u00f6nnte. Meta ist ein Werkzeug, das, wie jedes andere Werkzeug auch, entweder veredelt oder verdirbt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Metakrimis machen Spa\u00df. Wenigstens denjenigen, die sie schreiben. Und das werden immer mehr. Allein in letzter Zeit: Christine Lehmann, Gunter Gerlach, Guido Rohm und Ramiro Pinilla. Und was ist ein Metakrimi? Ein Metakrimi ist ein Krimi, der seine Entstehung thematisiert. 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