{"id":21333,"date":"2008-10-28T07:39:34","date_gmt":"2008-10-28T07:39:34","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/10\/thomas-woertche-das-moerderische-neben-dem-leben\/"},"modified":"2022-06-08T01:30:58","modified_gmt":"2022-06-07T23:30:58","slug":"thomas-woertche-das-moerderische-neben-dem-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/10\/thomas-woertche-das-moerderische-neben-dem-leben\/","title":{"rendered":"Thomas W\u00f6rtche: Das M\u00f6rderische neben dem Leben"},"content":{"rendered":"\n<p>Thomas W\u00f6rtche, dessen Wirken man an dieser Stelle nicht mehr vorzustellen braucht, hat sich zu einem Kompendium seines Schaffens aufgerafft, &#8222;Das M\u00f6rderische neben dem Leben&#8220; genannt, dreizehn Aufs\u00e4tze, zwei davon neu (einer \u00fcber seine Zeit als Herausgeber der vielger\u00fchmten metro-Reihe), der Rest \u00fcber die Jahre hier und dort erschienen, f\u00fcr die Buchausgabe teilweise leicht \u00fcberarbeitet. Endlich also, <em>&#8222;nach nur wenigen Jahren geduldiger Nachfrage&#8220;<\/em>, wie es im Abspann des Verlages hei\u00dft, versammelt da einer, der es wissen muss, die Mosaiksteinchen seiner \u00dcberlegungen zu einem Kompendium, zu einem &#8222;<em>Wegbegleiter durch die Welt der Kriminalliteratur&#8220;<\/em> und knipst das definitive Licht der Erkenntnis an.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Macht er nat\u00fcrlich nicht. Denn schon im er\u00f6ffnenden Beitrag die Ern\u00fcchterung: <em>&#8222;Nein, die Sekund\u00e4rbearbeitung von Kriminalliteratur hat sich ihrem Gegenstand angeglichen \u2013 sie ist verstreut, unsystematisch, vermischt und disparat. Auch dieses Buch kann davon keine Ausnahme sein.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Nun wei\u00df, wer zu dieser Sekund\u00e4rbearbeitung sein bescheidenes Scherflein beitr\u00e4gt, dass mit wachsender Erkenntnis \u00fcber &#8222;das Genre&#8220; auch die Unm\u00f6glichkeit, dieses Genre zu definieren, progressiv w\u00e4chst. Je mehr ich lerne, desto weniger wei\u00df ich \u2013 ein bitteres, ehernes Gesetz geistigen Strebens und zugleich sein kraftvollster Motor, denn je weniger ich wei\u00df, desto mehr gibt es zu lernen. Es beginnt ja schon \u2013 auch bei W\u00f6rtche wird es zum roten Faden \u2013 mit der Frage, \u00fcber was wir hier eigentlich reden. \u00dcber KRIMINALliteratur oder \u00fcber KriminalLITERATUR, \u00fcber Krimi als Handelsware oder Krimi als Vertreiberin von Langeweile oder Krimi als Herausforderung f\u00fcr den Geist oder Krimi als Medium von Weltbetrachtung oder Krimi als Kreuzwortr\u00e4tsel mit anderen Mitteln&#8230; Und man glaube nicht, es handele sich bei der Beantwortung dieser Frage um ein schlichtes Multiple-Choice-Verfahren!<\/p>\n\n\n\n<p>Thomas W\u00f6rtche jedenfalls stellt rasch klar, wo er selbst die Eckpfeiler hinsetzt, er polemisiert gegen den &#8222;barrierefreien Krimi&#8220; ebenso wie gegen den &#8222;anspruchsvollen&#8220; (den man auch den &#8222;literarischen&#8220; nennt \u2013 eine Tautologie, \u00fcber die kein weiteres Wort zu verlieren ist), er besteht darauf, Kriminalliteratur habe gleicherma\u00dfen soziologisch und literarisch verankert zu sein, der Zweck heiligt also weder die Mittel noch d\u00fcrfen die Mittel den Zweck zur beliebigen Marginalie zurechtstutzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der vielleicht programmatischste Text des B\u00e4ndchens widmet sich