{"id":21263,"date":"2012-06-14T10:14:15","date_gmt":"2012-06-14T10:14:15","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/06\/wer-die-macht-hat\/"},"modified":"2022-06-08T04:50:19","modified_gmt":"2022-06-08T02:50:19","slug":"wer-die-macht-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/06\/wer-die-macht-hat\/","title":{"rendered":"Wer die Macht hat"},"content":{"rendered":"\n<p>Krimis sind kein Fu\u00dfball. Auf dem Platz z\u00e4hlen Tore, sie best\u00e4tigen oder widerlegen die Kritiker. Zwischen den Buchdeckeln findet ein Spiel statt, dessen Regeln und Sieger oder Verlierer erst durch die Kritiker bestimmt werden. Was das Ganze aber noch komplizierter macht: W\u00e4hrend die mediale Inszenierung durch die Meinungshaber und \u2013macher ein Buch in ein Koordinatensystem hinein argumentiert (wobei die Argumente mal mehr, mal weniger stichhaltig daherkommen), h\u00e4lt sich der Markt an Tatsachen, die so schlicht sind wie die beim Fu\u00dfballspiel. Was sich gut verkauft, ist gut, was sich schlecht verkauft, ist eben schlecht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dass sich beide Systeme gelegentlich erg\u00e4nzen und ein von den Kritikern als gut bewertetes Buch auch ein gut verk\u00e4ufliches ist, steht ebenso au\u00dfer Frage wie der Umstand, dass dem eben meistens nicht so ist. Kritik und Publikum finden selten auf einer Ebene zusammen (um das Modewort &#8222;Augenh\u00f6he&#8220; zu vermeiden). Und wenn doch, sind Missverst\u00e4ndnisse vorprogrammiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Das noch immer aufschlussreichste Exempel f\u00fcr diese h\u00e4ufig von Missverst\u00e4ndnissen gepr\u00e4gte Interaktion der System bleibt Andrea Maria Schenkels &#8222;Tann\u00f6d&#8220;, ein Buch, das Glanz und Elend des doppelten Marktes Kritik \/ K\u00e4ufer wie kein zweites verk\u00f6rpert. Als das schmale Werk erschien, war es sofort Liebling aller Kritiker und verkaufte sich pr\u00e4chtig. Dann, nachdem auch die obersten Instanzen der Massenrezension auf das Ph\u00e4nomen reagierten (von Elke Heidenreichs TV-Buchempfehlungen bis zum SPIEGEL), brach ein f\u00fcr das Genre ungew\u00f6hnlicher Hype los, der auch den &#8222;Markt&#8220; erfasste und &#8222;Tann\u00f6d&#8220; in nie f\u00fcr m\u00f6glich gehaltene Sph\u00e4ren katapultierte. Ein beeindruckender Erfolg f\u00fcr die Kritik und der definitive Beweis ihrer geradezu p\u00e4dagogischen Wirkm\u00e4chtigkeit? Nur zum Teil.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu muss man verfolgen, wie die Nachbeben des spektakul\u00e4ren Ereignisses &#8222;Tann\u00f6d&#8220; ausfielen. Eine Lekt\u00fcre all der &#8222;Lesermeinungen&#8220;, wie sie von Krimicouch bis Amazon leicht zu bewerkstelligen ist, zeigt n\u00e4mlich, wie gespalten das Urteil der LeserInnen ausfiel. Eine H\u00e4lfte lobt, die andere schimpft. Und zwar mit Vorliebe auf die Kritik und ihre Ma\u00dfst\u00e4be, auf den euphorischen medialen Push und auch auf die latent manipulative Kraft von Preisen und sonstigen Hervorhebungen, derer &#8222;Tann\u00f6d&#8220; teilhaftig wurde. Hier manifestiert sich, f\u00fcr jeden erkennbar, ein Bruch. In dieser Form vielleicht zum erstenmal, denn zum erstenmal hat das Lesevolk, das sich d\u00fcpiert w\u00e4hnt, eine Stimme, hat ein Forum, hat das Internet.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Kriminalliteratur ist das Internet ein Segen. F\u00fcr ihre Diversit\u00e4t, ihre Lebendigkeit, ihre Zukunft. Noch nie gab es f\u00fcr das Genre mehr M\u00f6glichkeiten als jetzt, im digitalen Zeitalter. Die eher \u00fcberschaubare Anzahl von Verlagen etwa, die sich in Krimi versuchten, die Rowohlts und Diogenes&#8216;, die Bastei-L\u00fcbbes und Dumonts, hat sich zu einem f\u00fcr den Laien nicht mehr zu \u00fcberblickenden Gewimmel ausgeformt, einem Gewimmel vor allem kleiner und kleinster Verlage, f\u00fcr die es wohl auch in Vor-Internetzeiten