{"id":21358,"date":"2008-11-11T08:14:13","date_gmt":"2008-11-11T08:14:13","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/11\/gilbert-adair-und-dann-gabs-keinen-mehr\/"},"modified":"2022-06-07T00:15:39","modified_gmt":"2022-06-06T22:15:39","slug":"gilbert-adair-und-dann-gabs-keinen-mehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/11\/gilbert-adair-und-dann-gabs-keinen-mehr\/","title":{"rendered":"Gilbert Adair: Und dann gab&#8217;s keinen mehr"},"content":{"rendered":"\n<p>Ist das der Krimitrend 2008? Autoren, die in ihre B\u00fccher springen, Personen, die aus diesen B\u00fccher heraush\u00fcpfen? Irgendwie metaeben, irgendwie dekonstruktivistisch, irgendwie, genau: postmodern. Zuletzt die t\u00fcrkische Autorin \u2192<a href=\"http:\/\/www.titel-magazin.de\/modules.php?op=modload&amp;name=News&amp;file=article&amp;sid=7452&amp;mode=thread&amp;order=0&amp;thold=0\">Pinar K\u00fcr<\/a> mit &#8222;Mordsfakult\u00e4t&#8220; \u2013 da ists eher schiefgegangen. Jetzt Gilbert Adair mit &#8222;Und dann gab&#8217;s keinen mehr&#8220; \u2013 schon besser. Mit einer klitzekleinen Einschr\u00e4nkung.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dass Adair ein b\u00f6ser Schelm ist, wissen wir. Mit seiner Detektivin Evadne Mount hat er ein wunderbares Vehikel konstruiert, um Agatha Christie und Alfred Hitchcock auf die Schippe zu nehmen, und wir haben es mit gro\u00dfem Vergn\u00fcgen gelesen. Jetzt, im dritten Abenteuer der verschrobenen Dame, werden wir \u00fcberrascht. Das Werk wird in der ersten Person Singular erz\u00e4hlt \u2013 und zwar vom Autor selbst, Gilbert Adair, der zu einem Sherlock-Holmes-Festival im schweizerischen Meiringen eingeladen wird, unweit der Wasserf\u00e4lle von Reichenbach, in die ein seines Helden \u00fcberdr\u00fcssiger Conan Doyle den d\u00fcpierten Sherlock hat st\u00fcrzen lassen, um ihn Jahre sp\u00e4ter unbesch\u00e4digt aus dem Wasser zu ziehen, auf dass er den b\u00f6sen gro\u00dfen Hund zur Strecke bringe.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt ist Adair nat\u00fcrlich in seinem Element. Allerhand obskures Festival-Personal trifft ein, Adair selbst liest eine Geschichte a la Conan Doyle vor, als besonderer Ehrengast taucht Gustav Slavorigin auf, ein &#8222;Skandalschriftsteller&#8220;, gegen den rechte US-amerikanische Kreise eine &#8222;Fatwa&#8220; ausgerufen haben, hat Slavorigin doch die Nation in einem Pamphlet beleidigt (aus dem Adair gen\u00fcsslich zitiert&#8230;). 100 Millionen Dollar sind auf seinen Kopf ausgesetzt, hinter jeder Ecke kann der zuk\u00fcnftige Multimillion\u00e4r lauern.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wer taucht pl\u00f6tzlich noch auf? Genau. Evadne Mount. Teufel, fragt man sich, geht das auch hier los? Aber man wird angenehm \u00fcberrascht. Adair findet eine sehr logische und irdische Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Zusammentreffen von Autor und Gesch\u00f6pf. Dann geschieht, was geschehen muss: Slavorigin wird ermordet, Adair und Mount ermitteln.<\/p>\n\n\n\n<p>Das liest sich alles wunderbar, steckt voller Bonmots und h\u00fcbscher Ideen (wann ist z.B. schon einmal der deutsche \u00dcbersetzer eines Autors zu der Ehre gekommen, im Roman mitspielen zu d\u00fcrfen? Jochen Schimmang tuts.). Und dann kann es Adair mit dem Postmodernisieren eben doch nicht lassen. Ist Mount nicht vielleicht doch kein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern, siehe oben, aus der Druckerschw\u00e4rze in die Empirie gestiegen? Als blo\u00dfe Spielerei w\u00e4re dieser Verdacht ganz nett. Aber im dramatischen Finale \u2013 nat\u00fcrlich an den Wasserf\u00e4llen von Reichenbach \u2013 \u00fcbertreibt es Adair denn doch ein wenig. Nicht, dass auch diese \u00dcbertreibungen nicht nett und die L\u00f6sung des Falles nicht gewohnt hinterlistig w\u00e4re. Es ist halt nur eine Spur zu \u00fcberkandidelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun, sehen wir es positiv: Pr\u00e4chtige Unterhaltung liefert das allemal. Meinetwegen postmoderne; man ist ja f\u00fcr alles dankbar.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Gilbert Adair: Und dann gab&#8217;s keinen mehr. <br \/>(And then there was no one, 2009 \u2013 kein Schreibfehler; die \u00dcbersetzung ist fr\u00fcher erschienen als die englische Originalausgabe! \u2013 deutsch von Jochen Schimmang). <br \/>C.H. Beck 2008. 272 Seiten. 18,90 \u20ac<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist das der Krimitrend 2008? Autoren, die in ihre B\u00fccher springen, Personen, die aus diesen B\u00fccher heraush\u00fcpfen? Irgendwie metaeben, irgendwie dekonstruktivistisch, irgendwie, genau: postmodern. Zuletzt die t\u00fcrkische Autorin \u2192Pinar K\u00fcr mit &#8222;Mordsfakult\u00e4t&#8220; \u2013 da ists eher schiefgegangen. Jetzt Gilbert Adair mit &#8222;Und dann gab&#8217;s keinen mehr&#8220; \u2013 schon besser. 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