{"id":21369,"date":"2012-10-23T10:11:31","date_gmt":"2012-10-23T10:11:31","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/10\/das-ich-im-wir-neue-polizeiromane-von-georg-haderer-und-roger-graf\/"},"modified":"2022-06-14T23:41:42","modified_gmt":"2022-06-14T21:41:42","slug":"das-ich-im-wir-neue-polizeiromane-von-georg-haderer-und-roger-graf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/10\/das-ich-im-wir-neue-polizeiromane-von-georg-haderer-und-roger-graf\/","title":{"rendered":"Das Ich im Wir. Neue Polizeiromane von Georg Haderer und Roger Graf"},"content":{"rendered":"\n<p>Nirgendwo wird so viel gegr\u00fcbelt wie in Polizeikrimis. Verst\u00e4ndlich, verfolgen wir doch Menschen bei ihrer t\u00e4glichen Arbeit, auf dem tastenden Weg zur Erkenntnis, mit allen Umwegen und Sackgassen. Nicht der unfehlbare Protagonist steht im Mittelpunkt, sondern das Team. Eine Gruppe von Ichs, die eine Aufgabe in der sozialen Dynamik des Wir zu l\u00f6sen haben. Polizeiromane sind deshalb immer Beziehungsromane, die von Prozessen auch jenseits der Fallbearbeitung berichten. Es sind Konstruktionen eines soziologischen Normalzustandes unter den Bedingungen des Ausnahmezustandes Verbrechen. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Was in diesen Teams geschieht, kennt wohl jeder von uns. Das Kompromissemachen, das Miteinanderlebenm\u00fcssen, die Unterordnung der Individualit\u00e4t zugunsten eines h\u00f6heren, nur gemeinschaftlich erreichbaren Ziels. Seit geraumer Zeit l\u00e4sst sich beobachten, dass diese Konstruktionen immer zugespitzter daherkommen. Die Polizisten-Helden haben nicht nur \u201eProbleme\u201c, sie sind psychisch krank und unterscheiden sich somit nur noch graduell von denen, die sie aus dem Verkehr zu ziehen trachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sehr deutlich wird das in den Romanen des \u00d6sterreichers Georg Haderer. Sein letzter, \u201eEngel und D\u00e4monen\u201c, beginnt damit, dass wir den Polizeimayor Sch\u00e4fer durch den Wald irren sehen. Der Mann ist, kein Zweifel, schwer traumatisiert, er taumelt auf dem schmalen Grat zwischen Wirklichkeit und Wahn. Aus den fr\u00fcheren B\u00fcchern Haderers wissen wir, dass Sch\u00e4fer unter bipolaren St\u00f6rungen leidet, manisch-depressiv ist und die Balance nur medikament\u00f6s unterst\u00fctzt halten kann \u2013 wenn er denn die Tabletten regelm\u00e4\u00dfig n\u00e4hme. Was er nat\u00fcrlich nicht tut. Jetzt also ist er verschwunden, seine Kollegen sind beunruhigt und Chefinspektor Bergmann, Sch\u00e4fers Stellvertreter und irgendwie auch Vertrauter, macht sich auf die Suche.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei h\u00e4tte er anderweitig genug zu tun. Illegale Hahnenk\u00e4mpfe, ausflippende Rassisten, Rotlichtmilieu: an Arbeit mangelt es nicht. Bergmanns Motivation jedoch ist nicht nur professioneller Natur. Er muss Sch\u00e4fer finden, weil er sich selbst finden will. Die Beziehung ist problematisch. Sch\u00e4fer gilt als eine Art Heiliger, ein \u00dcbermensch mit merkw\u00fcrdigen, kaum rational zu fassenden Methoden. Charismatisch eben. Bergmann bewundert ihn \u2013 und f\u00fchlt sich andererseits von ihm abgesto\u00dfen. Ach ja, Bergmann ist schwul, was ja leider auch nicht unproblematisch ist.<\/p>\n\n\n\n<p>So entwickelt sich die Suche nach Sch\u00e4fer zu einem spannenden psychischen Erkenntnisprozess, der letztlich um die Frage der Verf\u00fchrbarkeit, der Manipulation kreist. Denn Sch\u00e4fer steckt mitten in einem Fall von Verschw\u00f6rung, geplanten Attentaten einer obskuren Sekte. Er ist Verf\u00fchrter und Verf\u00fchrer zugleich, Engel und D\u00e4mon. Der Roman lebt von solchen Parallelen, hier das Ich, dort die Gruppe, aber auch von der tastenden Entwicklung in der Beziehung der beiden Protagonisten. Das erzeugt eine Spannung jenseits der Krimispannung \u2013 und \u00dcBERzeugt auch, nicht zuletzt durch Haderers biegsame Sprache und sein Gesp\u00fcr f\u00fcr angemessenen Humor, der die Dramatik verdeutlicht und nicht in Gel\u00e4chter aufl\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p>Verglichen