{"id":21367,"date":"2008-11-17T08:13:32","date_gmt":"2008-11-17T08:13:32","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/11\/ein-grundriss-der-geschichte-der-fruehen-deutschen-kriminalliteratur\/"},"modified":"2022-06-09T23:14:57","modified_gmt":"2022-06-09T21:14:57","slug":"ein-grundriss-der-geschichte-der-fruehen-deutschen-kriminalliteratur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/11\/ein-grundriss-der-geschichte-der-fruehen-deutschen-kriminalliteratur\/","title":{"rendered":"Ein Grundri\u00df der Geschichte der fr\u00fchen deutschen Kriminalliteratur"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2008\/cover\/heinrichs_leibrenten.jpg\" alt=\"heinrichs_leibrenten.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Als mich der Verleger Peter Faecke bat, ich m\u00f6ge doch f\u00fcr die \u2192<a href=\"http:\/\/peterfaecke.de\/inhalt\/neuerscheinungen.html\">Edition K\u00f6ln<\/a> zehn &#8222;alte Krimis&#8220; ausw\u00e4hlen und herausgeberisch betreuen, habe ich \u2013 nach spontaner Zusage \u2013 f\u00fcr einen Moment mein voreiliges Ja bereut. Nicht weil ich dem Projekt generell mi\u00dftraut h\u00e4tte \u2013 ganz im Gegenteil. Eine &#8222;Criminalbibliothek 1850 \u2013 1933&#8220; ist nach Lage der Dinge bitter notwendiges Desiderat. Ich zweifelte auch keine Sekunde an der Qualit\u00e4t der Titel, die in einer solchen Bibliothek ihren Platz finden w\u00fcrden. Gutes, zu Unrecht Vergessenes gibt es genug. Nur: Welche Texte sollten es sein? &#8222;Die besten&#8220;? Das ist ein gro\u00dfes Wort und ein unseri\u00f6ses obendrein, denn es ignoriert, dass die Bedeutung von Literatur immer aus verschiedenen Blickwinkeln fixiert werden sollte. Die &#8222;wegweisendsten Krimis&#8220;? Nun, die gibt es nicht. Zu einer bewusst wahrgenommenen Tradition hat es bei der deutschen Kriminalliteratur n\u00e4mlich nie gereicht, mithin f\u00fchrt kein erkennbarer, ausgekundschafteter Weg aus der Vergangenheit in die Gegenwart.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das aber war endlich der Schl\u00fcssel: Es m\u00fcsste gelingen, eine fiktive, weil rekonstruierte Tradition der deutschen Kriminalliteratur f\u00fcr den Zeitraum 1850 bis 1933 nachzuzeichnen, einen Grundriss aufzumalen, in dessen Grenzen sich dereinst eine &#8222;Geschichte der fr\u00fchen deutschen Kriminalliteratur&#8220; w\u00fcrde bewegen k\u00f6nnen. Zehn Titel also \u2013 und zehn Nachworte, die versuchen, die vorgestellten Texte in ihrem literarischen, gesellschaftlichen und politischen Kontext zu verankern.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Reise beginnt mit Emilie Heinrichs&#8216; &#8222;Leibrenten&#8220; (1866), ein &#8222;Roman aus der Gegenwart&#8220; wird er im Untertitel genannt, nicht KRIMINAL-Roman, denn das ist er selbst f\u00fcr seine Zeit kaum gewesen. Sondern das beste Belegst\u00fcck daf\u00fcr, warum sich in jenen Jahren Kriminalliteratur entwickeln MUSSTE. Die Vorgeschichte eines Genres also, voller Lug und Trug und Intrige und \u2013 am Ende \u2013 auch Mord. Eine Zeit im \u00dcbergang, die ohne falschen Optimismus, pessimistisch und n\u00fcchtern analysiert wird. Hier, so denke ich, liegen die eigentlichen Wurzeln von &#8222;Krimi&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Titel f\u00e4llt aus der Reihe \u2013 glaubt man. Benno Bronners &#8222;Herr von Syllabus&#8220; (1873) ist n\u00e4mlich nicht die im Untertitel versprochene &#8222;Criminalnovelle&#8220;. Es ist \u2013 die meines Wissens historisch erste \u2013 Parodie auf &#8222;Krimi&#8220;. Doch hinter dem vordergr\u00fcndigen Jux steckt sehr viel Ernst. Der Kriminalroman als subversives Element, als Kumpan einer entmenschlichten, moral- und gottlosen Zeit der Industrialisierung. Ja, und dann wird &#8222;Herr von Syllabus&#8220; doch noch zum Krimi. Denn wer war Benno Bronner (ein Pseudonym&#8230;) und wer dieser geheimnisvolle Herr von Syllabus?