{"id":21319,"date":"2008-10-21T08:20:32","date_gmt":"2008-10-21T08:20:32","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/10\/thor-kunkel-kuhls-kosmos\/"},"modified":"2022-06-13T02:00:17","modified_gmt":"2022-06-13T00:00:17","slug":"thor-kunkel-kuhls-kosmos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/10\/thor-kunkel-kuhls-kosmos\/","title":{"rendered":"Thor Kunkel: Kuhls Kosmos"},"content":{"rendered":"\n<p>Sch\u00f6n, wenn ein Kriminalroman einen Anhang hat. Der von &#8222;Kuhls Kosmos&#8220; ist reichhaltig, eine Liste der im Besitz des am 31.12.1979 ermordeten Rio Bravo vorgefundenen Schallplatten, s\u00e4mtlich Produkte dessen, was man zur damaligen Zeit &#8222;Diskowelle&#8220; nannte. Zusammengestellt hat die Liste der mit der Aufkl\u00e4rung des Falles beauftragte Frankfurter Kriminalkommissar J\u00f6rg Herbricht, kurz bevor er die Akten schlie\u00dft. Der Fall n\u00e4mlich ist &#8222;an Komplexit\u00e4t kaum zu \u00fcberbieten&#8220;, die Auflistung der Schallplatten ein letzter verzweifelter Versuch, die Zeichen zu lesen. Gibt es da nicht Satanismen? Was bedeutet es, dass Giorgio Moroder der Neffe von Louis Trenker ist? Was hat die Hochfinanz mit der Sache zu tun? Aberwitzige Dechiffrierans\u00e4tze.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Geschichte ist auf den ersten Blick recht simpel. Kuhl, Rio und andere Jugendliche leben in &#8222;Kamerun&#8220;, einem Frankfurter Stadtteil, von dem anzunehmen ist, er beherberge nicht die Gewinner des Finanzcrashs. Jungs ohne Zukunft halt, Kleinkriminelle, die mit GIs Waffengesch\u00e4fte machen, wohl auch mit Drogen dealen und mit verbl\u00fcffender Kreativit\u00e4t Verdienstm\u00f6glichkeiten suchen. Kuhl z.B. hat eine Idee. Man m\u00fcsste die Wohnung eines Rentners beobachten. Eines Rentners, der jeden Monat sein Geld von der Bank abhebt. Irgendwann wird der Rentner sterben, das haben die so an sich, und es merkt ja auch keiner hier. Man wartet also, bis der Rentner tot ist (sieht man, wenn abends kein Licht brennt), dann geht man rein in die Wohnung und greift sich die Knete. Eine wundervolle Idee des Autors \u00fcbrigens, leider geht die Rechnung des Ausf\u00fchrenden nicht auf. Oder man versucht, aus einem Supermarkt ein paar Flaschen Schnaps zu schmuggeln. Ohne zu bezahlen. H\u00e4tte beinahe geklappt. Leider finden sich Kuhl und Rio unvermittelt in einer atemberaubenden Jagd durch das Kaufhaus wieder, gehetzt von blutr\u00fcnstigem Wachpersonal.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist das eine Leben der Kameruner Jungs. Dann endet es abrupt. Kuhl verschafft sich eine gro\u00dfe Geldsumme; leider lassen dabei die Vorbesitzer ihr Leben. Er setzt sich ab auf die Bahamas, f\u00fchrt ein Leben in M\u00fc\u00dfiggang, lernt Filmemacher und andere Dubiosit\u00e4ten kennen, die mit ihm Gesch\u00e4fte machen wollen, ein etwas gealterter Pornostar kreuzt seinen Weg \u2013 doch Kuhl denkt nur an den nahen 31.12.79, Ende des Jahrzehnts, das auch das Ende Kuhls werden soll. Er will sich einen standesgem\u00e4\u00dfen Abgang verschaffen: Geschlechtsverkehr und beim H\u00f6hepunkt: Kugel in den Kopf. Es kommt wieder ein wenig anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 31.12.79 stirbt Rio, ermordet. Kuhl wird davon nichts erfahren. Zu sehr ist er mit seinem eigenen Ableben besch\u00e4ftigt, er reflektiert seine Vita, bisweilen ein wenig zu vertrackt f\u00fcr einen einfachen Jungen aus den schlechteren Vierteln von Frankfurt, er wei\u00df, dass an Sylvester 1979 nicht nur das Jahrzehnt seinen Geist aufgibt, sondern auch alles, was er damit verbunden hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Man k\u00f6nnte den Text tats\u00e4chlich so lesen. Dann l\u00e4se man einen teilweise sehr witzigen, teilweise auch gewollt mit den Klischees des Pulp posierenden Roman. Man kann ihn aber auch anders lesen. Als den Roman eines Jungen, der niemals aus &#8222;Kamerun&#8220; herauskommt, seine Diskoplatten h\u00f6rt und sich in die Illusion einer anderen Welt, in seine utopischen Bahamas hineindenkt. Das nennt man &#8222;l\u00e4ngeres Gedankenspiel&#8220;. Dann wird &#8222;Kuhls Kosmos&#8220; wirklich zu Kuhls Kosmos, zu den Tagtr\u00e4umereien eines qua Herkunft Gescheiterten, in einer Welt aus Dreck, der sich im Diskorhythmus zu Gold verwandelt, aber die Welt h\u00f6rt trotzdem nicht auf, aus Dreck zu bestehen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich ergibt diese Lesart mehr Sinn. Sie macht aus einer h\u00fcbschen chronologisch erz\u00e4hlten Geschichte eine beklemmend vertrackte, in der sich die Wirklichkeit nicht einmal mehr in Gedanken \u00fcberwinden l\u00e4sst. Ein lohnendes Buch mit vielen gelungenen Schnappsch\u00fcssen allemal.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Thor Kunkel: Kuhls Kosmos. <br \/>Pulp Master 2008. 333 Seiten. 13,80 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sch\u00f6n, wenn ein Kriminalroman einen Anhang hat. Der von &#8222;Kuhls Kosmos&#8220; ist reichhaltig, eine Liste der im Besitz des am 31.12.1979 ermordeten Rio Bravo vorgefundenen Schallplatten, s\u00e4mtlich Produkte dessen, was man zur damaligen Zeit &#8222;Diskowelle&#8220; nannte. 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