{"id":21289,"date":"2008-10-03T09:05:06","date_gmt":"2008-10-03T09:05:06","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/10\/drei-gesaenge\/"},"modified":"2022-06-07T00:45:28","modified_gmt":"2022-06-06T22:45:28","slug":"drei-gesaenge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/10\/drei-gesaenge\/","title":{"rendered":"Drei Ges\u00e4nge"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Die &#8222;Menschenfreunde&#8220; geistern noch durch die Rezensentenkammern, da arbeitet der Autor auch schon am n\u00e4chsten Opus. Es tr\u00e4gt den Arbeitstitel &#8222;Arme Leute&#8220; und hat jetzt einen Untertitel bekommen: &#8222;Ein Kriminalroman in drei Ges\u00e4ngen&#8220;. \u00c4h&#8230; drei Ges\u00e4nge? Das klingt ein wenig abgehoben, \u00e4therisch fast, jedenfalls irgendwie nach Reimzwang. Dabei ist es einfach nur ein Kriminalroman, der aus drei Ich-Perspektiven (nicht durch-, sondern nacheinander) erz\u00e4hlt wird. Und abgehoben? Nu, sagen wir eher: mit der Nase im Dreck. H\u00f6ren wir kurz in den zweiten Gesang hinein, die S\u00e4ngerin hei\u00dft Gelika, ist Ende Drei\u00dfig \/ Anfang Vierzig, das, was man ein &#8222;Flittchen&#8220; nennen k\u00f6nnte oder, moderner, &#8222;eine Sozialschwache&#8220;. &#8211; Der folgende Textauszug ist unkorrigiert.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>&#8222;Du halluzinierst, Kleine&#8220;: Freddie, t\u00e4towiert, notorisch &#8222;auf Montage&#8220;, kleiner Wortschatz, ein Fremdwort, Vater meines Sohnes, aus dem Staub gemacht wie die anderen auch, den kann mir Gott sei Dank kein Halluzinieren zur\u00fcckbringen. &#8222;Du halluzinierst, Kleine&#8220;: zwischen den Zahnl\u00fccken rausgegrinst, st\u00e4ndig, wenn ihm die Argumente ausgingen \u2013 nee, dann h\u00e4tte er ja irgend wie und wann eins haben m\u00fcssen \u2013 wenn ihm die Kleine aufn Sack ging, mit Dosenbier vorm Kasten, mit Stinkesocken im Bett, und wahrscheinlich ist da was dran, wahrscheinlich hat bei mir ALDI-Gem\u00fcseeintopf mit Wursteinlage den LSD-Effekt gehabt, immer diese schmierigen Typen mit ihrem noch schmierigeren Dreck, den sie in mich reingerieben haben, sie war doof, er war doof, das erste Kind konnten sie wegwerfen. Aber nee: Das nu nicht. Keine genetischen Katastrophen.<\/p>\n\n\n\n<p>Du ha&#8230; Ich halluziniere nicht. Jedenfalls nicht JETZT. Jemand hat an der T\u00fcr geklingelt, zweimal lang, zweimal kurz, als w\u00e4rs ein Geheimzeichen. Mitten in der Nacht. Wecker, was sagst du? Zwanzig nach drei. Getr\u00e4umt? Hm, ja, nee. Gespannt mit gebremster Atmung in die Dunkelheit lauschen, in die Stille. Da. Zweimal lang, zweimal kurz. Glaub blo\u00df keiner, dass ich aufmache! Oder?<\/p>\n\n\n\n<p>Licht an, flugs aus dem Bett, ans Fenster, das aufrei\u00dfen, Kopf raus, Titten hinterher (man kann nur nackig schlafen bei dieser Sauschw\u00fcle), runtergeschaut, nichts. Niemand. Nirgends. Ein &#8222;Du Arschloch!&#8220; in die Nacht geschrieen, prallt schon von der Fassade gegen\u00fcber zur\u00fcck. Rein, Fenster zu, ins Bett, Licht aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Warten. Zwei Minuten. Klaro, nichts mehr. Ich k\u00f6nnte ja hinterm Fenster lauern mit nem Topf hei\u00dfem Wasser (woher sollte ich das auf die Schnelle nehmen, h\u00e4?), beim ersten Klingeln Fenster auf und runter mit der Pracht. Wei\u00df ja jetzt, der oder die, dass ichs geh\u00f6rt hab, wach bin und warte, mit einem panisch schlagenden Herz in der Brust.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann klingelt das Telefon. H\u00e4tt man sich denken k\u00f6nnen. Ich zieh den Stecker raus, Ruhe. Wieder warten. Und dann kracht oder haut was gegen die Haust\u00fcr. Auf, Fenster, runtergeguckt: ein Stein liegt da. Kein Mensch zu sehen. Schritte? Oben ums Eck? Autot\u00fcr? Bin mir nicht sicher. Schitt.