{"id":21360,"date":"2008-11-12T08:04:18","date_gmt":"2008-11-12T08:04:18","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/11\/whodunit\/"},"modified":"2022-06-13T00:02:14","modified_gmt":"2022-06-12T22:02:14","slug":"whodunit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/11\/whodunit\/","title":{"rendered":"Whodunit?"},"content":{"rendered":"\n<p><em>&#8222;Ein kleines gro\u00dfes Werk ergo, diese in feiner Gestalt ins 21. Jahrhundert hin\u00fcbergeretteten Gaunerst\u00fcckchen&#8220; <\/em>\u2013 so lobte ich im M\u00e4rz 2007 \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/03\/adelbert-von-chamisso-die-gauner.php\">&#8222;Die Gauner&#8220;<\/a> (1836) von Adelbert von Chamisso, eine erst 1989 zuf\u00e4llig wiederentdeckte Sammlung allerliebster Gaunerportr\u00e4ts des Romantikers, von Gerd Sch\u00e4fer im Verlag Matthes &amp; Seitz herausgegeben. In akkurat jenem Verlag, der jetzt mit &#8222;Der wilde Europ\u00e4er&#8220; von Beatrix Langner eine Biografie Chamissos ver\u00f6ffentlicht hat. So. Und nun wird es h\u00f6chst seltsam&#8230;<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Denn Beatrix Langner deckt auf: &#8222;Die Gauner&#8220; sind gar nicht von Chamisso! Der n\u00e4mlich hat in einem Brief vom 18. September 1836 lamentiert: <em>&#8222;&#8230; ein Buchh\u00e4ndler-Verleger, der \u00fcbrigens in schlechtem Ruf steht, findet meinen Namen bekannt genug, um ihn auf den Titel fabrizierter B\u00fccher zu setzen, die er in Umlauf gebracht hat.&#8220; <\/em>Gegen diesen Missbrauch gedenkt Chamisso indes nicht vorzugehen, eine \u00f6ffentliche Richtigstellung bleibt folglich aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Na ja. Ob er oder ob er nicht, kann man aus der Ferne schwer entscheiden. Dass Behauptung und Gegenbehauptung in einem gemeinsamen Verlag erscheinen, ist aber sehr nett. Weniger nett, wie Frau Langner ihrerseits begr\u00fcndet, warum &#8222;Die Gauner&#8220; nicht von Chamisso sein k\u00f6nnen: <em>&#8222;Der antiquierte altdeutsche Stil, die matten Pointen, die journalistische Bl\u00e4sse der kurzen Geschichten und Anekdoten sind so auffallend, dass niemand, der auch nur eine Seite Prosa von Chamisso gelesen hat, es f\u00fcr ein Originalwerk halten w\u00fcrde.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Hm. Nein. Altdeutsch? Matt? Blass? Keine Spur. Aber in Ordnung, das mag Interpretationssache sein. Merkw\u00fcrdig ist jedoch die These, man brauche nur eine Seite Chamisso zu lesen, um seine Urheberschaft auszuschlie\u00dfen. Was f\u00fcr ein Autor w\u00e4re dann dieser Chamisso, wenn man aus einer Seite folgern k\u00f6nnte, wie der Mann schreibt und wie nicht? Sorry. Aber das m\u00fcsste schon ein reichlich erstarrter Stilist sein, der seine ganze Kunst auf einer einzigen Seite ausbreitet und nicht dem Sujet anpasst, das er behandelt. \u2013<\/p>\n\n\n\n<p>Es kommt noch dicker bei Frau Langner:<em> &#8222;167 Jahre nach Chamissos Tod wird dieses Buch in einem Antiquariatskatalog wiederentdeckt, neu aufgelegt und von einer ahnungslosen Literaturkritik wohlwollend kommentiert, f\u00fcr die Chamisso nicht viel mehr als eine liebensw\u00fcrdige Randfigur der deutschen Literaturgeschichte, ein &#8218;falscher Klassiker&#8216; ist.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist starker Tobak. Frau Langner bezieht sich auf Rezensionen des Buches in der Frankfurter Rundschau und der FAZ, sie steht dem Herausgeber Gerd Sch\u00e4fer zu, seine Edition mit einem <em>&#8222;\u00fcberzeugenden Nachwort&#8220;<\/em> ausgestattet zu haben. Niemand hat Chamisso zur &#8222;liebensw\u00fcrdigen Randfigur&#8220;, zum &#8222;falschen Klassiker&#8220; ernannt, man hat lediglich einen Text rezensiert und f\u00fcr gelungen befunden, dessen Urheber &#8222;\u00fcberzeugend&#8220; identifiziert wurde. Was h\u00e4tte man tun sollen? Zuerst Chamisso-Experte werden? Vor der Kritik eine umfassende Stilanalyse des Gesamtwerks anstellen? Und wie kann das Nachwort eines Herausgebers (eines Experten also), der das Werk Chamisso zurechnet, &#8222;\u00fcberzeugend&#8220; sein, die Kritik indes &#8222;ahnungslos&#8220;, weil sie diesen \u00fcberzeugenden Belegen des Herausgebers Glauben schenkt?<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, ich bleibe dabei. &#8222;Die Gauner&#8220; ist \u2013 gerade wegen seiner Lakonik und offenkundigen Nicht-Liebensw\u00fcrdigkeit \u2013 ein gelungenes Exempel &#8222;vorbereitender Kriminalliteratur&#8220;, das die strukturelle Notwendigkeit von Verbrechen in einer Gesellschaft zumindestens andeutet. Ob Chamisso das geschrieben hat oder nicht, bleibt dabei nebens\u00e4chlich. Ein Fall f\u00fcr Detektive der Literaturgeschichte.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ein kleines gro\u00dfes Werk ergo, diese in feiner Gestalt ins 21. Jahrhundert hin\u00fcbergeretteten Gaunerst\u00fcckchen&#8220; \u2013 so lobte ich im M\u00e4rz 2007 \u2192&#8222;Die Gauner&#8220; (1836) von Adelbert von Chamisso, eine erst 1989 zuf\u00e4llig wiederentdeckte Sammlung allerliebster Gaunerportr\u00e4ts des Romantikers, von Gerd Sch\u00e4fer im Verlag Matthes &amp; Seitz herausgegeben. 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