{"id":21364,"date":"2008-11-14T08:47:22","date_gmt":"2008-11-14T08:47:22","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/11\/amir-valle-habana-babilonia\/"},"modified":"2022-06-06T22:42:38","modified_gmt":"2022-06-06T20:42:38","slug":"amir-valle-habana-babilonia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/11\/amir-valle-habana-babilonia\/","title":{"rendered":"Amir Valle: Habana Babilonia"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Wirklichkeit ist ein seltsames Gebilde. Je intensiver man \u00fcber sie nachdenkt, damit sie Konturen gewinne, desto hoffnungsloser verschwimmt sie unter der Last dieser Gedanken. Unantastbare Wirklichkeit gibt es nur f\u00fcr diejenigen, die nicht dar\u00fcber nachdenken.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aber das ist nichts Neues. Von Kriminalliteratur als erforschtem und durchdefiniertem Terrain redet prinzipiell nur, wer davon keine Ahnung hat. Gegensatzpaare zur Beschreibung von Gesellschaften zieht heran, wer das ganze Leben und Treiben f\u00fcr eine feste Masse h\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Literatur konstruiert Wirklichkeiten. Oder rekonstruiert sie? Hier f\u00e4ngt es schon an mit der Subversivit\u00e4t des Denkens. Wahrscheinlich schafft Literatur Wirklichkeiten, um sie mit Hilfe dieser Gesch\u00f6pfe zu rekonstruieren. Oder genau umgekehrt. Sie rekonstruiert, damit sie daraus Wirklichkeit erschaffen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ergebnis jedenfalls ist ein Text. Ein Text, der etwas \u00fcber Wirklichkeit aussagt, etwa die kubanische Wirklichkeit. Und jetzt kann, wer nicht zum Gr\u00fcbeln neigt, ganz sch\u00f6n ins Gr\u00fcbeln kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Beispiel Leonardo Padura. Der hierzulande popul\u00e4rste Autor von kubanischer Kriminalliteratur liefert Portr\u00e4ts kubanischer Wirklichkeit als poetische Pastiches aus Gegenwart und Vergangenheit, mit einem Schu\u00df Melancholie, einer Brise Resignation. Das ist nicht &#8222;sch\u00f6n&#8220;, bereitet aber &#8222;Lesevergn\u00fcgen&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Beispiel Amir Valle. Dessen Poesie ist die der nackten Verzweiflung, des schieren Drecks, sie ist im Zweifelsfall nicht einmal Lesevergn\u00fcgen, wenn man damit einen gem\u00fctlichen Lesesessel assoziiert. In seinem neuesten Werk, &#8222;Habana Babilonia&#8220;, untersucht Valle die verzweigte Welt der Prostitution, der &#8222;jineteras&#8220; (Reiterinnen). Die Lekt\u00fcre dient nicht der Urlaubsvorbereitung bildungsbeflissener Sextouristen, obwohl das Ph\u00e4nomen Prostitution ohne das Ph\u00e4nomen Tourismus nicht denkbar w\u00e4re. Valle hat viele Jahre lang die Protagonisten des Milieus befragt: Huren, weibliche wie m\u00e4nnliche, Zuh\u00e4lter, Fotografen, Hotelportiers, Schnapsverk\u00e4ufer. Das Bild von Wirklichkeit, das dabei entstanden ist, verweigert uns einfache Antworten. Wir lernen die Geschundenen und die Stolzen kennen, die Ausgebeuteten und die Ausbeuter, die W\u00fctenden und die Resignierenden, was sie eint ist die schlichte Tatsache, dass alles was sie tun zu einem gro\u00dfen Kampf ums \u00dcberleben geh\u00f6rt. Manche von ihnen gelingt die &#8222;Flucht&#8220; in andere L\u00e4nder, wo es ihnen entweder besser geht oder nicht, wo sie mit reichen blassen dicken M\u00e4nnern schlafen oder in die H\u00e4nde von Organh\u00e4ndlern fallen, die sie ausweiden, die Augen herausoperieren lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Habana Babilonia&#8220; ist ein Wirklichkeitsgebilde aus O-T\u00f6nen, Reportagehaftem und dichterischer Komposition, &#8222;Stimmen&#8220; wechseln mit historischen Exkursen ab, Interviews zerflie\u00dfen zu Lebensl\u00e4ufen. Es entsteht Wirklichkeit aus der Wirklichkeit, keine Frage, aber was f\u00fcr eine Wirklichkeit? Eine, die Kuba auf Prostitution reduziert? Eine, die in Konkurrenz steht zu Autoren wie Padura?