<\/p>\n\n\n\n<p>Mit drei Erz\u00e4hlungen von Jodocus Donatus Hubertus Temme werden erstmals &#8222;richtige Krimis&#8220; in die Bibliothek eingestellt. Und zwar vom &#8222;Vater der deutschen Kriminalliteratur&#8220;, einem Mann mit bewegtem Lebenslauf (Richter, Protagonist der 48er Revolution, im Schweizer Exil lebend), zwischen 1850 und 1880 nicht nur der wohl erfolgreichste seines Gewerbes, nein, auch der stilistisch und thematisch pr\u00e4gendste. Bei ihm findet sich alles, was auch heute noch einen guten Krimi ausmachen sollte: blendende Stilistik, ausgekl\u00fcgelte Dramaturgie, die spannende Mischung aus Unterhaltung und Aufkl\u00e4rung. Eine der drei vorgestellten Erz\u00e4hlungen ist dabei nebenbei auch noch der &#8222;erste noir&#8220; der Kriminalgeschichte&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Einen politischen Hintergrund hatte auch Adolf Streckfu\u00df, dessen Novelle &#8222;Der tolle Hans&#8220; (1872) folgt. Zun\u00e4chst wie Temme in die Ereignisse von 1848 involviert, kaltgestellt, sp\u00e4ter wieder politisch aktiv, Autor einer vielgelesenen Chronik der Stadt Berlin, von dieser in einem &#8222;Ehrengrab&#8220; beigesetzt. Streckfu\u00df steht f\u00fcr die immer deutlichere Hinwendung zur detektorischen Kriminalliteratur im Unterhaltungsgewand, das Kritik an Institutionen elegant verschleiert, ohne sie dem Leser g\u00e4nzlich zu verh\u00fcllen. Das &#8222;Genre&#8220; beginnt sich zu festigen, seine spezifischen M\u00f6glichkeiten und Werkzeuge werden allm\u00e4hlich serialisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Das wandernde Licht&#8220; von Ernst von Wildenbruch (1893) ist ein Vorl\u00e4ufer psychologisch fundierter Kriminalliteratur. Das schmale B\u00e4ndchen kommt dabei v\u00f6llig ohne den heutigen Psychopathenkrawall aus. Es kl\u00e4rt die Frage, was und wer denn nun verr\u00fcckt sei, auf sehr \u00fcberzeugende Art, ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr den n\u00fcchternen Blick auf die Dinge, eine Absage an das scheinbar Offenkundige, das schnelle Urteil.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Jahre nach 1890 bilden eine Z\u00e4sur in der Geschichte der deutschen Kriminalliteratur. Sie wird sich fortan von der Sherlock-Holmes-Manie anstecken lassen und dem niemals irrenden, starkgeb\u00e4rdigen Serienhelden huldigen. Auch von Robert Kohlrausch gibt es ein solches St\u00fcck \u00e0 la Holmes (&#8222;In der Dunkelkammer&#8220;), es ist jedoch spritzig-witzige Parodie. F\u00fcr die &#8222;Criminalbibliothek&#8220; ausgew\u00e4hlt wurde sein Roman &#8222;Saffi&#8220; aus dem Jahr 1906. Sehr d\u00fcster, sehr verwickelt, sehr eigenst\u00e4ndig, etwas, an das man h\u00e4tte ankn\u00fcpfen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch der Einfluss des Seriendetektivs auf die deutschsprachige Kriminalliteratur bleibt unstrittig. Eine der ersten Figuren \u2013 vielleicht gar die erste? \u2013 war &#8222;Detektiv M\u00fcller&#8220; der \u00f6sterreichischen Autorin Auguste Groner. In &#8222;Der rote Merkur&#8220; (1910) begleiten wir den bereits \u00e4lteren M\u00fcller bei der Aufkl\u00e4rung eines mysteri\u00f6sen Mordfalls. Ein fr\u00fcher &#8222;Whodunit&#8220; mit tiefen Einblicken in das t\u00e4gliche Leben der kleinen und etwas gr\u00f6\u00dferen Leute, eine f\u00fcr seine Zeit typische Verbindung von Liebes- und Verbrechensmelodram.