mit Sch\u00e4fer ist Roger Grafs Protagonist, der Polizist Damian Stauffer, geradezu eine Ausbund psychischer Gesundheit. Seine Probleme ersch\u00f6pfen sich im Beziehungsallerlei oder im Ungef\u00e4hren kritischer Weltbetrachtung. Das gilt auch f\u00fcr seine Kolleginnen und Kollegen, allesamt \u201enormale Menschen\u201c. Sie m\u00f6gen Alkoholprobleme haben, mit ihrer Arbeit unzufrieden sein, ihr Leben \u00e4ndern wollen \u2013 wirklich \u201ekrank\u201c sind sie nicht. Diesen Part \u00fcberl\u00e4sst der Schweizer Graf seinen \u201eB\u00f6sewichten\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Alles beginnt damit, dass eine Spazierg\u00e4ngerin eine abgetrennte rechte Hand findet. Sie geh\u00f6rt zu einem Selbstm\u00f6rder, nur wird sie erst Wochen nach dem Suizid und an einem weit entfernten Ort aufgefunden. Also doch kein Selbstmord? Oder ein perfides Spielchen? Man r\u00e4tselt. Und arbeitet. Hypothesen werden aufgestellt und wieder verworfen, dann geschieht ein \u201erichtiger\u201c Mord, es ergeben sich Zusammenh\u00e4nge zum Fund der rechten Hand. Und neue Hypothesen\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles klingt nach old school, nach dem klassischen Polizeiroman und ist es auch. Was Grafs Roman aus der Menge hebt, ist zweierlei. Erstens: die Art und Weise, wie er uns an der Nase herumf\u00fchrt. Auch hier w\u00e4hnen wir uns rasch in einer Verschw\u00f6rung, es wird mit Attentaten gedroht, das B\u00f6se redet selbst, wir sitzen in seinem Kopf. Und das B\u00f6se, kein Zweifel, ist psychisch krank. Wie Haderer arbeitet auch Graf mit dem T\u00e4ter-Opfer-Schema und, was die Polizeiarbeit anbetrifft, mit den Zw\u00e4ngen des Individuums in der Gruppe. Zweitens: Graf tut etwas, das man eigentlich nicht tun sollte. Er schweift ab und er\u00f6ffnet Fronten, an denen dann doch nicht weitergek\u00e4mpft wird. Jene Spazierg\u00e4ngerin etwa, die beim Ausgang mit ihrem Hund die Hand findet, ist in psychischer Behandlung, sie leidet an Depressionen. Auch das P\u00e4rchen, das sp\u00e4ter auf die Leiche eines Erstochenen st\u00f6\u00dft, wird uns nahegebracht. Zwei Menschen, die sich in die Welt der Reichen und Sch\u00f6nen tr\u00e4umen und kein wichtigeres Ziel zu haben scheinen, als einmal in einem mond\u00e4nen Hotel zu wohnen. Das alles geh\u00f6rt nicht zur eigentlichen Handlung \u2013 und schafft es doch, die Welt zu kommentieren, in der diese Handlung stattfindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Polizeiromane von Georg Haderer und Roger Graf \u00fcberzeugen also. Vor allem, weil sie mit dem Pfund dieses Subgenres wuchern, der Beschreibung des steinigen Wegs zur Erkenntnis, der Gruppendynamik und der Rolle des Ichs in diesem Wir. Daneben jedoch arbeiten sie auch an den Bausteinen des Polizeiromans, polieren neue Facetten heraus. Dramaturgisch gekonnt und psychologisch \u00fcberzeugend.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\"><a href=\"http:\/\/haymonverlag.at\/page.cfm?vpath=buecher\/buch&amp;titnr=717\">Georg Haderer: Engel und D\u00e4monen<\/a>. Haymon 2012. 392 Seiten. 19,90 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\"><a href=\"http:\/\/www.pendragon.de\/book\/die-rechte-hand\/\">Roger Graf: Die rechte Hand.<\/a> Pendragon 2012. 378 Seiten. 19,95 \u20ac<\/pre>\n\n\n\n<p>(Hinweis: Wegen der unsicheren Rechtslage ver\u00f6ffentliche ich hier Buchcover nur noch dann, wenn mir der Verlag ausdr\u00fccklich versichert, dass im Falle der Nicht-mehr-Lieferbarkeit der besprochenen Titel kein Copyrightproblem auftritt. Daf\u00fcr gibt es nun, falls vorhanden, Links zu den entsprechenden Verlagsseiten.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nirgendwo wird so viel gegr\u00fcbelt wie in Polizeikrimis. Verst\u00e4ndlich, verfolgen wir doch Menschen bei ihrer t\u00e4glichen Arbeit, auf dem tastenden Weg zur Erkenntnis, mit allen Umwegen und Sackgassen. Nicht der unfehlbare Protagonist steht im Mittelpunkt, sondern das Team. Eine Gruppe von Ichs, die eine Aufgabe in der sozialen Dynamik des Wir zu l\u00f6sen haben. 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