{"id":21375,"date":"2012-10-29T09:29:04","date_gmt":"2012-10-29T09:29:04","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/10\/rick-demarinis-goetterdaemmerung-in-el-paso\/"},"modified":"2022-06-14T23:40:42","modified_gmt":"2022-06-14T21:40:42","slug":"rick-demarinis-goetterdaemmerung-in-el-paso","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2012\/10\/rick-demarinis-goetterdaemmerung-in-el-paso\/","title":{"rendered":"Rick DeMarinis: G\u00f6tterd\u00e4mmerung in El Paso"},"content":{"rendered":"\n<p>Es ist keine besonders erw\u00e4hnenswerte Leistung, \u201eanspruchsvolles\u201c Krimipatchwork auf kunstgewerbliche Art zu produzieren. Kein Regioschmarren, der es vers\u00e4umt, \u201eaktuelle Themen\u201c abzuhandeln; kein Klappentext, der sein Produkt nicht als irgendwie \u201ewelthaltig\u201c preist oder wenigstens Philosophisch-Psychologisches verspricht \u2013 und seien es die altbekannten seelischen Abgr\u00fcnde. Der Krimi als All-Inclusive-Urlaub, als \u00fcberladener Kuchen, im Idealfall mit einem Zuckerguss aus \u201ePulp\u201c oder \u201eNoir\u201c aufgeh\u00fcbscht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>So betrachtet, liefert auch Rick DeMarinis mit \u201eG\u00f6tterd\u00e4mmerung in El Paso\u201c ein opulentes St\u00fcckchen zum Entz\u00fccken von Krimikritik und anspruchsvoller Leserschaft. J.P. Morgan, Versicherungsdetektiv ohne Anstellung, soll f\u00fcr seinen Freund, den exzentrischen Schriftsteller Luther Penrose, dessen abg\u00e4ngige Ehefrau Carla aufsp\u00fcren und zur\u00fcckbringen. Die, so glaubt Penrose, treibt sich mit ihrem j\u00fcngeren Latin Lover in Las Vegas herum. Die beiden Freunde kennen sich aus dem Irak, wo sie Teil des W\u00fcstensturms waren (aha!), Morgan findet rasch heraus, dass Carla nicht aus erotischen, sondern politischen Gr\u00fcnden verschwunden ist, es geht um die illegalen Grenzg\u00e4nger aus Mexiko (aha!). Finstere Typen sind hinter ihr her, Neonazis (aha!), Morgan bekommt es zu sp\u00fcren, doch nicht nur das. Seine Mutter ist wunderlich geworden und soll nun beh\u00f6rdlicherseits in ein Pflegeheim (aha!). Au\u00dferdem geht es generell um die US-amerikanisch-mexikanische Geschichte und auch noch um Umweltzerst\u00f6rung (aha!). Aber genug der Ahas. Kunst, wie gesagt, ist keine Frage der Zutaten, sondern fordert den Koch und sein K\u00f6nnen. Und da, mein Gott, erscheint uns DeMarinis wie ein Maestro mit drei oder mehr Sternen an der M\u00fctze.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn der Autor umschifft souver\u00e4n alle Klippen der Alibibetroffenheit und des Schmonzettentums. Welches R\u00fchrst\u00fcck h\u00e4tten wohl mindere Autoren aus Morgans Problemen mit der Mutter gemacht, die die Heilige Jungfrau in der Mauert\u00fcnche erblickt (Originaltitel: \u201eVirgins in the Woodwork\u201c). Bei DeMarinis wird es ein n\u00fcchternes Kabinettst\u00fcckchen von Anderssein in Zeiten normierter B\u00fcrokratie, das sich elegant mit den \u00fcbrigen Themen des Buches kurzschlie\u00dft, mit der an akuter Weltflucht leidenden Ehefrau des B\u00f6sewichts etwa, eines Dermatologen, der seinen rassistischen Wahnsinn durchaus intellektuell zu verkaufen versteht, f\u00fcr den Grenze Haut und Haut Grenze ist \u2013 womit DeMarinis zugleich das neue Buchprojekt von Luther Penrose ins Spiel bringt, wo sich Hitler und Richard Wagner \u00fcber absonderliche Dinge unterhalten sollen, zwei auf ihre Art Besessene beim abstrusen Kamingespr\u00e4ch, das aber am Ende doch nicht stattfindet, weil sie so etwas nur schlecht verkauft, keine Sau kennt Richard Wagner&#8230; Und so weiter. Man liest einen ungeheuer fl\u00fcssigen Text und es rei\u00dft einen hinein. In den Text, in die (\u00fcbrigens exzellent \u00fcbersetzte) Sprache, in sich selber.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das ist der Unterschied. Literatur als ein Wunderwerk der Assoziationen, der verbl\u00fcffenden Verwandtschaften, Literatur als Treibstoff f\u00fcr des Lesers Kopfmaschine, und das alles in Gestalt einer so gar nicht verkopften Handlung, die tats\u00e4chlich \u201ePulp\u201c ist (wozu \u00fcbrigens Thomas Klingenmeier gerade \u2192<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/literatur\/article110306787\/Was-zum-Henker-ist-eigentlich-Pulp.html\">etwas Erhellendes <\/a>geschrieben hat), ein Feuerwerk ekligster Typen und blutigster Begegnungen n\u00e4mlich. Irgendwie kein Wunder, dass so etwas aus Amerika kommt. Zum einen, weil dieses verquere Land den Stoff f\u00fcr K\u00f6nner wie DeMarinis in reicher Auswahl bereitstellt; zum anderen, weil es sp\u00e4testens seit Chandler gute amerikanische Krimitradition ist, dass sich der vorgebliche Krimischund und tiefsch\u00fcrfende Intellektualit\u00e4t nicht ausschlie\u00dfen. Namen wie George V. Higgins oder Robert B. Parker fallen einem ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nat\u00fcrlich Rick DeMarinis. Autoren mit Kopf und Bauch, in denen Reflexion Spannung und Spannung Reflexion sein kann. Viele Zutaten \u2013 eine Einheit, ein System kommunizierender R\u00f6hren, kurz: das Leben selbst. Und ebenfalls kurz: \u201eG\u00f6tterd\u00e4mmerung in El Paso\u201c ist mein derzeitiger Favorit des Jahres \u2013 und sollte es mir im n\u00e4chsten Jahr endlich gelingen, die Krimikritik-Diktatorenschaft an mich rei\u00dfen zu k\u00f6nnen, wird mein erster Befehl lauten: Ihr wollt Krimis schreiben? Okay, aber zuerst DeMarinis lesen und von ihm lernen.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Rick DeMarinis: G\u00f6tterd\u00e4mmerung in El Paso. <br \/>Pulp Master 2012. 320 Seiten. 13,80 \u20ac <br \/>(Virgins in the Woodwork. 2007. Deutsch von Ango Laina und Angelika M\u00fcller)<br \/>(auch als E-Book f\u00fcr 9,99 \u20ac)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist keine besonders erw\u00e4hnenswerte Leistung, \u201eanspruchsvolles\u201c Krimipatchwork auf kunstgewerbliche Art zu produzieren. Kein Regioschmarren, der es vers\u00e4umt, \u201eaktuelle Themen\u201c abzuhandeln; kein Klappentext, der sein Produkt nicht als irgendwie \u201ewelthaltig\u201c preist oder wenigstens Philosophisch-Psychologisches verspricht \u2013 und seien es die altbekannten seelischen Abgr\u00fcnde. 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