{"id":21299,"date":"2012-07-19T10:08:55","date_gmt":"2012-07-19T10:08:55","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/07\/anne-goldmann-und-derdiedas-triangel\/"},"modified":"2022-06-08T04:40:49","modified_gmt":"2022-06-08T02:40:49","slug":"anne-goldmann-und-derdiedas-triangel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/07\/anne-goldmann-und-derdiedas-triangel\/","title":{"rendered":"Anne Goldmann und derdiedas Triangel"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"180\" height=\"282\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2012\/cover\/triangel.jpg\" alt=\"triangel.jpg\"\/>Gute Literatur ist geschlechtslos. Die Buchwirtschaft will uns etwas anderes weismachen und sie hat nachvollziehbare Gr\u00fcnde daf\u00fcr. Frauenliteratur, Chick-Lit, auf der anderen Seite die M\u00e4nnerdom\u00e4nen Hardboiled \/ Noir oder Spionageroman, wobei sich dorthin verirrt habende Autorinnen auch gerne als Ausnahme von der Regel herhalten d\u00fcrfen. Zielgruppe rules. Frauen lesen mehr als M\u00e4nner, sogar bei Krimis ist das so, und also liegt es nahe, ihnen das zu geben, was sie wollen:<em> \u201egeschickt intelligent-witzige Frauenliteratur\u201c<\/em>, wie ich gestern noch einmal einer Buchr\u00fcckseite entnehmen durfte.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aber nein, ich bleibe dabei: Gute Literatur, gute Kunst \u00fcberhaupt ist geschlechtslos. Aus der Popmusik habe ich ein Musterbeispiel, die kanadische Songwriterin Joni Mitchell. Die selbstverst\u00e4ndlich stets als Frau verkauft wurde, als ein Ausbund an Gef\u00fchligkeit und Eros, bei der ihre Liebschaften immer im Vordergrund standen, w\u00e4hrend etwa Kollege Dylan, in dessen Qualit\u00e4tskategorie Mitchell spielt, vorrangig als K\u00fcnstler wahrgenommen wurde. Dabei gibt es wohl kaum ein musikalisches Werk des 20. Jahrhunderts, das so intelligent wie das Mitchells alle psychischen und gesellschaftlichen Tiefen der Zeit auslotet, mit allen vorhandenen musikalischen Mitteln hantiert, immer voller Wagnis, nie marktstrategisch \u201eam Puls der Zeit\u201c, aber eben k\u00fcnstlerisch durchaus. Ein Frauending? Mitnichten. Ein K\u00fcnsterding.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob Frauen anders denken als M\u00e4nner. Und wenn ja, warum sie das tun. Vielleicht weil sie von Kindesbeinen an in die Rolle des Bauchmenschen getrieben werden, weil sie auch beim Denken immer etwas M\u00fctterlich-Umsorgendes haben sollen\u2026 mag sein. Eines aber wei\u00df ich: Sobald Frauen gro\u00dfartige Kunst machen, etwa brillante Krimis schreiben, sind sie keine Frauen mehr, sondern hervorragende Autorinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nicht diskriminierend, eher im Gegenteil. Und noch etwas wei\u00df ich: Sobald ich erkenne, dass ein Text von einer Frau geschrieben wurde (oder von einem Mann), kann ich davon ausgehen, einen missratenen Text vor mir zu haben, einen marktstrategischen, zielgruppenorientierten, eine blo\u00dfe Lohnschreiberei. Besonders dann, wenn &#8211; siehe Zitat im ersten Absatz \u2013 mir klar gesagt wird: Achtung, jetzt kommt Frauenliteratur. Dann schlage ich das Buch auf und lese die ersten S\u00e4tze. <em>\u201eImmer wenn ich weinen muss, passiert eine Katastrophe. Kennen Sie das auch? Ich bin keine Heulsuse, wirklich nicht. Ich, Lucinda Schober, bin eine typische deutsche Singlefrau in den Drei\u00dfigern, Sternzeichen Zwilling.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das kann nur eine Frau geschrieben haben. Heulsuse, Singlefrau (kein Mann w\u00fcrde sich als \u201eSinglemann\u201c einf\u00fchren\u201c) und dann auch noch an Astrologie glauben. Dazu die direkte LeserInnen-Ansprache, in dem das Umsorgend-M\u00fctterliche, Plapperhafte schon einmal vorbereitet wird. In Ordnung, mehr als die ersten Zeilen von Angelika Lauriels \u201eBei Tr\u00e4nen Mord\u201c habe ich noch nicht gelesen und vielleicht ist das ja ein ganz passabler Krimi (Aber wenigstens habe ich schon einmal herzlich lachen m\u00fcssen, denn im Waschzettel hei\u00dft der Roman \u201eBei Anruf Mord\u201c). Wirklich daran glauben tue ich allerdings nicht, stehe aber nicht zur\u00fcck, das widrigenfalls zu korrigieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein mehr als passabler Krimi ist Anne Goldmanns \u201eTriangel\u201c. Auch er, von der Verlegerin als<em> \u201eklarer, melancholischer Triller\u201c <\/em>gepriesen, steht zun\u00e4chst unter dem Generalverdacht der \u201eFrauenliteratur\u201c im negativen Sinne. Nicht