{"id":21293,"date":"2008-10-06T08:31:33","date_gmt":"2008-10-06T08:31:33","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/10\/alternative-typologie-des-kriminalromans\/"},"modified":"2022-06-17T19:10:32","modified_gmt":"2022-06-17T17:10:32","slug":"alternative-typologie-des-kriminalromans","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/10\/alternative-typologie-des-kriminalromans\/","title":{"rendered":"Alternative Typologie des Kriminalromans"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2008\/cover\/crimecamp.jpg\" alt=\"crimecamp.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Was &#8222;Krimi&#8220; ist, wei\u00df bis heute kein Mensch. Die Schlauen geben das zu, die nicht ganz so Fixen im Geiste beharren auf Definitionen, wie sie zuhauf angepriesen werden. Nach einer allgemeing\u00fcltigen Begriffskl\u00e4rung suchen sie indes alle, das ist wohl Menschenschicksal. Neben den \u00fcblichen Exkursionen ins vorwiegend Inhaltliche (&#8222;Krimi ist, wenn gemordet wird, wenn ein Ermittler auftaucht, wenn deduziert und kombiniert wird&#8230;&#8220;) und (Literatur)Geschichtliche (&#8222;Krimi ist, was wie Agatha Christie oder Raymond Chandler oder Heinrich Steinfest klingt&#8220;) respektive Schulmeister-\u00c4sthetische (&#8222;Krimi ist, was nicht Literatur ist&#8220;) gibt es ein weiteres Feld, auf dem wir die leidige Frage unter Umst\u00e4nden kl\u00e4ren k\u00f6nnten. Es ist nur nicht leicht zu benennen, dieses Feld, und deshalb tun wir es auch noch nicht. Sondern beginnen dort, wo aller Krimi irgendwann endet: beim Leser, bei der Leserin.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Erste Vorlesung: der Lesefluss<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wer einem Kriminalroman Gutes nachsagen m\u00f6chte, der bescheinigt ihm, sich fl\u00fcssig lesen zu lassen. &#8222;Konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen&#8220;, &#8222;habs in einem Rutsch gelesen&#8220;, neulich gar zu meinem nicht geringen Ergetzen die Forderung, die Story h\u00e4tte &#8222;mitreisender&#8220; sein k\u00f6nnen. Nun ist es aber so: Wer derart \u00fcber einen Text redet, der plappert damit auch \u00fcber sich selbst. Denn zum Lesen geh\u00f6ren immer zwei: ein Text und sein Konsument. Es k\u00f6nnte also sein, dass sich ein Krimi mitnichten &#8222;fl\u00fcssig&#8220; lesen l\u00e4sst, der Konsument aber gar nicht anders kann als fl\u00fcssig zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn auch das muss leider erw\u00e4hnt werden: Nichts ist dem Denken unbek\u00f6mmlicher als das Lesen. Oder anders: Wer fl\u00fcssig liest, der kann bestenfalls z\u00e4hfl\u00fcssig denken, probieren Sies mal aus. Das ist nun ein Charakteristikum von Unterhaltungsliteratur: sich von einem Text durch diesen selbst ziehen lassen, um nicht denken zu m\u00fcssen, weil man schon rein technisch beim Lesen gar nicht denken kann (oder nicht vern\u00fcnftig), h\u00f6chstens nach-denken, wenn einem Herr \/ Frau Autor da im murmelnden B\u00e4chlein der galoppierenden Handlung die W\u00f6rter liefert und die dazu passenden Gedanken gleich servicevorbildlich dazu.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00fcrden wir nun, unser Vorlesungsziel einer alternativen Typologie vor dem inneren Auge, zu einem Schnellschuss tendieren, es w\u00e4re wohl der, zwischen Fluss-Lese-Krimis und Hochwasser-Denk-Krimis zu unterscheiden, denn bekanntlich wird bei Hochwasser alles um einen Strom herum \u00fcberschwemmt (beim Lesen: der Leser) und der Fluss des Stromes wenigstens partiell und tempor\u00e4r zum Stillstand gebracht. Aber, wie gesagt: Schnellschuss.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn, mein Gott, wo steht denn geschrieben, dass man beim Lesen denken m\u00fcssen muss? Ist es nicht gerade der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die Krimidefinitions-Kombattanten einigen k\u00f6nnen, dass ein Krimi, weil zur Spannungsliteratur geh\u00f6rend, spannend sein sollte, eine Spannung, \u00fcber die nachzudenken ich gen\u00f6tigt bin, aber so kontraproduktiv ist wie ein Fernsehkrimi, der, kurz bevor der M\u00f6rder zuschl\u00e4gt, durch eine Werbung f\u00fcr Damenbinden unterbrochen wird? Denn Spannung, wie stellen wir uns die eigentlich bildlich vor? Exakt: wie ein gespanntes Seil, das nicht durchh\u00e4ngt, nicht unterbrochen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Das wiederum f\u00fchrt zu einer ern\u00fcchternden Erkenntnis: Krimis, bei denen ich nachdenken muss, sind nicht spannend, ja, sie sind nicht einmal Krimis. Ich kann h\u00f6chstens nachher anfangen zu denken oder auch zwischendurch, wenn ich den Krimi nicht auf einen Sitz verschlinge (Eine Schlinge ist \u00fcbrigens kein gespanntes Seil, assoziiert es gerade in mir). Ein idealer Krimi w\u00e4re somit einer, der beim Lesen spannend und beim Hinterherdenken komplex ist. Denn Komplexit\u00e4t, das sagen wir jetzt mal einfach so und werden es gleich erl\u00e4utern, ist der Hauptfeind des Leseflusses.