{"id":21345,"date":"2008-11-04T07:18:18","date_gmt":"2008-11-04T07:18:18","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/11\/alternative-typologie-des-kriminalromans-2\/"},"modified":"2022-06-13T00:01:48","modified_gmt":"2022-06-12T22:01:48","slug":"alternative-typologie-des-kriminalromans-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/11\/alternative-typologie-des-kriminalromans-2\/","title":{"rendered":"Alternative Typologie des Kriminalromans -2-"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2008\/cover\/crimecamp.jpg\" alt=\"crimecamp.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Zweite Vorlesung: Noch einmal \u00fcber den Lesefluss, unter besonderer Ber\u00fccksichtigung von Bildern<\/strong><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Qualit\u00e4t eines Krimis definiert sich \u00fcber die Geschwindigkeit, mit der seine Lekt\u00fcre erfolgt. Ein in zwei Tagen zur G\u00e4nze verschlungener Text von 300 Seiten ist ergo &#8222;besser und spannender&#8220; als ein Text gleichen Umfangs, f\u00fcr dessen Bew\u00e4ltigung geschlagene f\u00fcnf oder sechs, gar sieben Tage draufgehen.<br \/>Dass die Sache so einfach nicht ist, haben wir \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2008\/10\/alternative-typologie-des-kriminalromans.php\">im ersten Teil<\/a> unserer literar-physikalischen Vorlesung bereits erw\u00e4hnt. Und sie wird in Zukunft auch nicht einfacher werden, ganz im Gegenteil. Denn ein neues Medium packt den Krimi und entrei\u00dft ihn, wenigstens zum Teil, seinem nat\u00fcrlichen Umfeld, der Sprache. Wir sprechen von den &#8222;Graphic Novels&#8220;, in den USA bereits Boomgenre, hierzulande zumindestens auf dem Weg ins Bewu\u00dftsein der Konsumenten. Was man schon daran erkennt, dass Fred Vargas&#8216; in Kollaboration mit dem Zeichner Baudoin entstandenes Werk &#8222;Das Zeichen des Widders&#8220; es geschafft hat, auf eine gewisse Liste zu kommen und Thomas W\u00f6rtche, seit vielen Jahren ein Kenner und Beobachter des Genres, dieses an vielen Orten dringend empfiehlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Comics. Das ist schon so ein Stichwort. Ein \u00fcbelannotiertes, und w\u00e4re man sarkastisch, man k\u00f6nnte feststellen, dass es das literarische Schmuddelkind Krimi geschafft hat, unter Stand zu heiraten, das sozialschwache Unterschichtenkind Comic n\u00e4mlich, den wir, als wir selbst Kinder waren, nicht mal unter der Bettdecke ohne schlechtes Gewissen lesen konnten, w\u00e4hrend derweil \u00fcber der Bettdecke Schillers &#8222;Glocke&#8220; trostlos und ungeh\u00f6rt verbimmelte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber unser Thema ist die Lesegeschwindigkeit. Und da steht es denkbar gut \u2013 und denkbar schlecht \u2013 um die Graphic Novel. Gut, weil so ein Hefterl, auch wenn es ein Buch ist, in Nullkommanichts durch ist. Sind ja nur Bilder und Dialoge, vielleicht irgendwo eine Art knappe Regieanweisung noch. Schlecht, weil der gemeine Krimileser, die gemeine Krimileserin es zwar sch\u00e4tzt, ein sagen wir f\u00fcr 10 Euro erworbenes Lese-Buch in zwei Tagen durch zu haben, aber keine 20 f\u00fcr ein d\u00fcnnes B\u00fcchelchen ausgibt, dem man binnen zwei Stunden den Lekt\u00fcregaraus machen kann. Und prompt lese ich in einem bekannten Krimiforum bitteres Wehklagen \u00fcber den Vargas-Titel und seine Hochpreisigkeit&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Und jetzt kommts: Eine gelungene Graphic Novel von, nehmen wir: 80 Seiten kann zu einer tage-, gar wochenlangen Besch\u00e4ftigung werden. Vorausgesetzt: Der Autor versteht sein Handwerk und der Zeichner das seinige ebenso. Und wenn dann beides auch noch zusammenpa\u00dft \u2013 mon dieu, was f\u00fcr ein langlebiger Genuss kann das werden!<\/p>\n\n\n\n<p>Aber einer, der uns in puncto Lesegeschwindigkeit vor neue Probleme stellt. Im Gegensatz zum Film n\u00e4mlich bewegen sich bei Graphic Novels die Bilder nicht, die Rezeptionsgeschwindigkeit ist also nicht vorgegeben. Wir, die LeserInnen, sind die menschlichen Projektoren, die f\u00fcr die Bildgeschwindigkeit verantwortlich sind und den inneren Film steuern. Nehmen wir ein willk\u00fcrliches Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine kurze Reise durch eine durchschnittliche Landschaft. Der Held, behaupten wir, f\u00e4hrt mit dem Zug und schaut dabei aus dem Fenster. Als Hersteller von reinen Wort-Bildern kann ich das sehr ausf\u00fchrlich-naturalistisch (schlichtere Gem\u00fcter w\u00fcrden behaupten: realistisch) bewerkstelligen oder aber knapp, in Einzelbildern. Ich kann es in einer &#8222;bewegten Sprache&#8220; tun, die die Geschwindigkeit quasi vorgibt oder in einer bild- und assoziationsreichen, die den Lesefluss immer wieder hemmt. Im Film kann ich das auch. Muss jedoch beachten, dass selbst statische Einzelbilder dort einer allgemeinen Filmgeschwindigkeit unterworfen sind. Die Graphic Novel steht genau dazwischen. Hier sind es entweder Film-Bilder, die St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck rezipiert werden wollen, oder eben wirkliche Einzel-Bilder, deren Bedeutung aus der statischen Betrachtung hervorgeht, was nat\u00fcrlich die Lese- (besser: Betrachtungs-) Geschwindigkeit hemmt. Entscheidend ist die Intention des Zeichners in Zusammenarbeit mit dem Autor. Das, was ein Autor in W\u00f6rter und Worte (man beachte den feinen Unterschied!) packt, das l\u00f6st der Zeichner visuell auf. Bestenfalls ist er ein zweiter Hogarth (bitte googeln) und bestenfalls ist der Betrachter ein zweiter Lichtenberg (bitte noch einmal googeln). Die Geschwindigkeit wird zum Stillstand, die Geschichte auf dem Papier zur Geschichte im Kopf. So gesehen, sind Graphic Novels in ihrer Wirkung Nur-Texte mit anderen medialen M\u00f6glichkeiten. So wie ein Film, der in 90 Minuten vor uns abflimmert, bestenfalls auch dem Nur-Text \u00e4hnelt. N\u00e4mlich darin, dass er mich zum Nachdenken und Assoziieren bringt. Ob w\u00e4hrend der Rezeption oder danach, ist eigentlich wurscht. Ich behaupte aber, das man Buch oder Graphic Novel oder Film immer erst nach der Lekt\u00fcre \/ dem Anschauen wirklich liest \/ betrachtet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zweite Vorlesung: Noch einmal \u00fcber den Lesefluss, unter besonderer Ber\u00fccksichtigung von Bildern<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-21345","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21345","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21345"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21345\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21345"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21345"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21345"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}