{"id":21272,"date":"2008-09-24T07:03:13","date_gmt":"2008-09-24T07:03:13","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/09\/barthaar-und-zopf-ein-kommentar\/"},"modified":"2022-06-17T19:08:53","modified_gmt":"2022-06-17T17:08:53","slug":"barthaar-und-zopf-ein-kommentar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/09\/barthaar-und-zopf-ein-kommentar\/","title":{"rendered":"Barthaar und Zopf. Ein Kommentar"},"content":{"rendered":"\n<p>Interessantes Gespr\u00e4ch, das da \u2192<a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/leben\/medien\/artikel\/1\/%5Cdie-diskussion-ist-unglaublich-gestrig%5C\/\">die taz<\/a> mit &#8222;Medienw\u00e4chter&#8220; Norbert Schneider, dem Direktor der Landesanstalt f\u00fcr Medien in NRW, gef\u00fchrt hat. Vordergr\u00fcndig geht es um die Internetpr\u00e4senzen der \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und den daraufhin eingel\u00e4uteten Schlagabtausch mit den Printmedien. In Wirklichkeit sitzt das Problem tiefer, wie Schneider wei\u00df:<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Wir brauchen eine neue, zu der heutigen Entwicklung passenden Methode, wie man Medien- und Meinungsmacht k\u00fcnftig messen will. Das ist eine sehr komplizierte Aufgabe \u2013 denn die Medienmacht sucht sich immer einen neuen Wirt. Und unsere Aufgabe f\u00fcr die n\u00e4chsten 10 \u2013 15 Jahre wird sein, die Orte zu identifizieren, wohin sich diese Macht begibt: Im Internet, in digitalen Spartensendern, auch im On-Demand-Bereich.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Klingt logisch, ist aber nicht so einfach umzusetzen, wie Schneider ebenfalls wei\u00df:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>&#8222;Nirgendwo wird der eigentliche Punkt thematisiert. Die Diskussion ist vielmehr unglaublich gestrig. Das sind die Schlachtges\u00e4nge aus den sp\u00e4ten 1970er Jahren, als es um die Einf\u00fchrung des privaten Rundfunks ging, \u00fcbertragen auf das Internet: Wenn Sie damals dabei waren, k\u00f6nnen Sie heute wieder mitsingen, auch das schrille Moment ist immer noch sehr drin. Wir spalten des Kaisers Barthaar, aber ignorieren das Wesentliche.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Nun glaube ich ja schon seit geraumer Zeit, dass wir in einem Land leben, dessen gesch\u00e4tzteste Kulturleistung das Ignorieren von Wesentlichem ist. W\u00fcrde man mich bitten, die meistdiskutierten Themen des noch jungen Jahrtausends in einer Schlagzeile zusammenzufassen, ich h\u00e4tte die hier parat: &#8222;Mag Eva Herman die neue Rechtschreibung \u2013 und was sagt Verona Pooth, geborene Feldbusch dazu?&#8220; Die wichtigen Dinge fallen grunds\u00e4tzlich unter den Tisch, an dem sie von wahlk\u00e4mpfenden Einargument-Politikern, gockelnden Experten und dezent gestylten ModeratorInnen auf Papierkorbformat zerkn\u00fcllt werden. Wie dieser Staat sich bereitwillig von &#8222;Neoliberalen&#8220; ausr\u00e4ubern l\u00e4sst, gerne wieder Atomm\u00fcll produzieren m\u00f6chte, von Bildung redet, aber nicht daran denkt, sich selbst zu bilden etc.<\/p>\n\n\n\n<p>Soweit das Gro\u00dfe=Ganze, in das sich die von Schneider geschilderte Situation auf dem Mediensektor wunderbar einpasst. Wir werden vom Mittelma\u00df regiert? W\u00e4rs doch nur so! \u2013 Und irgendwo auf einer noch tiefergelegenen Ebene: die Krimikultur. Man k\u00f6nnte es Ber\u00fchrungsangst nennen, dieses vorsichtige Umkreisen der Netz-Werke durch die &#8222;Professionellen&#8220;, deren Bedenken ich sehr gut verstehen kann. Im Internet schreiben Leute \u00fcber Kriminalliteratur, die nicht daf\u00fcr bezahlt werden. Sie sind, keine Frage, eine Bedrohung, und diese Bedrohung ist ernstzunehmen. So wie das Privatfernsehen gezeigt hat, dass man auch ohne Geb\u00fchren Programm machen kann \u2013 und stattdessen die d\u00fcmmliche Dreistigkeit der Werbung \u00fcber sich ergehen lassen muss -, so zeigt jetzt das Internet, wie nahe wir vor einem Journalismus stehen, der nicht mehr mit Zeilengeld oder monatlichem Fixum honoriert wird, sondern, wer wei\u00df, eines Tages auch durch Werbung. Oder ganz unbezahlt bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Antwort ist nicht der Kampf gegen das Internet und seine idealistischen Bewohner. Denn dieser Kampf ist l\u00e4ngst verloren. Die Antwort ist die Zusammenarbeit. Jetzt schon finden sich die &#8222;wirkm\u00e4chtigsten&#8220; Rezensionen zur Kriminalliteratur bei Amazon und einschl\u00e4gigen Portalen. Information um den Preis von Verdummung, auch hier setzt sich im Kleinen fort, was im Gro\u00dfen diese Gesellschaft mehr und mehr zu konstituieren scheint. Ernsthafte Krimikritik befindet sich in einer paradoxen Situation: Einerseits hat sie endlich ein Medium, das die alten Grenzen des Printzeitalters geschleift hat, andererseits macht sie sich durch die Tendenz, nebeneinander her zu leben und sich gegenseitig mit Fu\u00dftritten zu traktieren, mehr und mehr selbst obsolet. Das freut nur die Manipulateure und Deppen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Printkritiker an die Blogfront, wo sie alles ver\u00f6ffentlichen k\u00f6nnen, wof\u00fcr sie niemand bezahlt, was aber in den K\u00f6pfen und Notizbl\u00f6cken schlummert. Die Blogger mit mehr Mut zum Elaborierten, ohne das Spontane, das Tagebuchm\u00e4\u00dfige aufzugeben. Und alle gemeinsam: Vernetzung, Diskussion, Streit, wenns denn sein muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Also. St\u00fctzen wir uns gegenseitig. Spalten wir nicht das Barthaar des Kaisers, schneiden wir lieber die alten Z\u00f6pfe ab.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interessantes Gespr\u00e4ch, das da \u2192die taz mit &#8222;Medienw\u00e4chter&#8220; Norbert Schneider, dem Direktor der Landesanstalt f\u00fcr Medien in NRW, gef\u00fchrt hat. Vordergr\u00fcndig geht es um die Internetpr\u00e4senzen der \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und den daraufhin eingel\u00e4uteten Schlagabtausch mit den Printmedien. 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