<\/p>\n\n\n\n<p>Halb vier. Ich zieh mir was an, das Zeugs von gestern, ich geh runter, mach \u00fcberall Licht. Was zum Draufhauen. Sch\u00fcrhaken hat man ja nicht mehr, leider. Nudelholz. Vergisses. Terrassent\u00fcr auf. Wenn er hinterm Haus ist, m\u00fcsste er \u00fcber die Mauer geklettert sein. Messer in der Hand. Also ich jetzt. Er hoffentlich nicht. Er? Sie? Vorsichtig umgucken. Nebenan bei Klaus \u2013 nee, is ja jetzt auch meins! \u2013 steht die Terrassent\u00fcr nen Spalt offen, mir f\u00e4llt zum Gl\u00fcck ein, dass ich das war wegen Durchl\u00fcftung. R\u00fcbergehuscht. Licht in der K\u00fcche. M\u00f6glichst L\u00e4rm machen. So tun, als h\u00e4tte man ein Handy am Ohr, &#8222;Polizei? K\u00f6nnten Sie mal vorbeikommen? Da ist einer!&#8220; reintuten.<\/p>\n\n\n\n<p>Stehenbleiben, Atem anhalten. Messer in Position. Wenn der jetzt pl\u00f6tzlich von irgendwo rausspringt, kriegt ers zwischen die Rippen gerammt. Nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich koch mir jetzt nen Kaffee. Leck mich doch. Okay, Terrassent\u00fcr vielleicht zu, Fr\u00e4uleinchen? Schicksal nicht herausfordern, gelt? Ein dunkler Morgen in dieser K\u00fcche, allein, nicht wie damals mit Cordula \u2013 nee, da wars nicht so fr\u00fch, da wars h\u00f6chstens eins und nicht ich hatte Schiss, Cordula hattes. Blo\u00df ich dumme Kuh&#8230; was hatte ich auf der Terrasse zu suchen? Wo bin ich eigentlich hergekommen so sp\u00e4t? Die Kinder schliefen, die Mamma hatte sich vergn\u00fcgt, ganz z\u00fcchtig ohne den \u00fcblichen Ausklang auf irgendeiner versifften Matratze. Und dr\u00fcben in der K\u00fcche Licht. Klaus, wusst ich ja, in Frankreich, &#8222;Eheurlaub&#8220;, &#8222;Krisenbew\u00e4ltigung&#8220;, Licht in der K\u00fcche also, ich zwei Schritte auf die Terrasse gemacht, schon beginnts nebenan zu kreischen, &#8222;Hau ab! Ich ruf die Polizei!&#8220;, Cordula.<br \/>Nanu? Verr\u00fcckt geworden, Sch\u00e4tzchen? Sags ungern: Aber der Gedanke gefiel mir, dass Cordula in die Klappse abtransportiert werden w\u00fcrde, am besten in Zwangsjacke. Okay, sie hatte mirn paar Tage vorher nen F\u00fcnfziger zugesteckt, ich bin ja immer klamm, aber so klamm selten gewesen. &#8222;F\u00fcr deine Kinder, die k\u00f6nnen ja nichts daf\u00fcr.&#8220; Okay, h\u00e4tt ich hingenommen, war ja korrekt. Auch wie sie mich dabei angeguckt, mir den Schein hingehalten, in die Hand gekn\u00fcllt hat, die Finger konnt ich nicht krumm machen, das hat sie dann auch getan, ein Fingerchen nach dem andern, &#8222;damit dus nicht verlierst. Kauf deinen Kindern morgen was Anst\u00e4ndiges zu fressen, koch mal was&#8220;, als w\u00fcrde ich nie kochen, als w\u00fcrden meine Kinder hungern, als m\u00fcsste ich nicht diesen verfluchten Schulausflug damit bezahlen undundund.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4tt ich hingenommen. Ist der Preis, ja? Aber dann hat sie mir auf den Bauch gepatscht \u2013 was hab ich eigentlich getragen an dem Tag? Wars schon kalt drau\u00dfen? Nee, nich wirklich. Shirt. Und da patscht die mir mit ihrer Hand \u2013 an jedem Finger mindestens ein Ring \u2013 auf den Bauch, so absch\u00e4tzend und absch\u00e4tzig, pr\u00fcfend, und sagt, nee, nicht ironisch, zynisch: &#8222;Pass \u00fcberhaupt mal auf, dass dir den keiner mehr dick macht, jedenfalls keiner von deinen asozialen Stechern. Ich kenn einen Witwer, der w\u00fcrde sogar dich und deine B\u00e4lger ern\u00e4hren, wenn er daf\u00fcr einmal die Woche rand\u00fcrfte. \u00dcberleg dirs. Ich vermittle.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die &#8222;Menschenfreunde&#8220; geistern noch durch die Rezensentenkammern, da arbeitet der Autor auch schon am n\u00e4chsten Opus. Es tr\u00e4gt den Arbeitstitel &#8222;Arme Leute&#8220; und hat jetzt einen Untertitel bekommen: &#8222;Ein Kriminalroman in drei Ges\u00e4ngen&#8220;. \u00c4h&#8230; drei Ges\u00e4nge? Das klingt ein wenig abgehoben, \u00e4therisch fast, jedenfalls irgendwie nach Reimzwang. 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