weil er bei Ariadne erschienen ist, wo (fast) nur Autorinnen ver\u00f6ffentlichen, sondern weil er sein Thema so angeht, wie man es von Frauen nun einmal erwartet. \u201eMelancholisch\u201c, eher unspektakul\u00e4r, \u201eaus dem Bauch heraus\u201c. Nun ist gerade Ariadne das beste Beispiel f\u00fcr die These, bei wirklich guter Literatur verschwinde das Geschlecht des Sch\u00f6pfers, der Sch\u00f6pferin hinter der Qualit\u00e4t des Textes. Dominique Manotti, Christine Lehmann, Dagmar Scharsich\u2026 und eben auch Anne Goldmann. Sie erz\u00e4hlt von Regina Aigner, die Insassen eines Gef\u00e4ngnisses bewacht, sie erz\u00e4hlt aber auch von ihrem Geliebten, einem Kollegen, und einem zweifachen M\u00e4dchenm\u00f6rder. Es ist ein Text \u00fcber Gefangenschaft, \u00fcber die Unm\u00f6glichkeit, dem eigenen K\u00f6rper, der eigenen Psyche zu entkommen, ein Text \u00fcber Isolation, \u00fcber Versuche, diese Isolation zu \u00fcberwinden und \u00fcber das letztliche Scheitern dieser Bem\u00fchungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Interessant ist die Erz\u00e4hltechnik. Das Buch hei\u00dft nicht zuf\u00e4llig \u201eTriangel\u201c. Eine Triangel ist ein recht simples Musikinstrument, ein nicht geschlossenes Dreieck, dem man mit Hilfe eines Stahlstabs einen Ton entlocken kann. Das Instrument wird dabei in Schwingungen versetzt, die alle drei Seiten (die im Buch nat\u00fcrlich den drei Protagonisten entsprechen) durchlaufen. Es ist also ein einziger Ton \u2013 und auch das Buch von Anne Goldmann ist so gesehen ein einziger Ton, jeweils durch den Punkt und die Intensit\u00e4t der Ber\u00fchrung variiert. Man kann mit der Triangel keine Melodien spielen, keine Akkorde. Der Ton ist, so scheint es, leicht zu identifizieren, es ist ja nur ein einziger. Auch der Text kann, so das spontane Urteil, nur von einer Frau geschrieben worden sein, ein gr\u00fcblerischer Text, ein Bauchtext \u00fcber Einsamkeit, ohne Machoattit\u00fcden. Aber das t\u00e4uscht. Denn auch der Ton, den man einer Triangel entlockt, ist nicht einfach ein Ton. Er ist eine Schallwelle, eine Vibration, die in sich aus vielen T\u00f6nen besteht und f\u00fcr das menschliche Ohr zu einem verbindet. Ist dieses Ohr geschult, vermag es diese T\u00f6ne zu unterscheiden und auch, wie sie ineinander \u00fcbergehen, sich \u00fcberlagern, erg\u00e4nzen. Das ist auch der Moment, in dem das Geschlecht der Protagonisten obsolet wird. Eine Gef\u00e4ngnisw\u00e4rterin, ein Geliebter, den wir pauschal als \u201esensiblen Frauenversteher\u201c kategorisieren wollen, und ein M\u00e4dchenm\u00f6rder \u2013 und pl\u00f6tzlich ist das eine Person, ist das eine Einsamkeit, ein Unverm\u00f6gen, das Gef\u00e4ngnis des eigenen Ich zu verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Vorbereitung dieses Artikels habe ich mich \u00fcber die Triangel kundig gemacht und den entsprechenden Wikipedia-Text zu Rate gezogen. Dort steht unter anderem zum Wort selbst, es sei <em>\u201eeines der wenigen Substantive der deutschen Sprache, die hochsprachlich alle drei Geschlechter bei sich haben k\u00f6nnen.\u201c <\/em>Also die Triangel, der Triangel, der Triangel, also nicht an ein Geschlecht gebunden. Ich denke, das passt genau. Zum geschlechtslosen Wesen guter Literatur im Allgemeinen und zu Anne Goldmanns Text im Besonderen.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Anne Goldmann: Triangel. <br \/>Ariadne 2012. 266 Seiten. 11 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Angelika Lauriel: Bei Tr\u00e4nen Mord. <br \/>Gmeiner 2012. 278 Seiten. 9,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gute Literatur ist geschlechtslos. Die Buchwirtschaft will uns etwas anderes weismachen und sie hat nachvollziehbare Gr\u00fcnde daf\u00fcr. Frauenliteratur, Chick-Lit, auf der anderen Seite die M\u00e4nnerdom\u00e4nen Hardboiled \/ Noir oder Spionageroman, wobei sich dorthin verirrt habende Autorinnen auch gerne als Ausnahme von der Regel herhalten d\u00fcrfen. Zielgruppe rules. Frauen lesen mehr als M\u00e4nner, sogar bei Krimis [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-21299","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21299","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21299"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21299\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21299"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21299"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21299"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}