<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, es ist anders. Wie in jeder gro\u00dfen Literatur wird Wirklichkeit bei Valle wie Padura zum Denken freigegeben. Nehmen wir f\u00fcr einen Moment an, Valle bef\u00e4nde sich in Opposition zu Padura. Dann kommen, sobald man zu denken beginnt, die Dinge in Bewegung und n\u00e4hern sich an, Paduras Poesie fu\u00dft auf Valles Poesie, die zun\u00e4chst dingfesten Welten verschmelzen, die manifesten Wirklichkeiten der poetischen Oberfl\u00e4che l\u00f6sen sich auf, was bei Padura &#8222;sch\u00f6n&#8220; ist, wird widerlich, was bei Valle an Widerw\u00e4rtigkeit nicht zu \u00fcberbieten ist, offenbart sich in winzigen, aber eindringlichen Momenten als zarte Poesie.<\/p>\n\n\n\n<p>Was wir bei Valle lesen, geht weit \u00fcber ein Einzelph\u00e4nomen hinaus, ja, es geht weit \u00fcber Kuba (wo bei das Buch selbstredend nicht erscheinen konnte) hinaus. Das Stichwort ist jener &#8222;Kampf ums \u00dcberleben&#8220;, das in fast allen Interviews des Buches f\u00e4llt, mal explizit, mal als ungenannter, weil selbstverst\u00e4ndlicher Tenor. Was immer hier geschieht, wem es geschieht, es geschieht, um die eigene Haut zu retten, auch auf die Gefahr hin, sie zu Markte tragen zu m\u00fcssen. Das ist universell, bei Valle nat\u00fcrlich den kubanischen Verh\u00e4ltnissen abgerungen, pointiert, poetisch (jawohl, poetisch) radikal im Wortsinn. Paduras melancholischer Held Mario Conde, der ebenso universal gesehen werden kann, ist aus Dreck gemacht, die \u00c4sthetik des Textes ist eine \u00dcberzuckerung des Schrecklichen, die sich wegblasen l\u00e4sst. Scheinsch\u00f6nheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Padura und Valle stehen also f\u00fcr zwei Zug\u00e4nge zu ein und derselben Wirklichkeit, einer Wirklichkeit des Verbrechens als Lebensgrundlage, einer Wirklichkeit, die indes nur begreift, wer sie denkend zerlegt, wer sich von den Betonansichten l\u00f6st, nach denen ein Buch, das von kubanische Huren handelt, nicht auch allgemein \u00fcber Menschen im \u00dcberlebenskampf handeln kann, schon gar nicht bei uns, in unserer Wirklichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Explosion fester Denkk\u00f6rper findet sowohl bei Valle als auch Padura statt. Wer eine literarisch geformte Wirklichkeit zur Kenntnis nimmt, nimmt sie nicht zur Kenntnis, wenn er sie nicht mit seiner eigenen Wirklichkeit verformt. Was aber die eigentliche Wirklichkeit ist? Siehe oben. Ein seltsames Gebilde.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Amir Valle: Habana Babilonia. Prostitution in Kuba. Zeugnisse <br \/>(Jineteras, 2006, \u00fcbersetzt von Karl J. M\u00fcller u.a.). <br \/>Edition K\u00f6ln 2008. 340 Seiten. 16,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p>Anmerkung: Der Rezensent steht mit der Edition K\u00f6ln in gesch\u00e4ftlicher Verbindung.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wirklichkeit ist ein seltsames Gebilde. Je intensiver man \u00fcber sie nachdenkt, damit sie Konturen gewinne, desto hoffnungsloser verschwimmt sie unter der Last dieser Gedanken. 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