{"id":21338,"date":"2008-10-30T07:59:15","date_gmt":"2008-10-30T07:59:15","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/10\/michael-collins-toedliche-schlagzeilen\/"},"modified":"2022-06-13T00:01:13","modified_gmt":"2022-06-12T22:01:13","slug":"michael-collins-toedliche-schlagzeilen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/10\/michael-collins-toedliche-schlagzeilen\/","title":{"rendered":"Michael Collins: T\u00f6dliche Schlagzeilen"},"content":{"rendered":"\n<p>Bevor am Ende von &#8222;T\u00f6dliche Schlagzeilen&#8220; das gro\u00dfe Geheul ausbricht und die vor dem Zubettgehen notorisch schm\u00f6kernde Krimimimi die Schwarte gen Frisierkommode feuert, verrate ich dieses Ende lieber. Also: Der M\u00f6rder von Ronny Lawtons Vater wird nicht ermittelt. Stattdessen hei\u00dft es im Epilog: <em>&#8222;Sie fragen sich immer noch, wer Ronny Lawtons Vater umgebracht hat? Genausogut k\u00f6nnten Sie sich fragen, welches spezifische Ereignis die Schlie\u00dfung unserer Fabriken und den Tod unserer Stadt zur Folge hatte. (&#8230;) Wer ist daran schuld, dass wir unsere Produktionsst\u00e4tten im Stich gelassen und nicht l\u00e4nger Dinge mit unseren H\u00e4nden erschaffen? Es gibt unz\u00e4hlige Verd\u00e4chtige, aber zu einer Verurteilung wird es vermutlich niemals kommen.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Ein merkw\u00fcrdiges St\u00fcck Kriminalliteratur f\u00fcr jene, die sich vom wie gehabt rei\u00dferisch schwachsinnigen deutschen Titel zum Kauf animieren lie\u00dfen, wo es der Originaltitel des im Jahre 2000 erstver\u00f6ffentlichten Buches doch weit besser auf den Punkt bringt: &#8222;The Keepers of Truth&#8220;. Die H\u00fcter der Wahrheit sitzen in der Redaktion des Zeitungsbl\u00e4ttchens &#8222;Daily Truth&#8220; einer ehemaligen Industriestadt inmitten der gro\u00dfen Pr\u00e4rien, zwei \u00e4ltere Herren ohne Illusionen und der junge Bill, ambitioniert, durch und durch vergeistigt, Nachk\u00f6mmling eines K\u00fchlschrank-Fabrikanten und eines Vaters, der sich \u2013 von pers\u00f6nlicher wie wirtschaftlicher Depression zerm\u00fcrbt \u2013 das Hirn aus der Schale geschossen hat. Nichts tut sich. Man berichtet, w\u00e4hrend alles den Bach runtergeht, von Schulsport und Hausfrauenaktivit\u00e4ten, Bill m\u00f6chte weg, vielleicht Jura studieren, aber das schafft er einfach nicht. Seine Freundin hat l\u00e4ngst Leine gezogen, hei\u00df und staubig ist es obendrein.<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann geschieht doch etwas: Ronny Lawtons Vater verschwindet. Man findet einen Finger von ihm, der Sohn \u2013 Hilfskraft in der K\u00fcche eines Fastfood-Restaurants \u2013 ger\u00e4t in Verdacht. Vater und Sohn mochten sich nicht, ha\u00dften sich sogar. Bill, wie euphorisiert, schreibt einen Sensationsbericht nach dem anderen, wird sogar \u00fcberregional abgedruckt. Derweil Ronny, dem nichts zu beweisen ist, sich zu einer Art Popstar f\u00fcr die gelangweilte Jugend des St\u00e4dtchens entwickelt und seine Show abzieht. Schlie\u00dflich versandet die Geschichte. Bis Bill Ronnys Exfrau Teri kennenlernt, ein Gesch\u00f6pf, das jeder Dummbeutel in deutschen Talkshows zielsicher als &#8222;sozialschwache Unterschichtenvertreterin&#8220; identifizieren w\u00fcrde. Bill verliebt sich in Teri. Gleichzeitig wird er den Verdacht nicht los, dass sie selbst etwas mit dem Verschwinden und der offensichtlichen Ermordung von Ronny Lawtons Vater zu tun haben k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber man muss nicht bis zu Collins&#8216; Epilog warten, um herauszufinden, dass es in seinem Roman um ganz andere Verbrechen als die genre\u00fcblichen geht. Die Ermordung einer Stadt, das langsame Sterben der Zur\u00fcckgebliebenen, ihre Versuche, sich aus dem Elend in bessere Welten zu tr\u00e4umen, die aus merkw\u00fcrdigen Frisiersalons oder Prospekten h\u00fcbscher Seniorenheime in Florida oder einer Urkunde &#8222;Angestellter des Monats&#8220; bestehen. All das erz\u00e4hlt dieser Roman, und er erz\u00e4hlt es ebenso illusionslos wie elegant, er berichtet von den Verrenkungen, die man vor dem Tod macht, von der Verwandlung von Verzweiflung in kom\u00f6diantisches Grimassenschneiden, er z\u00e4hlt von Amerika, dem Kapitalismus, aber nicht nur. Am Ende haben wir das, was wir in solchen Situationen immer haben: viele Verd\u00e4chtige, keine T\u00e4ter, die abzuurteilen w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch, man kann &#8222;T\u00f6dliche Schlagzeilen&#8220; von 2000 auch als Kommentar zu 2008 lesen. In vielem ist er Analyse dessen, was schon passiert ist, in manchem Vorschau auf das, was noch passieren wird. Und bei diesen Aussichten ist es wirklich v\u00f6llig nebens\u00e4chlich, wer Ronnys Vater ermordet hat. Wer nicht partout wissen muss, wer&#8217;s denn nun war, wer aber wissen will, um was es eigentlich geht, lese dieses Buch.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Michael Collins: T\u00f6dliche Schlagzeilen <br \/>(Original: \"The Keepers of Truth\", 2000, deutsch von Eva Bonn\u00e9). <br \/>Btb 2008. 381 Seiten. 9,00 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bevor am Ende von &#8222;T\u00f6dliche Schlagzeilen&#8220; das gro\u00dfe Geheul ausbricht und die vor dem Zubettgehen notorisch schm\u00f6kernde Krimimimi die Schwarte gen Frisierkommode feuert, verrate ich dieses Ende lieber. Also: Der M\u00f6rder von Ronny Lawtons Vater wird nicht ermittelt. Stattdessen hei\u00dft es im Epilog: &#8222;Sie fragen sich immer noch, wer Ronny Lawtons Vater umgebracht hat? 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