{"id":21374,"date":"2008-11-21T07:44:00","date_gmt":"2008-11-21T07:44:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/11\/julian-barnes-arthur-george\/"},"modified":"2022-06-13T02:34:32","modified_gmt":"2022-06-13T00:34:32","slug":"julian-barnes-arthur-george","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/11\/julian-barnes-arthur-george\/","title":{"rendered":"Julian Barnes: Arthur &#038; George"},"content":{"rendered":"\n<p>Einmal in seinem Leben hat Arthur Conan Doyle selbst Sherlock Holmes gespielt. Der Anwalt George Edalji, Sohn eines aus Indien stammenden, in der englischen Provinz f\u00fcr das Seelenheil verantwortlichen Pfarrers, war wegen Tierqu\u00e4lerei und anderer Delikte (u.a. soll er Drohbriefe an sich selbst geschrieben haben) zu einer mehrj\u00e4hrigen Zuchthausstrafe verurteilt worden. Wirkliche Beweise gab es nicht, daf\u00fcr eine Menge Manipulation, Dummheit und Rassismus. Ein Skandal also, und Arthur macht sich daran, George Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wohl gelingt es Doyle, mit Hilfe seiner publizistischen Machtstellung als gefeierter Autor, Edalji zur Freiheit zu verhelfen. Einem Holmes h\u00e4tte der Fall dennoch keine Ehre gemacht. Weder wird der wirkliche T\u00e4ter ermittelt, noch erfolgt die &#8222;Rehabilitation&#8220; wegen erwiesener Unschuld.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine authentische Begebenheit, ein Kriminalfall. Wie ein Krimi aufgebaut ist Barnes&#8216; Buch indes nicht. Es zerf\u00e4llt in vier Teile. Zun\u00e4chst werden wir mit Jugend und Entwicklung der beiden Titelfiguren bekanntgemacht. Jede geht ihren vorbestimmten Weg, Doyle etabliert sich, wird erfolgreicher Autor, heiratet, wird Vater etc. Edalji hingegen ist ein Au\u00dfenseiter. Er studiert, l\u00e4sst sich als Anwalt nieder, schreibt ein Buch \u00fcber Eisenbahnrecht, lebt noch zu Hause.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Teil geraten diese wohlgeordneten Verh\u00e4ltnisse ins Wanken. Edalji wird mit haarstr\u00e4ubenden Argumenten eines Verbrechens \u00fcberf\u00fchrt, das er gar nicht begangen haben kann. Conan Doyle verliebt sich in eine J\u00fcngere, derweil seine Ehefrau schwer erkrankt und die letzten Jahre ihres Lebens bettl\u00e4gerig bleibt. In diesem zentralen Teil des Textes gelingt es Barnes, beide Personen, die sich noch gar nicht kennen, einander n\u00e4her zu bringen. Sowohl Arthur als auch George verlieren trotz der jeweiligen existentiellen Krise niemals die Contenance. Sie finden sich mit ihren Schicksalen mehr oder weniger ab, treffen Arrangements und warten darauf, dass ihnen der nat\u00fcrliche Lauf der Dinge die Entscheidung abnimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im dritten Teil erleben wir Conan Doyle endlich bei seiner detektivischen Arbeit, die er zwar ganz im Stile seines Helden auszuf\u00fchren gedenkt, doch ohne dessen Erfolgsgarantie. Nicht Fakten helfen dem Recht auf die Spr\u00fcnge, lediglich politisches Kalk\u00fcl korrigiert ein Fehlurteil. Arthur wei\u00df, was dahintersteckt: Rassismus. George hingegen leugnet dies \u00fcberraschenderweise. Mag er auch seinen Glauben verlieren, seine Hoffnung auf Gerechtigkeit bleibt ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>Der vierte Teil beschreibt, wie sich George und Arthur wieder entfernen. Conan Doyle, nach dem Tod der Ehefrau endlich &#8222;frei&#8220; f\u00fcr seine gro\u00dfe Liebe, bleibt der erfolgreiche Autor, der sogar seinen ungeliebten Meisterdetektiv wieder zum Leben erweckt. Immer mehr widmet er sich dem Okkulten, veranstaltet S\u00e9ancen, spricht mit den Toten. George hingegen nimmt, als w\u00e4re nichts geschehen, seine Arbeit wieder auf, zieht nach London, bleibt Junggeselle, dem die ebenfalls unverheiratete Schwester den Haushalt f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist diese Mischung aus Selbstbeherrschung (die nicht selten Selbstverleugnung ist), Normalit\u00e4t und der geradezu haarstr\u00e4ubend inszenierten Ungerechtigkeit, die die Qualit\u00e4ten des Buches ausmacht. Alles ist schl\u00fcssig, unaufgeregt und nicht ohne Witz erz\u00e4hlt (einem durchaus zynischen Witz), kein &#8222;Thriller&#8220;, aber Kriminalliteratur, die Zusammenh\u00e4nge klarmacht, \u00fcber die sich \u00fcbliche Genreprodukte ausschweigen. Auch so ein Buch, das sich einem erst in der Rekapitulation in seiner ganzen Tiefe \u00f6ffnet. Sind ja nicht die schlechtesten B\u00fccher.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Julian Barnes: Arthur &amp; George <br \/>(Arthur &amp; George, 2005, deutsch von Gertraude Krueger). <br \/>Btb 2008. 525 Seiten. 10 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einmal in seinem Leben hat Arthur Conan Doyle selbst Sherlock Holmes gespielt. Der Anwalt George Edalji, Sohn eines aus Indien stammenden, in der englischen Provinz f\u00fcr das Seelenheil verantwortlichen Pfarrers, war wegen Tierqu\u00e4lerei und anderer Delikte (u.a. soll er Drohbriefe an sich selbst geschrieben haben) zu einer mehrj\u00e4hrigen Zuchthausstrafe verurteilt worden. 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