{"id":21264,"date":"2008-09-18T08:11:06","date_gmt":"2008-09-18T08:11:06","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/09\/in-einem-zug-2\/"},"modified":"2022-06-06T20:53:41","modified_gmt":"2022-06-06T18:53:41","slug":"in-einem-zug-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/09\/in-einem-zug-2\/","title":{"rendered":"In einem Zug 2"},"content":{"rendered":"\n<p>64 Seiten, zumal wenn sie so eng bedruckt sind wie Manfred Wieningers &#8222;Die R\u00fcckseite des Mondes&#8220;, das ist schon fast ein gestauchter Roman. Oder eine ausgewalzte Kurzgeschichte? W\u00e4re beides m\u00f6glich, ist es aber nicht. &#8222;Die R\u00fcckseite des Mondes&#8220; ist eine l\u00e4ngere Erz\u00e4hlung mit Romanpotential, ein Showst\u00fcck auch, das Noch-nicht-Wieninger-Leser auf den Geschmack bringen kann.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es ist n\u00e4mlich alles vorhanden, was auch die Romane des \u00d6sterreichers auszeichnet. Der Protagonist, Gruppeninspektor Grassmann, wegen permanenter Widersetzlichkeit auf einen \u00f6den Polizeiposten im noch \u00f6deren Kaff Laiden abgeschoben, steht unmittelbar vor der Pensionierung, mit ihm wird auch der Polizeiposten verschwinden, beiden wird man nicht nachtrauern. An diesem letzten Tag geschieht, wie auch an den Tagen zuvor, nichts von Belang. Eine Ladendiebin wird vom &#8222;Security&#8220;-Deppen rabiat beigeschleppt, Grassmann entl\u00e4sst sie unbehelligt und steckt ihr sogar noch Geld zu, nachdem er erfahren hat, dass der Marktleiter gegen sexuelle Dienstleistungen von einer Anzeige abgesehen h\u00e4tte, die Diebin dies aber ausschlug. Wir begleiten Grassmann in sein kleines Zimmer \u00fcber dem Tankstellen-Caf\u00e9, wo er seine Freizeit vor Weinschorle und anderen Spezialit\u00e4ten verbringt, von der Wirtin nicht nur gastronomisch verw\u00f6hnt und in Gesellschaft zweier weiterer Dauerbewohner der Gastst\u00e4tte. Wir begleiten den Protagonisten auch auf seinen n\u00e4chtlichen Spazierg\u00e4ngen, \u00fcberhaupt bei seinem Hin- und Herdenken, wir lernen seinen Kosmos kennen, mit wildgewordenen und fremdenfeindlichen Kleinb\u00fcrgern, gepiesackten Armen, prolligen Reichen und dumpf-brutaler Administration.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann, am n\u00e4chsten Tag, ist Grassmann endlich im Ruhestand. Und jetzt geht\u2019s rund. Er selbst bekommt ein paar mit dem Totschl\u00e4ger \u00fcbergebraten, verschl\u00e4ft einen Tag, erwacht und erf\u00e4hrt zu seiner Verbl\u00fcffung, was w\u00e4hrenddessen alles passiert ist: Der sexgeile Marktleiter ist mit seinem nimmersatten Schniedel an eine Werbetafel getackert worden und auch andere S\u00fcnderlein, die w\u00e4hrend der Grassmannschen Dienstzeit unges\u00fchnt ihr Unwesen trieben, hat es b\u00f6s erwischt. Und wer war&#8217;s? Grassmann, denkt die Polizei und nimmt ihn in die Mangel.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende schnappt sich der gefrustete Pension\u00e4r die Wirtin und verschwindet aus Laiden. Aber es war sch\u00f6n, ihn kennengelernt zu haben, einen genau gezeichneten widerspenstigen, irritierten Charakter, der sich durch 64 Seiten konzentrierter und flexibler Sprache bewegt, die ein ganzes enges \u00f6sterreichisches Provinzuniversum zeichnet. Man h\u00e4tte auch einen Roman daraus machen k\u00f6nnen. Aber als durchtrainierter Mitteltext funktioniert die Geschichte wahrscheinlich doch besser.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Manfred Wieninger: Die R\u00fcckseite des Mondes. <br \/>Edition Nautilus 2008. 64 Seiten. 4,90\u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>64 Seiten, zumal wenn sie so eng bedruckt sind wie Manfred Wieningers &#8222;Die R\u00fcckseite des Mondes&#8220;, das ist schon fast ein gestauchter Roman. Oder eine ausgewalzte Kurzgeschichte? 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