Georges Simenon und ist nicht umsonst mit &#8222;Das Versagen der Kategorien&#8220; betitelt. Gleich zu Anfang macht W\u00f6rtche klar, dass ihm das Konstrukt &#8222;popul\u00e4re Kultur&#8220; zur Vorkategorisierung von &#8222;Kriminalliteratur&#8220; untauglich zu sein scheint. Kriminalliteratur beharrt darauf, <em>&#8222;Sujets aus dem wirklichen Leben mit \u00e4sthetischen Mitteln zu erz\u00e4hlen. Und die dabei die Tatsache nicht aus den Augen verliert, dass ein Konstituens von &#8218;Realit\u00e4t&#8216; eben &#8218;Kriminalit\u00e4t&#8216; hei\u00dft.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Eine solche Definition von Kriminalliteratur ist nat\u00fcrlich keine \u2013 sie sortiert sie vielmehr unter die Techniken von Weltbeschreibung durch erz\u00e4hlende Prosa und befreit sie somit auch von den \u00fcblicherweise zu ihrer Fixierung herangezogenen, &#8222;genre-immanenten&#8220; Handlungsschablonen. Kriminalliteratur definiert sich nicht \u00fcber Inhalte und dramaturgische Abl\u00e4ufe, sie ist ein Werkzeug unter anderen, die harte Schale Realit\u00e4t aufzubrechen. Was nun nicht zum Missbrauch von &#8222;Krimi&#8220; einl\u00e4dt, wie er allenthalben zu beobachten ist. Das Kriminal beh\u00e4lt seine zentrale Bedeutung, es ist nicht zu Zwecken besserer Verk\u00e4uflichkeit einmontierter Spannungsgeber, sondern analytische Waffe (dass dieses Konzept am historischen Anfang von Kriminalliteratur steht, sei in Parenthese wenigstens erw\u00e4hnt.)<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist W\u00f6rtches Verdienst, ein zugleich offenes und geschlossenes System zur &#8222;Theorie der Kriminalliteratur&#8220; entwickelt zu haben, eine Gedankenlandschaft durchaus mit Postulaten, aber eben mit Fragezeichen hinter den Ausrufes\u00e4tzen. Vieles lie\u00dfe sich kritisch andocken, die Frage des \u00c4sthetischen, des Trivialen, des Seriellen&#8230; jedenfalls ist &#8222;Das M\u00f6rderische neben dem Leben&#8220; immer auch ein Affront gegen wohlfeiles &#8222;Was ist Krimi?&#8220;-Getue, gegen den 999. Ratgeber, wie man einen &#8222;gelungenen Kriminalroman&#8220; fabriziere, eine Aufforderung, Kriminalliteratur in ihrem nat\u00fcrlichen Umfeld, der Literatur, wahrzunehmen, ohne dem dort gebr\u00e4uchlichen Vokabular und intellektuellen D\u00fcnkel allzu naiv aufzusitzen. W\u00f6rtche wei\u00df nicht, was ein Krimi ist. W\u00fcsste er es, man br\u00e4uchte sein Buch nicht zu lesen. Also.<\/p>\n\n\n\n<p>(Der Band enth\u00e4lt u.a. Aufs\u00e4tze zu Georges Simenon, Eric Ambler, Patricia Highsmith, Chester Himes, das Komische, Science Fiction &amp; crime fiction sowie Graphic Novels. Und &#8222;TWs seltsame Rankings&#8220;&#8230;)<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Thomas W\u00f6rtche: \nDas M\u00f6rderische neben dem Leben. Ein Wegbegleiter durch die Welt der Kriminalliteratur. \nLibelle 2008. 203 Seiten. 19,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas W\u00f6rtche, dessen Wirken man an dieser Stelle nicht mehr vorzustellen braucht, hat sich zu einem Kompendium seines Schaffens aufgerafft, &#8222;Das M\u00f6rderische neben dem Leben&#8220; genannt, dreizehn Aufs\u00e4tze, zwei davon neu (einer \u00fcber seine Zeit als Herausgeber der vielger\u00fchmten metro-Reihe), der Rest \u00fcber die Jahre hier und dort erschienen, f\u00fcr die Buchausgabe teilweise leicht \u00fcberarbeitet. 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