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Die geschlossene Kette&#8220; von Erich Wulffen (1919) hat g\u00e4nzlich andere Intentionen. In diesem Roman des Juristen und Kriminalpsychologen geht um nichts weniger als die Vision einer objektiven Rechtsprechung durch die Mittel technischen Fortschritts, der das Verbrechen durchschaut und letztlich, weil es ihm nichts mehr entgegenzusetzen hat, endg\u00fcltig besiegt. Das klingt naiv-optimistisch, ist es aber nicht. Denn am Ende kommt alles ganz anders&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Nichts Vision\u00e4res findet sich in Otto Schwerins &#8222;Venus Vulgivaga (Der letzte Schu\u00df)&#8220; von 1923. Es ist ein typischer Polizeiroman, wie wir ihn in den Roaring Twenties h\u00e4ufig finden, Verbrechensaufkl\u00e4rung ist Teamarbeit, am Ende siegt die Gerechtigkeit. Ein Beispiel f\u00fcr den soliden, gut formulierten Krimi seiner Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Der letzte Band der &#8222;Criminalbibliothek&#8220; weist darauf hin, wie stark die Kriminalliteratur vom neuen Medium Film beeinflusst wurde. Nicht nur, dass \u00fcberraschend viele Autoren jener Jahre zwischen 1918 und 1933 aus dem aufbl\u00fchenden Gesch\u00e4ft mit den bunten Bildern kamen, dort als Regisseure oder Schauspieler t\u00e4tig waren. Nein, der Einfluss reicht bis in die Dramaturgie, den Stil. Artur Landsbergers &#8222;Justizmord?&#8220; von 1928 besteht fast g\u00e4nzlich aus Dialogen, wie man sie aus den spritzigen Kom\u00f6dien jener Jahre kennt. Und ventiliert doch eine ernste Problematik, die sich seit ihren Anf\u00e4ngen durch die deutsche Kriminalliteratur zieht: Was ist eigentlich &#8222;Wahrheit&#8220; im rechtlichen Sinne?<\/p>\n\n\n\n<p>Zehn B\u00e4nde, zehn Schritte, ein \u2013 neben anderen &#8211; m\u00f6glicher Weg durch die ungeordnete Welt der deutschsprachigen Kriminalliteratur. Die &#8222;Criminalbibliothek 1850 \u2013 1933&#8220; zeigt auf, welche gesellschaftlichen, politischen und technischen Einfl\u00fcsse auf das Genre einwirkten, wie es sich dramaturgisch festigte, thematisch verzweigte, wie es serialisiert, trivialisiert wurde und doch immer auf die Zeit reagierte, in der es entstand. Diese Tradition zu rekonstruieren, wird sich der Herausgeber in seinen Nachworten bem\u00fchen. Die von ihm daf\u00fcr als Belegst\u00fccke vorgelegten Texte bleiben aber dar\u00fcber hinaus das, was sie immer schon waren: gute Kriminalliteratur.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als mich der Verleger Peter Faecke bat, ich m\u00f6ge doch f\u00fcr die \u2192Edition K\u00f6ln zehn &#8222;alte Krimis&#8220; ausw\u00e4hlen und herausgeberisch betreuen, habe ich \u2013 nach spontaner Zusage \u2013 f\u00fcr einen Moment mein voreiliges Ja bereut. Nicht weil ich dem Projekt generell mi\u00dftraut h\u00e4tte \u2013 ganz im Gegenteil. 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