eine Nachfrage, nicht aber eine effektive \u00f6ffentliche Plattform gab. Das traditionelle Feuilleton, angestammter Daumenheber und \u2013senker, fiel aus. Es beschr\u00e4nkte sich, wenn \u00fcberhaupt, auf jene Genreprodukte, die mit dem Stempel &#8222;literarisch&#8220; versehen werden konnten, also dem intellektuellen Mainstream gen\u00fcgten, oder behandelte das Ph\u00e4nomen des Trivialen akademisch und fachsprachlich verklausuliert von oben herab, als die obskuren Emp\u00f6rungen einer nur halb alphabetisierten breiten und dumpfen Masse wider den Kanon des &#8222;Literarischen&#8220;. Dem konnte man, sicher im Wolkenkuckucksheim, beiwohnen wie die Insassen der \u00f6sterreichischen und preu\u00dfischen Monarchenpal\u00e4ste der franz\u00f6sischen Revolution. Etwas passierte, das was da passierte, st\u00f6rte, war aber weit weg und faszinierend, ein Ph\u00e4nomen, das man wieder an die Kandarre nehmen, totschweigen, unterdr\u00fccken konnte. Der Lesep\u00f6bel tobt sich aus bis zur Selbstvernichtung, derweil in den Spiels\u00e4len der literarischen feinen Welt der geregelte Gesellschaftstanz weitergeht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann jedoch tauchten die ersten Sprecher der neuen Bewegung auf. Sie nutzten, was sonst, das Internet. Ein so gut wie kostenloses, jedermann f\u00fcr Verf\u00fcgung stehendes Medium, dessen quantitativen M\u00f6glichkeiten s\u00e4mtliche traditionellen Multiplikatoren alt aussehen lie\u00dfen und zu Zwergen schrumpfte. Aber wer waren die schon. Blogger, Leute ohne Namen, Leute ohne die Weihen des &#8222;Betriebs&#8220;, verhinderte oder gescheiterte Papierrezensenten, die nun (wie es ein reichlich viertklassiger Krimiautor einmal ver\u00e4chtlich formulierte) &#8222;irgend so Netzsachen ablie\u00dfen&#8220;. Eintagsfliegen. Dazu ein paar Plattformen (mit der Betonung auf &#8222;platt&#8220;), die der gr\u00f6\u00dften und wichtigsten und bisher sprachlosesten Gruppe eine Stimme gaben: den Lesern.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese neue Situation zeigte Folgen. Zun\u00e4chst f\u00fcr all die Verlage, die es bis dahin entweder nicht gegeben hatte oder die hinter dem m\u00e4chtigen pr\u00e4chtigen Vorhang der Feuilletons unbeachtet vegetierten. Jetzt gab es ein Feld, das die Nischen sichtbar machte, ausleuchtete. Ob radikaler Pulp, traditionsbewusster Hardboiled, verp\u00f6nter politischer Krimi mit sozialem, emanzipatorischem Anspruch, ob harmloser Regiokrimi oder wider den Genrestachel l\u00f6ckendes Experiment: HIER, im Internet, unter den Bloggern und in Foren, bei den engagierten Lesern, den Propagandisten, Schn\u00fcfflern und Sammlern, kam zusammen, was zusammen geh\u00f6rte, Kritik und Markt, Angebot und Nachfrage, \u00d6ffentlichkeit und Rezeption, Autoren und Verlage, Kritiker und Leser.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Blogger der ersten Stunde waren Freaks. Manche Renegaten der Papierwelt oder dort nie Aufgenommene, manche mit, manche ohne literaturwissenschaftlichen Hintergrund, stets jedoch Liebhaber des Genres, Informanten, Sucher, bisweilen Missionare und In-die-Suppe-Spucker. Vor allem f\u00fcr die Nischenverlage wurden sie wichtig als ein Teil der neuen Mechanik, die jenseits nicht vorhandener Buchhandels- und Kritikpr\u00e4senz das \u00dcberleben sichern konnte. F\u00fcr die Feuilletonisten, die sich allm\u00e4hlich, nachdem sie gelernt hatten, dass ein Browser f\u00fcr die morgendliche Duschprozedur denkbar ungeeignet war, durch die Blogs lasen, bedeuteten die Blogger eine nette neue Folklore, gelegentlich auch ein \u00c4rgernis. Sie taten n\u00e4mlich etwas, das den Feuilletonisten weitgehend fremd war: Sie lie\u00dfen ihre Leser zu Wort kommen. Blogs verf\u00fcgen \u00fcber eine Kommentarfunktion, die weitaus mehr erm\u00f6glicht als Leserbriefe, die sich aussortieren, k\u00fcrzen, ignorieren lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich kam es auch zu den erwarteten Spannungen, wie es halt immer geschieht, wenn eine alte Form der Vermittlung pl\u00f6tzlich Konkurrenz wittert und sich gegen ihren Untergang str\u00e4ubt. Das Internet nun lie\u00df sich nicht ignorieren, die Feuilletonisten marschierten frohgemut, wenngleich nicht selten tollpatschig in das neue Medium und &#8222;bloggten auch&#8220;. Oder sahen ihre wertvollen Papierkritiken nun auch im fl\u00fcchtig Digitalen ver\u00f6ffentlicht, aber, und das war das Besondere, eben NICHT auf einem bevorzugten Platz, sondern rein technisch gesehen auf einer Stufe mit den Bloggern und Foren. Dies wiederum hat etwas mit dem Verhalten der Konsumenten zu tun, die sich der Suchmaschinen bedienen, wo eine ZEIT-Rezension zwar in der Regel VOR einer Blogrezension rangiert, letztere aber durchaus im Fokus der Sucher verbleibt. Mochte sein, dass man zuerst die ZEIT-Rezension anklickte. Dann aber eben auch die Blogrezension.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbergehen wir an dieser Stelle das nun schon seit Jahren andauernde Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen den Feuilletonisten und Bloggern. Es ist recht uninteressant. Weitaus interessanter ist die Entwicklung, die Blogs (und auch Foren) durchmachten. Hielt sich n\u00e4mlich die Zahl der Krimiblogger in Grenzen, so sind diese Grenzen inzwischen l\u00e4ngst \u00fcberschritten. Und noch interessanter: Aus den Freaks wurden ganz normale Leserinnen und Leser, aus den Rezensionen gelegentlich Inhaltswiedergaben (das auch, na ja), kurz: Aus den Konsumenten, den gew\u00f6hnlichen Buchabk\u00e4ufern, wurden Produzenten, Rezensenten (wobei wir das Ph\u00e4nomen der Amazon-Rezensionen sogar noch au\u00dfen vor lassen wollen, es w\u00e4re ein eigenes Thema). Daran hatten und haben die einstigen und immer noch Konkurrenten, die Feuilletonisten und die Urblogger, zu knabbern. Nicht so der Markt selbst, schon gar nicht die Verlage, denen diese Entwicklung zupass kommt. L\u00e4ngst werden etwa auch &#8222;Hobbyrezensenten&#8220; zuverl\u00e4ssig mit Leseexemplaren beliefert, findet sich das Urteil von Frau X. oder Herrn Y. blurbend auf den Buchcovern und in den Verlagsvorschauen, lassen sich selbst namhafte Autorinnen und Autoren geduldig ausfragen, beteiligen sich an &#8222;Leserunden&#8220; und pflegen via Facebook und anderen sozialen Netzwerken den Kontakt zu ihren aktiven wie passiven Lesern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die haben die Macht. Eines n\u00e4mlich ist sehr deutlich geworden: Der Anspruch der Netzkritik auf die Wirkm\u00e4chtigkeit des Feuilletons, die Hoffnung, man fege das Papier hinweg und ersetze es durch Bits und Bytes, hat sich SO nicht erf\u00fcllt. Es gibt keine digitalen &#8222;Krimip\u00e4pste&#8220;, keine Kritiker als Erfolgsgaranten, keine &#8222;Listen&#8220;; die Bestseller machen, keine Kampagnen, die Autorenexistenzen begr\u00fcnden oder vernichten k\u00f6nnten. Die Kritik, ob papieren oder digital, ist ein kleines, wenn auch notwendiges R\u00e4dchen, das sich selber dreht und froh sein kann, wenn es seinen Platz im gro\u00dfen Rad findet, dem Rad, das die Leser selbst drehen. Sei es als Blogger, als Forumsbetreiber oder \u2013teilnehmer, als stille Teilhaber in den sozialen Netzwerken, dort, wo sich &#8222;Freundeskreise&#8220; bilden und manche Empfehlung, von der \u00d6ffentlichkeit unbeachtet, \u00fcber Mails ausgetauscht werden. Dort sitzt die Macht. Nicht auf den Thronen einer Kritik, die glaubt, sie mache die Regeln.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Krimis sind kein Fu\u00dfball. Auf dem Platz z\u00e4hlen Tore, sie best\u00e4tigen oder widerlegen die Kritiker. Zwischen den Buchdeckeln findet ein Spiel statt, dessen Regeln und Sieger oder Verlierer erst durch die Kritiker bestimmt werden. 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