{"id":21301,"date":"2008-10-08T09:18:23","date_gmt":"2008-10-08T09:18:23","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/10\/krimikritik-als-trojanisches-pferd\/"},"modified":"2022-06-07T18:47:11","modified_gmt":"2022-06-07T16:47:11","slug":"krimikritik-als-trojanisches-pferd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/10\/krimikritik-als-trojanisches-pferd\/","title":{"rendered":"Krimikritik als trojanisches Pferd"},"content":{"rendered":"\n<p>Man muss sich das so vorstellen: Krimikritiker kritisieren Kriminalliteratur, weil sie etwas davon verstehen. Kriminalliteratur erz\u00e4hlt Geschichten aus bestimmten Milieus, von denen Krimikritiker in der Regel wenig, manchmal \u00fcberhaupt nichts verstehen. Die sogenannte IT-Branche ist so eine Welt, ihr Aush\u00e4ngeschild, das Internet, obgleich t\u00e4gliches Werkzeug, ein Mysterium, das sich f\u00fcr Laien kaum oder gar nicht durchschauen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wenn nun also ein Kriminalroman eben dieses Mysterium und seine Gefahren thematisiert, wird es eng f\u00fcr den Krimikritiker. Er kann eine Email verschicken, eine Webseite aufrufen, einen Link setzen, ansonsten aber ist er meist Laie, das hei\u00dft: Er muss \u00fcber etwas schreiben, das er nicht versteht. \u00dcber Charles Macleans &#8222;Trojaner&#8220; beispielsweise, einen Krimi, der uns die Allgegenwart der digitalen \u00dcberwachung via diverser Spionagesoftware (&#8222;Trojaner&#8220;) deftig vorf\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann \u2192<a href=\"http:\/\/www.titel-magazin.de\/modules.php?op=modload&amp;name=News&amp;file=article&amp;sid=7408&amp;mode=thread&amp;order=0&amp;thold=0&amp;POSTNUKESID=7976e2b7d348be4fc7884cc7a2dc4435\">an dieser Stelle nachlesen<\/a>, warum ich &#8222;Trojaner&#8220; f\u00fcr einen haneb\u00fcchenen Kriminalroman halte, ja, f\u00fcr einen schlicht dummen und inkompetenten. Das Schlimmste ist aber, dass dieses Urteil nicht meiner Kenntnisse der digitalen Welt wegen gef\u00e4llt wurde, nein, so weit brauchte es gar nicht zu kommen, ein wenig gesunder Menschenverstand m\u00fcsste eigentlich gen\u00fcgen, um Macleans Vorstellung, wie schutzlos wir doch alle den Cyperpiraten ausgeliefert seien, als eine erschreckend platte zu brandmarken.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wahrscheinlich irre ich mich da. Die neuesten Rezensionen des Romans fallen n\u00e4mlich voll auf die Behauptungen von Autor und Verlag herein, sie schlucken das angedeutete Schreckensszenario kritiklos, ein Szenario, dies nebenbei, das als solches durchaus real ist, aber eben nicht so, wie Maclean es beschreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei kommt es zu etlichen Putzigkeiten. Im \u2192<a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/literatur\/Trojaner;art138,2628743\">&#8222;Tagesspiegel&#8220;<\/a> etwa f\u00fcrchtet sich Martina Scheffler ganz arg vor den allgegenw\u00e4rtigen Schn\u00fcfflern und erkennt: <em>&#8222;Macleans \u201eTrojaner\u201c bewirkt, dass man sich in der realen virtuellen Welt \u2013 ein Paradox an sich \u2013 vornimmt, beim n\u00e4chsten Chat vorsichtiger zu sein oder ernsthaft \u00fcber eine Verschl\u00fcsselung seiner E-Mails nachdenkt.&#8220;<\/em> Das ist putzig, weil es richtig ist. Doch nicht, weil Mclean uns die Gefahren des Netzes vorf\u00fchrt, hat das seine Berechtigung, sondern weil er angebliche Experten, ja, Genies, agieren l\u00e4sst, die sich im Netz bewegen wie tumbe Toren, die keinerlei Sicherheitsvorkehrungen treffen, sich gegen Spione zu sch\u00fctzen. Mcleans Buch ist eben KEIN Pl\u00e4doyer f\u00fcr mehr Schutz, sondern im Gegenteil ein resigniertes Schulterzucken. Du entkommst den Br\u00fcdern eh nicht.<br \/><em><br \/>Auf der ansonsten seri\u00f6sen Plattform \u2192<a href=\"http:\/\/www.literaturkritik.de\/public\/rezension.php?rez_id=12299&amp;ausgabe=200810\">&#8222;literaturkritik.de&#8220;<\/a> schreibt Thomas Neumann: &#8222;Man k\u00f6nnte meinen, dies alles sei recht banal, vor allem, wenn man sich ein wenig im Internet auskennt. Aber nur weil man eine offensichtliche Gefahr ignoriert, bedeutet das nicht, dass sie nicht vorhanden ist.&#8220;<\/em> Wer ignoriert hier was? Wer kennt sich &#8222;ein wenig aus&#8220;? Auch hier kein Wort \u00fcber die t\u00f6richte Pr\u00e4misse des Buches, die genau das Gegenteil von dem bewirkt, was ihm der Rezensent hoch anrechnet. Hier wird eine reale Gefahr als Naturgesetz beschrieben, sogenannte Experten kapitulieren vor dem &#8222;B\u00f6sen&#8220;, ohne auch nur versucht zu haben, es zu bek\u00e4mpfen. Selbst jetzt sch\u00fcttele ich noch fassungslos das greise Haupt: Da kommunizieren zwei Menschen, von denen einer als &#8222;Computergenie&#8220; eingef\u00fchrt wurde, ganz zwanglos \u00fcber eine Internetverbindung, von der sie genau wissen, dass sie durch einen Trojaner \u00fcberwacht wird. Jeder Normalanwender w\u00fcrde andere Mittel und Wege finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun sollte man sich ja \u00fcber so etwas eigentlich nicht aufregen. Wenn ich es hier ausnahmsweise doch tue, dann vor allem der absoluten Kritiklosigkeit wegen, mit der hier Krimikritiker einer Scharlatanerie auf den Leim gehen. Nicht weil sie &#8222;nicht alles wissen&#8220; k\u00f6nnen (das versteht sich von selbst), sondern weil sie nicht sorgf\u00e4ltig lesen, als Laien schon von vornherein die innere kritische Instanz ausschalten und sich vor der angeblichen Kennerschaft des Autors dem\u00fctig verbeugen. Und damit die fatale Botschaft von &#8222;Trojaner&#8220; fr\u00f6hlich multiplizieren. (Dass mich das an die aktuelle Finanzkrise erinnert, sei nur am Rande erw\u00e4hnt.)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man muss sich das so vorstellen: Krimikritiker kritisieren Kriminalliteratur, weil sie etwas davon verstehen. Kriminalliteratur erz\u00e4hlt Geschichten aus bestimmten Milieus, von denen Krimikritiker in der Regel wenig, manchmal \u00fcberhaupt nichts verstehen. 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