{"id":21329,"date":"2012-08-06T08:20:42","date_gmt":"2012-08-06T08:20:42","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/08\/bartlomiej-rychter-die-bestie-von-sanok\/"},"modified":"2022-06-08T04:35:50","modified_gmt":"2022-06-08T02:35:50","slug":"bartlomiej-rychter-die-bestie-von-sanok","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/08\/bartlomiej-rychter-die-bestie-von-sanok\/","title":{"rendered":"Bartlomiej Rychter: Die Bestie von Sanok"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"180\" height=\"287\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2012\/cover\/sanok.jpg\" alt=\"sanok.jpg\"\/>Schauerroman? Gerne. Vorkarpaten? Warum nicht. Da lauert hinter jeder Wegbiegung mindestens ein Vampir oder sonst etwas Untot-Unheimliches. Die W\u00e4lder sind d\u00fcster, die Stra\u00dfen von Sanok, jenem polnisch-ukrainischem Provinzkaff unter \u00f6sterreichischer Herrschaft, ebenso. Man schreibt das Jahr 1896. Das Setting von Bartlomiej Rychters Roman ist wie geschaffen f\u00fcr jenes wohlige Gruseln, dessen sich die Kriminalliteratur gerne bedient, wenn sie uns verwirren m\u00f6chte. \u00dcbernat\u00fcrlich? Ja, anfangs. Aber irgendwann muss alles logisch in unsere n\u00fcchternen K\u00f6pfe, da hat es sich ausgegruselt, da wollen wir Fakten und Motive, da sind wir ganz aufgekl\u00e4rt und technokratisch. Die Herausforderung f\u00fcr Autoren solcher Romane liegt also immer darin, die Kurve zu kriegen, vom dramatisch-verwuselt Emotionalen zum Rationalen zu gelangen. Wie gelingt es hier? Etwas gezwungen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>In Sanok also geht eine Bestie um. Sie f\u00e4llt \u00fcber Ratsherren her, zerfleischt sie, ob in den dunklen Gassen oder den gewiss kaum helleren Wohnzimmern. Ein Werwolf, munkelt der Volksaberglaube. Die Staatsmacht in Gestalt eines zynisch-korrupten \u00f6sterreichischen Polizeibeamten ist machtlos, die Geschichte schreitet langsam voran, entfaltet sich, stellt ihr Personal vor. Eine j\u00fcdische Prostituierte und ihren geheimnisvollen weiblichen Gast auf dem Dachboden, eine &#8222;Witwe&#8220; am Rande des Ortes, von allen gemieden, weil sich ihr Mann aus dem Staub gemacht hat. Einen panischen Apotheker, einen dubiosen Journalisten, einen Arzt und seinen Gast aus Wien, einen Professor, vor allem aber Borys, den jungen Hauslehrer der kranken Tochter des Arztes. Er hat das zweite Gesicht, er sieht das Unheil im Voraus. Gemeinsam mit dem Professor wird er quasi als Ermittlungsteam fungieren. Derweil die Bestie munter mordet.<br \/>So weit so annehmbar. Das was man &#8222;Ambiente&#8220; nennen k\u00f6nnte, hat Rychter souver\u00e4n im Griff, dieses Fin-de-Si\u00e8cle-hafte in einer kleinen Stadt, die Beklommenheit, die Spannungen, das Gef\u00fchl, dass es unter der Oberfl\u00e4che brodelt. Aber irgendwann muss er eben die Kurve kriegen, denn wer gibt sich schon mit einem Werwolf als T\u00e4ter zufrieden? Es kommt zu den \u00fcblichen dramaturgischen H\u00f6hepunkten, gothicnovellike eben, man kann sie sich vorstellen, ohne den Roman gelesen zu haben. Da keucht die Bestie und ihr Atem stinkt, eine Liebesgeschichte wird eingewoben, Frauen geraten in Gefahr, manche Personen sind nicht die, die zu sein sie vorgeben. Und dann der gro\u00dfe Umschwung. Neue Figuren tauchen auf und werden wichtig, die Zeit dr\u00e4ngt, der Fall muss aufgekl\u00e4rt werden, es m\u00fcssen Tatsachen her.<br \/>Tja, und hier wird es schwierig f\u00fcr den Leser. Konnte er der langsam erz\u00e4hlten Geschichte bislang durchaus etwas abgewinnen, wird er nun mit den rationalen Hintergr\u00fcnden der Ereignisse konfrontiert und wei\u00df kaum noch, wo ihm der Kopf steht. Rychter hat einen Whodunit geschrieben und ein Whodunit funktioniert nun einmal so. Gegen Ende muss alles erkl\u00e4rt werden, hektisch und wenig \u00fcberzeugend. Nichts gegen die Referenz an &#8222;Den Hund der Baskervilles&#8220;, aber besonders souver\u00e4n wirkt das alles nicht. Ist schade. Nicht immer ist dann, wenn sich alles f\u00fcgt, auch alles in Ordnung. Und es ist wesentlich leichter, Mysterien zu erschaffen als sie wieder zu beseitigen. Rychter ist es nur notd\u00fcrftig gelungen.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\"><br \/>Bartlomiej Rychter: Die Bestie von Sanok. <br \/>Dtv 2012 (Zloty Wilk. 2009. Deutsch von Lisa Palmes). 366 Seiten. 9,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schauerroman? Gerne. Vorkarpaten? Warum nicht. 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