{"id":21327,"date":"2008-10-24T11:01:21","date_gmt":"2008-10-24T11:01:21","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/10\/ueber-das-abscheuliche\/"},"modified":"2022-06-12T21:55:26","modified_gmt":"2022-06-12T19:55:26","slug":"ueber-das-abscheuliche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/10\/ueber-das-abscheuliche\/","title":{"rendered":"\u00dcber das Abscheuliche"},"content":{"rendered":"\n<p>Man neigt ja dazu, jede \u00f6ffentliche Diskussion sogleich auf die Kriminalliteratur zu m\u00fcnzen und Erkenntnisse, die einem beim Bedenken der Kriminalliteratur untergekommen sind, auf das \u00f6ffentliche Leben. Die j\u00fcngste Aufregung um Herrn Reich-Ranickis \u00c4u\u00dferungen zur Qualit\u00e4t des Fernsehens \u2013 nebst sofortiger Hilfestellung von Frau Heidenreich \u2013 k\u00f6nnte man mit einem oder mehreren Kopfsch\u00fctteln zur Kenntnis nehmen, sich fragen, wie denn da einer, der seit Jahrzehnten im Fernsehen re\u00fcssiert, nicht wissen kann, wohin er geraten ist, und wie da eine, die Literaturkritik zum Flachevent hat verkommen lassen, pl\u00f6tzlich glaubt, sie sei im falschen Medium. Aber eigentlich reflektiert dieses ganze Bohei nur, was die Kriminalliteratur und ihre Rezeption seit Jahr und Tag, ja, seit den Tagen ihrer Jugend maltr\u00e4tiert: die scheinbar un\u00fcberwindliche Kluft zwischen Hoch- und Trivialliteratur.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Herr Reich-Ranicki findet das Fernsehen also abscheulich. Er musste aber ins Fernsehen, um popul\u00e4r zu werden und seine Hochliteratur zu verkaufen. Er musste es, gerade WEIL das Fernsehen so abscheulich ist. Das gilt auch f\u00fcr Frau Heidenreich, dort sogar in viel gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe. Unsereiner, der einen Kriminalroman schreibt, muss ins Schaufenster des Genres, das wenigstens so abscheulich ist wie das Fernsehen. Er geh\u00f6rt automatisch dazu, ob er will oder nicht, denn nur das Umfeld des Popul\u00e4ren erlaubt es ihm, auf Aufmerksamkeit wenigstens hoffen zu k\u00f6nnen. Damit ist nicht gesagt, dass unsereiner Hochliteratur schriebe, sondern genau das Gegenteil. Man hat zu akzeptieren, nur als blinder Passagier auf dem R\u00fccken all der schr\u00e4gen V\u00f6gel des Genres ins Bewu\u00dftsein einer potentiellen Leserschaft transportiert zu werden \u2013 etwas, das \u00fcbrigens auch auf die sogenannte Hochliteratur zutrifft, die mindestens genauso abscheulich sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Genre Kriminalliteratur ist wie das Fernsehen: Ein Sammelbecken der Abscheulichkeiten und des Sch\u00f6nen-Wahren-Guten. Nur: Das Abscheuliche liegt nicht fein separiert vom Sch\u00f6nen-Wahren-Guten, alles durchdringt sich, alles sch\u00f6pft aus einem Brunnen. Herr R-R hat sich schlie\u00dflich auch nicht vor eine Kamera gesetzt und eine dreist\u00fcndige Interpretation von Thomas Manns &#8222;Zauberberg&#8220; abgeleiert. Er hat das Medium mit seinen M\u00f6glichkeiten genutzt, sich ihm dramaturgisch angepa\u00dft, er hat geschrieen und geflucht, komisch geguckt und unendlich traurig seinen MitstreiterInnen zugeh\u00f6rt, und das ist etwas, das ihn kein bisschen von Thomas Gottschalk unterscheidet, der ein Senfbad nimmt oder einer Hollywood-Sch\u00f6nheit in den Ausschnitt linst.