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier w\u00e4ren wir an einem hochwichtigen Punkt angelangt, der quasi eine alte Dichotomie ad absurdum f\u00fchrt, die von U- und E-Literatur n\u00e4mlich. Oder wieder anders: Krimis gelten unter anderem deshalb als blankes Zeitvertreibmedium, weil sie literarisch nicht auf der H\u00f6he der Zeit sind, zumeist im Stil eines heruntergekommenen Realismus des 19. Jahrhunderts verfasst (um Thomas W\u00f6rtche leicht zu paraphrasieren; sein B\u00e4ndchen liegt unten auf dem Couchtisch und ich hasse es, meinen Schreibfluss zu unterbrechen, blo\u00df um korrekt zu zitieren). Andererseits kennt die Geschichte der Kriminalliteratur inzwischen eine Menge sogenannter &#8222;komplexer Kriminalromane&#8220;, deren Vertracktheit unter anderem dadurch zustande kommt, dass sie nicht mehr kontinuierlich erz\u00e4hlen, sondern sich dem alten Dichterwort &#8222;Mein Leben? Ist kein Kontinuum!!&#8220; verpflichtet f\u00fchlen, ergo zur &#8222;modernen Literatur&#8220; geh\u00f6ren, die, das nur nebenbei, irgendwann im 18. Jahrhundert beginnt, jedenfalls in der Prosasparte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das w\u00e4re doch nun eine sch\u00f6ne typologische Kr\u00fccke: Wir unterscheiden zwischen Kontinuit\u00e4tskrimis und Diskontinuit\u00e4tskrimis. Und nehmen als drittes noch die Mischform des Sowohl-als-auch-Krimis dazu. Aber Moment: So einfach ist das leider auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im aktuellen Heft von wtd \u2013 die Zeitschrift bespreche ich zwei merkw\u00fcrdige Kriminalromane, Jerome Charyns &#8222;Citizen Sidel&#8220; und Tana Frenchs &#8222;In the woods&#8220; (der deutsche Titel &#8222;Grabesgr\u00fcn&#8220; ist b\u00e4h). Erster ist selbst bei wohlgesonnenster Lekt\u00fcrehaltung nicht fl\u00fcssig zu lesen \u2013 wird es aber doch. Weil wir kraft Erfahrung im Krimilesen automatisch dazu neigen, etwas &#8222;dem Genre&#8220; zuzurechnen, nur weil Krimi draufsteht oder eben aus Erfahrung (Charyn!) Krimi drin sein muss. Wir lesen &#8222;Citizen Sidel&#8220; also krimim\u00e4\u00dfig weg, finden keine Spannung und sind rasend entt\u00e4uscht. Dieses Ph\u00e4nomen nenne ich die &#8222;k\u00fcnstliche und mechanische Verfl\u00fcssigung eigentlich fester K\u00f6rper&#8220;, etwas, das man nicht nur, aber vor allem bei Kriminalliteratur erlebt. Es soll Menschen geben, die Derek Raymond fl\u00fcssig lesen, um ihren Bedarf an Schlachtszenarien zu decken. Das m\u00fcssen merkw\u00fcrdig verbogene, durch ihr Leben schleichende Kreaturen sein. In Wirklichkeit n\u00e4mlich lassen sich weder Charyn noch Raymond fl\u00fcssig a la Krimi konsumieren, es ist Denkarbeit, ja, arch\u00e4ologisch-erfinderische Schwerstarbeit erforderlich, bei der w\u00e4hrend des eigentlichen Leseprozesses nur stichwortartig notieren kann, wo man sp\u00e4ter nachgegraben werden sollte. Oder aber: Der Leseprozess muss unterbrochen werden (Diskontinuit\u00e4t), mithin das gespannte Nervenseil zum Erschlaffen gebracht, um eine andere Art von Spannung zu erzeugen, die sich aus dem Finden verborgener Strukturen speist, also eine Art Schatzsuche ist: Abenteuerliteratur.<br \/>Bei Tana French ist es \u00e4hnlich und doch anders. Sie erz\u00e4hlt uns gleich zwei Krimis in einem, wovon der offensichtliche sehr wohl spannend im tradierten Wortsinne ist, der zweite hingegen die Spannungserwartungen d\u00fcpiert. Das Gemeine daran: Beide Str\u00e4nge sind nicht voneinander zu trennen, sie bedingen sich. Ich lese also hier durchgehend &#8222;fl\u00fcssig&#8220;, muss aber am Ende erkennen, dass ich damit der Komplexit\u00e4t der Geschichte nicht gerecht werde.<\/p>\n\n\n\n<p>Man sieht: Es ist nicht einfach, das Ph\u00e4nomen des Leseflusses typologisch eindeutig zu verifizieren. Wir haben jetzt immerhin einige Besonderheiten herausgearbeitet und werden im zweiten Teil unserer Vorlesung untersuchen, wie denn alles auf die Reihe zu bringen w\u00e4re. Als hilfreich dabei erweist sich die kursorische Betrachtung anderer Formen von &#8222;Krimi&#8220;: Film \/ Fernsehen, Comic \/ Graphic Novel. Aber verzehren Sie jetzt erst einmal Ihre Pausenbrote und suchen Sie das Rauchenzimmer auf, wenn Sie es partout nicht lassen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was &#8222;Krimi&#8220; ist, wei\u00df bis heute kein Mensch. Die Schlauen geben das zu, die nicht ganz so Fixen im Geiste beharren auf Definitionen, wie sie zuhauf angepriesen werden. Nach einer allgemeing\u00fcltigen Begriffskl\u00e4rung suchen sie indes alle, das ist wohl Menschenschicksal. 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