{"id":21255,"date":"2008-09-15T08:15:38","date_gmt":"2008-09-15T08:15:38","guid":{"rendered":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/09\/die-wahrheit-als-laengeres-gedankenspiel\/"},"modified":"2022-06-05T23:38:17","modified_gmt":"2022-06-05T21:38:17","slug":"die-wahrheit-als-laengeres-gedankenspiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/09\/die-wahrheit-als-laengeres-gedankenspiel\/","title":{"rendered":"Die Wahrheit als l\u00e4ngeres Gedankenspiel"},"content":{"rendered":"\n<p>Im Kriminalroman geht es zumeist um nichts weniger als die Wahrheit. Szenario: \u00dcber 400 Seiten lang hat eine Reihe von Personen &#8222;wahre&#8220; Geschichten erz\u00e4hlt. Am Ende des Textes scharrt der Ermittler seine Verd\u00e4chtigen um sich und rekonstruiert, was geschehen ist, wer als T\u00e4ter seiner gerechten Strafe entgegensehen muss. Ein typischer Whodunit, eine mit den Mitteln der Deduktion fixierte Wahrheit, neben der keine andere bestehen kann. Kausalit\u00e4ten, Indizien, Fakten.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Kritische LeserInnen wissen nat\u00fcrlich, dass auch diese Wahrheit nichts sonst sein kann als ein jeglicher \u00dcberpr\u00fcfung ihrer logischen Dynamik standhaltendes Konstrukt. Und dass es \u2013 basierend auf den vielen Geschichten, die in einem Roman erz\u00e4hlt werden \u2013 daneben weitere, ebenso stabile Wahrheiten geben kann. Ob A oder B der T\u00e4ter war, entscheidet also der Ermittler in einem l\u00e4ngeren Gedankenspiel, das ihm vom Autor in den Kopf gesetzt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Pierre Bayard hat das in seinem Buch &#8222;Freispruch f\u00fcr den Hund der Baskervilles. Hier irrte Sherlock Holmes&#8220; sehr unterhaltsam beschrieben. Holmes&#8216; Herleitung der Wahrheit, dass nur A der T\u00e4ter sein k\u00f6nne, l\u00e4sst sich erschreckend leicht dekonstruieren und durch eine mindestens ebenso logische Herleitung, dass B der T\u00e4ter sei, ersetzen. Wer sich nun den Roman aufmerksam vornimmt, wird konsequenterweise beweisen k\u00f6nnen, nicht B, sondern C sei der T\u00e4ter. Wir h\u00e4tten es dann mit drei (und gerne auch mehr) Gedankenspielen zu tun, jedes ein nach den Gesetzen der Logik absolut integeres, doch mit dem pikanten Nebeneffekt, dass sie nur bestehen k\u00f6nnen, wenn sie alle anderen Gedankenspiele diskreditieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch muss das sein? K\u00f6nnen nicht mehrere logische Wahrheiten friedlich nebeneinander existieren? Im Prinzip schon. Nur: Der Leserschaft d\u00fcrfte es nicht gefallen. Sie besteht auf A, B ODER C, sie m\u00f6chte Gewissheit, und Gewissheit bedeutet stets: EINE Wahrheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Tana French hat j\u00fcngst mit &#8222;Grabesgr\u00fcn&#8220; (&#8222;In the woods&#8220;) einen Roman vorgelegt, der die Leser zumindest in puncto Wahrheit auf sich selbst zur\u00fcckwirft und zu einem l\u00e4ngeren Gedankenspiel zwingt. Es sei nicht zuviel verraten, aber neben dem durchweg konventionellen Plot gibt es noch einen zweiten, eher versteckten, an dessen Ende eben nicht die Wahrheit den Schlusspunkt setzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem hierbei: Wer sich als Leser, Leserin auf das Gedankenspiel einl\u00e4sst, wird ebenfalls nur EINE g\u00fcltige Wahrheit als Resultat seiner \/ ihrer Bem\u00fchungen erhalten. Was aber, wenn ein Text BEWUSST mehrere Wahrheiten schl\u00fcssig herleiten w\u00fcrde? \u2013 Viele Wahrheiten im Krimi = keine Wahrheit im Krimi. An einem solchen Text zu basteln, ist allemal der M\u00fchen wert. Auch wenn man das Geifern einiger Apostel der Gewissheit schon h\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Kriminalroman geht es zumeist um nichts weniger als die Wahrheit. Szenario: \u00dcber 400 Seiten lang hat eine Reihe von Personen &#8222;wahre&#8220; Geschichten erz\u00e4hlt. 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