{"id":21310,"date":"2012-07-23T10:45:50","date_gmt":"2012-07-23T10:45:50","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/07\/frank-goehre-i-and-i\/"},"modified":"2022-06-08T04:39:21","modified_gmt":"2022-06-08T02:39:21","slug":"frank-goehre-i-and-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/07\/frank-goehre-i-and-i\/","title":{"rendered":"Frank G\u00f6hre: I and I"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"160\" height=\"261\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2012\/cover\/goehre.jpg\" alt=\"goehre.jpg\"\/>Manchmal ist es eine gute Idee, all die Zerstreutheiten zu sichten, die sich im Laufe einer Schriftstellerexistenz so ansammeln. Die kleinen Auftragsarbeiten, Rezensionen und Reiseberichte, die Vor- und Nachworte f\u00fcr die Werke von Kollegen. Nostalgischen Wert hat das ja durchaus, jedenfalls f\u00fcr den Autor. Nicht immer ist es eine gute Idee, eine Auswahl der gelungensten Petitessen zu ver\u00f6ffentlichen. Genau das hat Frank G\u00f6hre getan und man stellt fest: Es war eine verdammt gute Idee.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Frank G\u00f6hre gilt \u2013 f\u00fcr diejenigen, die es \u00fcberraschenderweise noch nicht wissen \u2013 als der Chronist deutscher Halb- und Unterwelt. Das mag jetzt arg verk\u00fcrzt sein, aber die Zukurzgekommenen, die Gescheiterten und Verirrten, die durch das Raster Gefallenen oder diejenigen, die es immer wieder schaffen, sich selbst durch jedes Raster zu dr\u00fccken, das ist schon so etwas wie das Personal nicht nur der Romane, sondern auch der im Band \u201eI and I\u201c versammelten Aufs\u00e4tze und Reportagen.<br \/>Es beginnt gleich fulminant mit einer Hommage an Hubert Fichte, auch so ein Chronist und G\u00f6hre\u2019scher Wahlverwandter, Hubert Fichte, wie er in \u201esein\u201c Hamburg zur\u00fcckkommt und die Stadt nicht mehr erkennt, wie er ausgeschrieben ist und Abschied nimmt. Einer von den \u201evergessenen Autoren\u201c, die G\u00f6hre versammelt, wobei dieses Vergessensein relativ ist und h\u00e4ufig, wie bei Fichte, den Ver\u00e4nderungen geschuldet, dem ber\u00fcchtigten Zeitgeist oder den Launen des Feuilletons. Als notwendige Erinnerung jedenfalls ist G\u00f6hres Aufsatz lobenswert, zumal man hier schon die St\u00e4rken des Bandes und seines Autors besichtigen kann. Empathie ohne Schmu, Stichworthaftes, das den Kern der Sache ber\u00fchrt, den Leser nicht routiniert journalistisch abf\u00fcttert, ihn vielmehr dichterisch anregt. Dieses Verfahren h\u00e4lt G\u00f6hre auch in den Aufs\u00e4tzen \u00fcber Jean-Pierre Melville, Ernest Tidyman, James Crumley, Daniel Woodrell und David Osborn durch, wobei die letztgenannten beiden gerade eine bescheidene publizistische Renaissance zu erleben scheinen. G\u00f6hre baut vor, dass sie nicht im Fl\u00fcchtigen des Augenblicks verbleibt.<br \/>Ein zweiter Schwerpunkt sind G\u00f6hres Reisereportagen, Trips nach Jamaika und Amsterdam, und die Bezeichnung \u201eTrips\u201c trifft es dabei in jeder Hinsicht. Hier befindet sich G\u00f6hre auf seinem Gebiet, bei den Kiffern und Rumtreibern, im Halbseidenen und Ungef\u00e4hren verstrickt, immer auf der erfolgreichen Suche nach den Charakteren hinter den blo\u00dfen Klischees.<br \/>Komplettiert wird der Band durch einige Kleinportr\u00e4ts von T\u00e4tern und Opfern, Gro\u00dfschnauzen und der jugendlichen Heldin des Films \u201eLiane, Heldin aus dem Urwald\u201c, jener legend\u00e4ren Tarzanlolita der F\u00fcnfziger Jahre. Auch eine pers\u00f6nliche Erinnerung; ich habe den Film nie gesehen, als Vorpubertierender nur die \u201eVorschauen\u201c, was mir aber einen lebhaften Eindruck von kommenden Freuden vermittelte.<br \/>Der Band endet mit einer Collage aus Programminformationen zu einem Sendetag des Bayrischen Rundfunks und Aussagen des zust\u00e4ndigen Intendanten, der einmal Pressesprecher von Angela Merkel war. Und das gen\u00fcgt ebenfalls, man muss den gesamten Film \u201eDeutschland aktuell\u201c gar nicht sehen, um sofort aus dem Kino rennen zu wollen.<br \/>Klar, in einer avancierten Lesart versammelt G\u00f6hre hier auch den Stoff, aus dem er f\u00fcr seine Kriminalromane sch\u00f6pft. Eindr\u00fccke, Anregungen, Milieustudien \u2013 aber diese kleinen Arbeiten behaupten durchaus ihre Eigenst\u00e4ndigkeit, sie sind ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr das Leben jenseits des Geschliffenen und Lackierten. W\u00e4re eine gute Idee, Frank G\u00f6hre w\u00fcrde seinen Fundus demn\u00e4chst wieder inspizieren.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Frank G\u00f6hre: I and I. Stories und Reportagen. \nPendragon 2012. 197 Seiten. 10,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal ist es eine gute Idee, all die Zerstreutheiten zu sichten, die sich im Laufe einer Schriftstellerexistenz so ansammeln. 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