{"id":21286,"date":"2012-07-12T09:54:05","date_gmt":"2012-07-12T09:54:05","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/07\/sara-gran-die-stadt-der-toten\/"},"modified":"2022-06-08T04:47:16","modified_gmt":"2022-06-08T02:47:16","slug":"sara-gran-die-stadt-der-toten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/07\/sara-gran-die-stadt-der-toten\/","title":{"rendered":"Sara Gran: Die Stadt der Toten"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"190\" height=\"317\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2012\/cover\/gran.jpg\" alt=\"gran.jpg\"\/>Einen, gelinde ausgedr\u00fcckt, leichten Zweifel an der n\u00fcchternen Logik erkennt man schon, wenn man die neuere Kriminalliteratur Revue passieren l\u00e4sst. Sandro Veronesi, Fred Vargas sowieso, Christine Lehmann, Stefan Kiesbye\u2026 Mythisches, Parapsychologisches, Schicksal und Zufall, die h\u00f6heren M\u00e4chte im Widerstreit mit dem Intellekt. Dabei: Mit Weltflucht und einer Verfantasyierung des Genres hat das \u00fcberhaupt nichts zu tun, eher im Gegenteil. Ganz profan gesprochen, scheint sich eine gewisse Deduktionsm\u00fcdigkeit breitzumachen, der branchen\u00fcbliche Hang zur vollst\u00e4ndigen Erkl\u00e4rung wird zum Fluch oder, ins Konstruktive umgesetzt, die M\u00f6glichkeiten des Nichteindeutigen \u00f6ffnen Einfallstore in die Imagination der Leser. D\u00fcrfte wohl dem Herrn aus der Bakerstreet 221 B nicht gefallen, wie gut also, dass er Sara Grans \u201eDie Stadt der Toten\u201c nicht mehr zur Kenntnis nehmen musste.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wir treffen Claire DeWitt. Anfang 40, Detektivin aus Leidenschaft, nein, \u201edie beste Detektivin der Welt\u201c. Was sie beweisen muss, denn sie hat einen kniffligen Fall \u00fcbernommen. Der Staatsanwalt Vic Willing ist in den Wirren des Hurrikans Katrina vom Sommer 2005 und der folgenden Hochwasserkatastrophe spurlos verschwunden, sein Neffe macht sich Sorgen. Dass er dies knapp anderthalb Jahre nach dem Ereignis tut, irritiert. Aber Katrina hat seine Spuren hinterlassen. Die Stadt, eh eine Kapitale des Verbrechens, befindet sich noch immer im Ausnahmezustand, das Verbrechen regiert munter weiter, Jugendbanden betreiben ihr Stra\u00dfengesch\u00e4ft. Genau in diese Welt juveniler Kriminalit\u00e4t verschl\u00e4gt es Claire bei ihrer Suche nach Willing.<\/p>\n\n\n\n<p>Das mag jetzt klingen wie bodenst\u00e4ndige US-Spannungslekt\u00fcre und w\u00e4re es auch, wenn man die Geschichte kurzerhand \u201eauf den Fall\u201c reduzierte, auf das \u00fcbliche Trial and Error also. Aber wir befinden uns in New Orleans und mithin dort, wo Mythen und Zauberei bl\u00fchen, der Karneval ohne Luftschlangen auskommt und die Toten weiterleben. Bodenst\u00e4ndig w\u00e4re es nun, uns genau dieses mythenschwangere New Orleans zu beschreiben, doch Gran geht \u00fcberraschend anders vor. Sie baut ihre eigene Mythologie und es ist die der Kriminalliteratur selbst.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon DeWitts Leib- und Magenbuch ist ein solcher Mythos. \u201eD\u00e9tection\u201c hei\u00dft das sagenumwobene Werk, Jacques Silette sein Verfasser. Eine Art Handbuch f\u00fcr Detektive mit Erkenntnissen wie<em> \u201eWenn ein Mensch verschwindet, muss ein Detektiv beachten, was dieser Mensch beim Verschwinden mit sich genommen hat \u2013 nicht nur die materiellen Dinge, sondern alles, was mit ins Schattenreich gegangen ist und nun fehlt: ungesagte Worte und anderes, das ohne diesen Menschen nicht mehr existiert.