{"id":21362,"date":"2012-09-29T09:15:10","date_gmt":"2012-09-29T09:15:10","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/09\/guido-rohm-fleischwoelfe-0-eine-noirvelle\/"},"modified":"2022-06-14T23:42:17","modified_gmt":"2022-06-14T21:42:17","slug":"guido-rohm-fleischwoelfe-0-eine-noirvelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/09\/guido-rohm-fleischwoelfe-0-eine-noirvelle\/","title":{"rendered":"Guido Rohm: Fleischw\u00f6lfe \/ 0 \u2013 Eine Noirvelle"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"308\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2012\/cover\/rohm.jpg\" alt=\"rohm.jpg\"\/>Wie weit muss man sich vom Krimi entfernen, um einen zu schreiben? Vielleicht gar nicht so weit; vielleicht gen\u00fcgt es, einfach aus dem Wagen zu steigen, mit dem man auf gut ausgebauten Stra\u00dfen durch das Genre f\u00e4hrt. Lustwandeln. Die Landschaft \u2013 das Verbrechen \u2013 zu Fu\u00df erkunden \u2013 oder sagen wir besser: mit den M\u00f6glichkeiten einer neugierigen Literatur beobachten. Guido Rohms Erz\u00e4hldoppelband \u201eFleischw\u00f6lfe \/ 0 (Null), eine Noirvelle\u201c ist das auf- und anregende Ergebnis einer solchen Exkursion abseits der von gelangweilten Spannungsanimateuren ges\u00e4umten Pfade des Genres.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>\u201eFleischw\u00f6lfe\u201c ist eine Menge Genre. Ein wie bei Rohm \u00fcblich blutiges Genre, schon der Titel sagt es. Eine Familie, sie lebt in einer W\u00fcstengegend, erlegt Menschen und verspeist sie. Bis alles auffliegt. Erz\u00e4hlt wird die Geschichte aus der Perspektive diverser handelnder Personen, vom herrlich unkomplett brabbelnden Sohn, der sich einen Jungen als Hund h\u00e4lt, \u00fcber den Familienvater, der ja nichts Schlechtes getan hat, verglichen mit Auschwitz, bis zu den Eltern eines der Opfer, die, indem sie von ihrer Trauer erz\u00e4hlen, sehr viel \u00fcber sich selbst und ihr Scheitern offenbaren.<\/p>\n\n\n\n<p>Rohms Kunstgriff besteht nun darin, \u201eFleischw\u00f6lfe\u201c als \u201eRoman zum Film\u201c auszuweisen, wobei letztlich offen bleibt, was zuerst da war. Die Fiktion wird zur Grundlage von Fiktion, das hei\u00dft: Es gibt keine Wirklichkeit oder die Fiktion ist die Wirklichkeit oder die Wirklichkeit die Fiktion, die es nicht gibt. Wie dem auch sei: Rohms bew\u00e4hrte Erz\u00e4hlweise, dieses Verknappt-Kantige, in dem der Scherz trauert und die Trauer scherzt, ist ihrerseits ein neuer Weg durch das Genre, dessen Versatzst\u00fccke wie bisher unentdeckt erscheinen. Diese Diktion erinnert mich immer mehr an Bert Brecht und ich nenne Guido Rohm also vorl\u00e4ufig den Bert Brecht der Kriminalliteratur, bis mir ein besserer Vergleich einf\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e0 \u2013 eine Noirvelle\u201c ist das Gegenteil der \u201eFleischw\u00f6lfe\u201c \u2013 auf den ersten Blick n\u00e4mlich sehr krimifern. Wir nehmen an den Schicksalen zweier Frauen teil, eines von ihrem Manager geformten Nacktmodells und einer biederen, von ihrem Mann gepeinigten Hausfrau. Ein Fremder namens Otto Seuse taucht auf (so wie in den \u201eFleischw\u00f6lfen\u201c Guido Rohm pers\u00f6nlich auftritt), ein Irrfahrer, der nicht nur dem Namen nach als Odysseus identifizierbar ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst verschwindet, nach einem Treffen mit Otto Seuse, das Nacktmodell, es verschwindet aus der Fremdbestimmung ebenso wie sp\u00e4ter die Hausfrau, nachdem sie einen Mord begangen und sich immer mehr auf das Schicksal des Modells fixiert hat. Zwei Frauen tilgen ihre Spuren, was bleibt ist das Verbrechen der Ich-Zerst\u00f6rung. Wie schon in \u201eFleischw\u00f6lfe\u201c sind hier das Auffressen und Aufgefressenwerden die zentrale Thematik. Die Frauen existieren nur noch in den Erz\u00e4hlungen, im Fiktiven, Opfer, die sich in Luft aufgel\u00f6st haben, weil auch die Verbrechen, die man an ihnen begangen hat, Fiktion sind.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eDie einzig fassbare Realit\u00e4t, die es gibt, ist das Verschwinden.\u201c<\/em> ,hei\u00dft es in \u201eFleischw\u00f6lfe\u201c. <em>\u201e(\u2026) Das Leben ergibt keinen Sinn, weil es nur das Verschwinden gibt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Erz\u00e4hlungen \u00fcber Kannibalismus, \u00fcber die Allt\u00e4glichkeit des Verschwindens, das nicht nur im Wortsinne Sich-Verzehren. Kriminalliteratur? Aber immer. So ziemlich das Anregendste, was das Genre in letzter Zeit zu bieten hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieter Paul Rudolph<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Guido Rohm: Fleischw\u00f6lfe \/ 0 \u2013 Eine Noirvelle. Evolver 2012. 200 Seiten. 14 \u20ac<br \/>Bald \u00fcberall erh\u00e4ltlich, jetzt bereits \u2192<a href=\"http:\/\/www.evolver-books.at\/buchshop.php\">beim Verlag<\/a>.<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie weit muss man sich vom Krimi entfernen, um einen zu schreiben? Vielleicht gar nicht so weit; vielleicht gen\u00fcgt es, einfach aus dem Wagen zu steigen, mit dem man auf gut ausgebauten Stra\u00dfen durch das Genre f\u00e4hrt. Lustwandeln. 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