{"id":21311,"date":"2012-07-24T09:55:42","date_gmt":"2012-07-24T09:55:42","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/07\/1000-2\/"},"modified":"2022-06-08T04:38:30","modified_gmt":"2022-06-08T02:38:30","slug":"1000-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/07\/1000-2\/","title":{"rendered":"1000"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich liebe keine B\u00fccher, ich liebe Literatur. B\u00fccher sind Materialien, Werkzeuge und werden auch so behandelt. Gest\u00e4ndnis: Ich schreibe mit Kuli in teure B\u00fccher, Arno Schmidt ist mein Zeuge. Und gleich das n\u00e4chste Gest\u00e4ndnis: Ich kann mit \u201eKulturg\u00fctern\u201c nichts anfangen, sie gehen mir ebenso auf die Nerven wie all diese Kulturtr\u00e4ger, die im Berufsleben nat\u00fcrlich Leistungstr\u00e4ger sind und ich bin nun einmal der Ansicht, dass zu viele Menschen damit besch\u00e4ftigt sind, Leistungen zu bringen, anstatt ehrlich zu arbeiten. Drittes Gest\u00e4ndnis: Ich halte Buchh\u00e4ndler f\u00fcr Menschen, die mit B\u00fccher handeln, so wie eine Wurstverk\u00e4uferin Wurst verkauft. Das Gejammer dieser Branche geht mir geh\u00f6rig auf den Keks, ich glaube ja, dass man dort nicht so verdient, wie man es verdient zu haben glaubt, aber wenn in dieser W\u00f6rterverkaufsbranche \u00fcberhaupt jemand jammern darf, dann die Autorinnen und Autoren, die nicht einmal in die Verlegenheit kommen, sich dar\u00fcber Gedanken zu machen, wie das denn sein k\u00f6nnte, dieses Von-seiner-Arbeit-leben-k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Momentan bin ich dabei, die B\u00fccherpapierfluten endg\u00fcltig zu stoppen, das hei\u00dft, ich stelle auf E-Book um. Rezensionsexemplare? Bitte digital. Traurige und wahlweise entr\u00fcstete Autorenaugen schauen mich an, denn ich begehe ein Sakrileg. Denn selbst wenn sie inzwischen akzeptiert haben, dass E-Books eine Alternative sind, ja, selbst wenn sie ihre Texte eigenh\u00e4ndig in E-Book-Format umwandeln und bei Amazon verscherbeln, denkt doch jeder Autor wehm\u00fctig an den Verlust seiner Unsterblichkeit, den das neue Medium mit sich bringt. Eine Datei eben. Klick und gel\u00f6scht. Nichts Haptisches mehr. Nebenbei: Der Satz \u201eIch mag die Buchhaptik\u201c hat auf meiner Liste der d\u00fcmmsten S\u00e4tze beinahe den Alltime-Spitzenreiter \u201eIch mag handgemachte Musik\u201c erreicht. Als ob man einen Drumcomputer wahlweise mit der Zunge, dem gro\u00dfen Zeh oder dem Penis bedienen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade wer mit dem Tod seine Seiten vollschreibt, sollte vorsichtig sein, von Unsterblichkeit zu unken. Nein, B\u00fccher sind nicht unsterblich, Autoren \u00fcbrigens auch nicht. Sie leben so lange, wie sie gelesen werden, ob auf Papier oder dem E-Book-Reader, das bleibt sich gleich. Sie leben also von der Wertsch\u00e4tzung der Leser, ihrer Bereitschaft, Zeit und eventuell auch Geld zu investieren. Und \u201einvestieren\u201c ist schon das passende Wort, schlie\u00dflich leben wir in einer durch\u00f6konomisierten Gesellschaft. Okay, daraus ergibt sich ein Problem. F\u00fcr das Kulturgut Buch ist man im Allgemeinen bereit, seinen Obolus zu entrichten. Ist ja auch ein \u201eProdukt\u201c, \u201ehaptisch\u201c eben, das darf schon mal 9,95 kosten. Aber ein E-Book? Am besten kostenlos oder unter drei Euro. Zumal der Autor bei einem Verkaufspreis von drei Euro unter Umst\u00e4nden mehr verdient als bei einem Papierbuchpreis von zehn. Schon richtig. Aber dennoch: Ein Autor kann gar nicht genug an einem Buch verdienen, wenn er nicht gerade Bestseller raushaut. Meiner unma\u00dfgeblichen Meinung nach sollten Autoren in der Lage sein, von den Erl\u00f6sen einer Tausenderauflage materiell existieren zu k\u00f6nnen, also sagen wir mit 1000 Euro im Monat. Das w\u00fcrde bedeuten: Um von einem Buch im Jahr leben zu k\u00f6nnen, m\u00fcsste der Autor an jedem Exemplar zw\u00f6lf Euro verdienen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt schlagen alle die H\u00e4nde \u00fcber den K\u00f6pfen zusammen, verstehe ich auch. Erstens: zw\u00f6lf Euro? Wer soll denn das bezahlen? Na, ihr, wer sonst. Zweitens: Wieso schreibt der Bursche nur ein Buch pro Jahr? Okay, ich komme euch entgegen: Ich schreibe zwei und will nur sechs Euro pro Exemplar von euch. Im Gegenzug halten wir die zus\u00e4tzlichen Kosten in Grenzen, was bedeutet: Dem Vertreiber (fr\u00fcher: Buchh\u00e4ndler) geben wir einen Euro und nicht mehr, wie heute, die H\u00e4lfte des Verkaufspreises, dem Verlag geben wir zwei, damit h\u00e4lt er sein Anteilsniveau in etwa. Dann schlagen wir noch sieben Prozent Mehrwertsteuer drauf und runden auf zehn Euro Endpreis.<\/p>\n\n\n\n<p>Das w\u00e4re doch ein nettes Modell, oder? Und nein, auf den Verlag m\u00f6chte ich eigentlich nicht verzichten, wenn es ein guter Verlag ist, der seine Arbeit macht und liebt. Gutes Lektorat, anst\u00e4ndiges Layout, vern\u00fcnftiges Cover, bisschen Werbung. Okay, ich erh\u00f6he auf drei Euro Verlagsanteil, dann w\u00e4ren wir bei elf Euro, das k\u00f6nnt ihr schon verkraften.<\/p>\n\n\n\n<p>Klingt doch nett, oder? Ich unterhalte 1000 Leute und 1000 Leute unterhalten mich. Beide Seiten verzichten auf das Kulturgut- und Unsterblichkeitsged\u00f6ns und widmen sich wieder dem, was sie doch eigentlich wollen: dem Schreiben und Lesen und dem Nachdenken. Und wer will, kann auch mit mir kommunizieren, ich hab dann ja Zeit. Zwei Romane im Jahr, das schaff ich locker, wenn ich sonst nichts zu tun habe, um mir meinen Lebensunterhalt zu sichern. Da bleibt noch ein bisschen Zeit. Und die werden wir nutzen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich liebe keine B\u00fccher, ich liebe Literatur. 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