\u201c<\/em> Ein Antihandbuch eher, das Claire durch ihre Chefin und Lehrmeisterin kennengelernt hat. Doch die ist ermordet worden. Auch eine gute Freundin aus Teenagerzeiten ist nicht mehr. Einfach so verschwunden, keine Spur. Geblieben sind die Erinnerungen an gro\u00dfe Detektive und gro\u00dfe F\u00e4lle, die Mythen der Branche also. Dieses Muster zieht sich durch den gesamten Roman. Er handelt vom Verschwinden, vom Tod, vom Weiterleben in Mythen, womit nach und nach das Ger\u00fcst des Krimis konstruiert und in mancher Persiflage auch gleich wieder dekonstruiert wird. Sehr sch\u00f6n etwa, als Claire aus einigen allt\u00e4glichen Kleinigkeiten die komplette Biografie eines jugendlichen Straft\u00e4ters deduziert \u2013 besser war Sherlock nie und nie l\u00e4cherlicher diese Geste der Allwissenheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Claire DeWitt, kein Zweifel, bewegt sich durch eine hochgeraunte Kulisse mit allerlei Branchenmythologien, in der Schn\u00f6digkeiten wie die Wirklichkeit keinen Platz mehr zu haben scheinen. Man assoziiert unwillk\u00fcrlich Jerome Charyn, auch so ein Mythologe, der dennoch nicht jenseits des Wirklichen agiert, sondern ihr lediglich einen anderen Kontext verpasst. Das tut Gran auch. Die verwahrloste Gesellschaft mit ihren eigenen Regeln ist allgegenw\u00e4rtig, Hautfarbe und soziales Herkommen sind allemal wichtiger als Charakter und Leistung, was ja auch wieder einen \u201elogischen Mythos\u201c dekonstruiert und durch ein anderes Regelwerk ersetzt, bei dem Zuf\u00e4lle, \u00e4u\u00dfere Umst\u00e4nde und das vielbeschworene Schicksal die Hauptrollen spielen. Gran verwandelt also die neuen Mythen dieser Welt, deren Wahrheiten kein Detektiv nach Sherlock-Holmes-Methode ergr\u00fcnden kann, in die Mythen des Kriminalromans und erlaubt von diesen den Schritt zur\u00fcck in die Wirklichkeit. Wozu auch geh\u00f6rt, dass Gut und B\u00f6se nicht mehr als Werte existieren (und also folgerichtig zu analysieren w\u00e4ren), sondern allein den Umst\u00e4nden geschuldet sind. Man will das Schicksal, dass du b\u00f6se bist, manchmal zwingt es dich zum Gutsein. Das eher konventionelle Ende des Romans schl\u00e4gt genau in diese Kerbe.<\/p>\n\n\n\n<p>Grans Strategie hat dramaturgische Auswirkungen. Die Geschichte wird nicht stringent erz\u00e4hlt, der Plot ger\u00e4t bisweilen aus dem Blick, Konstruktion und Dekonstruktion wechseln sich ebenso ab wie herk\u00f6mmliche und eher unkonventionelle Ermittlungsmethoden. DeWitt deduziert und induziert, sie schlie\u00dft vom Allgemeinen auf das Besondere und vom Besonderen auf das Allgemeine, womit sie nur konsequent auf die Schw\u00e4che jeder detektivischen Logik hinweist, auf den Irrglauben, das eine lie\u00dfe sich sauber vom anderen trennen. In Wirklichkeit ist eben diese Wirklichkeit ein Zirkelschluss, eine Scharade in kommunizierenden R\u00f6hren, eine Veranstaltung des Subjekts, das gerne Objekt sein m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein merkw\u00fcrdiges Buch also, ein starker Text. Und nat\u00fcrlich ist Claire DeWitt die beste Detektin der Welt, weil sie sie als einzige versteht.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\"><br \/>Sara Gran: Die Stadt der Toten. <br \/>Droemer 2012. 361 Seiten. 14,99 \u20ac<br \/>(Claire DeWitt and the City of the Dead. 2011. Deutsch von Eva Bonn\u00e9)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einen, gelinde ausgedr\u00fcckt, leichten Zweifel an der n\u00fcchternen Logik erkennt man schon, wenn man die neuere Kriminalliteratur Revue passieren l\u00e4sst. Sandro Veronesi, Fred Vargas sowieso, Christine Lehmann, Stefan Kiesbye\u2026 Mythisches, Parapsychologisches, Schicksal und Zufall, die h\u00f6heren M\u00e4chte im Widerstreit mit dem Intellekt. 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