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer einen Kriminalroman schreibt, inszeniert seinen Text so, wie er im Genre nun einmal inszeniert werden muss. Er gebraucht das Triviale, weil er unterhalten will, weil er ein m\u00f6glichst gro\u00dfes Publikum zu erreichen trachtet. Und er tut es gerne, er sieht die M\u00f6glichkeiten, er wei\u00df auch, dass die sogenannte Hochliteratur, auch wenn sie mit Krimi nichts am Hut hat, das schon immer so hielt. Die Meisterwerke der Weltliteratur stecken voller Trivialit\u00e4ten, Goethes &#8222;Faust&#8220; etwa wird als ein phantastisches Schauerst\u00fcck mit komischen Einlagen angeboten, nicht etwa als knochentrockenes Traktat \u00fcber die menschliche Natur. Auch Goethe war sich im Klaren, dass man den &#8222;Faust&#8220; als flaches &#8222;Event&#8220; w\u00fcrde rezipieren k\u00f6nnen, als blo\u00dfes Spektakel mit Tod und Teufel und Kindsmord und fr\u00f6hlichem Humpenschwingen im Bierkeller.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer einen Kriminalroman schreibt, wei\u00df also erstens: Ich werde wahrscheinlich mitten im Abscheulichen liegen. Und zweitens: Ich m\u00f6chte genau das. Und drittens: Wenn ich meine Arbeit nicht vern\u00fcnftig gemacht habe, bin ich genauso abscheulich wie vieles andere auch. Herr Reich-Ranicki hat viele abscheuliche Dinge \u00fcber gro\u00dfe Literatur gesagt, er hat Unterschichten-Kritik veranstaltet. Frau Heidenreich wei\u00df \u00fcberhaupt nicht, was Literatur ist, das ist nicht per se abscheulich, aber dass sie nun das Medium, das es ihr erlaubt hat, so zu tun, als w\u00fcsste sie, was Literatur ist, \u00e4chtet, das ist das Abscheulichste \u00fcberhaupt. In der Kriminalliteratur w\u00e4re es also sehr abscheulich, wenn ein sogenannter Hochliterat einen Krimi schreibt, ohne zu wissen, was das ist, und dann das Genre in toto schlecht macht, das sich dagegen wehrt, jeden Mist, nur weil es Hochmist ist, zu akzeptieren.<br \/>Wer Kriminalromane verfasst, l\u00e4sst sich auf eine bestimmte Form von Kommunikation ein. Ihm bleibt auch gar nichts anderes \u00fcbrig, denn Literatur ist qua definitionem Kommunikation. Wer sich darauf einl\u00e4sst, akzeptiert die Regeln. Ich k\u00f6nnte auch experimentelle Prosa verfassen und mir sicher sein, dass niemals ein Leser von Kriminalromanen sie auch nur anfasst. Dann brauche ich auch die Regeln des Genres nicht zu akzeptieren. Ich tue es aber, weil mich diese Regeln reizen. Weil es mich reizt, das Triviale, ohne das kein Kriminalroman ein Kriminalroman sein kann, zu nutzen. Weil es genauso wertvoll, genauso vielschichtig ist wie das Nichttriviale. Es kann gro\u00dfartige Literatur entstehen, es kann abscheuliche Literatur entstehen. Die abscheuliche Literatur wird stets in der Mehrheit sein, sie war es schon immer, auch als es noch keine Kriminalliteratur gab.<br \/>Zu einem Tiefpunkt des Fernsehens wurde das Gespr\u00e4ch Reich-Ranickis mit Gottschalk. R-R hatte kein einziges Argument, Gottschalk nur eins: die Quote. Wer bisher das Fernsehen nicht abscheulich fand \u2013 hier, in diesen drei\u00dfig Minuten, musste ihn davor ekeln.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man neigt ja dazu, jede \u00f6ffentliche Diskussion sogleich auf die Kriminalliteratur zu m\u00fcnzen und Erkenntnisse, die einem beim Bedenken der Kriminalliteratur untergekommen sind, auf das \u00f6ffentliche Leben. 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