{"id":21377,"date":"2008-11-24T07:40:54","date_gmt":"2008-11-24T07:40:54","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/11\/neues-aus-der-larmoyanz\/"},"modified":"2022-06-05T22:30:08","modified_gmt":"2022-06-05T20:30:08","slug":"neues-aus-der-larmoyanz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/11\/neues-aus-der-larmoyanz\/","title":{"rendered":"Neues aus der Larmoyanz"},"content":{"rendered":"\n<p>Es gibt drei M\u00f6glichkeiten, schrecklich reich zu werden: V\u00f6lker auspl\u00fcndern, im Lotto gewinnen, einen Krimi schreiben. Ich habe mich, weil es mir an den Talenten zum Pl\u00fcndern und Spielen mangelt, f\u00fcr letzteres entschieden und bin also reich geworden. Unsagbar reich.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es trat alsbald ein, wovor mich mein Freund Krewinke (Lottogewinner) gewarnt hatte: &#8222;Einen Krimi zu schreiben ist leicht. Aber du wirst bei dem Versuch verzweifeln, das verdiente Geld auszugeben.&#8220; Er sollte Recht behalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt sitze ich in einem s\u00fcndhaft teuren Hotel am Meer bei Acapulco und sehe zu, wie Einheimische von hohen Klippen ins Wasser springen, ganz ohne H\u00e4nger. Und wette darauf, wer von denen wieder auftaucht und wer nicht. Erfreulicherweise verliere ich meistens. Wir, etwa zwanzig Krimiautoren, sitzen wie die Papageien auf der Stange am gro\u00dfen Panoramafenster des Hotels und vertreiben die Zeit. Trinken Drinks, die kein Mensch sonst bezahlen kann (au\u00dfer den V\u00f6lkerauspl\u00fcnderern; aber die hocken auf Jamaika und wetten, wer als erster von ihnen an Aids sterben wird), geben f\u00fcrstliche Trinkgelder, die die so Beschenkten selbst auf einen Schlag zu F\u00fcrsten machen, essen seltenste Meeresfr\u00fcchte (am liebsten solche, die bereits ausgestorben sind) und unterhalten ganze Harems von Luxusgeliebten, die wir f\u00fcr ihr Bef\u00e4higtsein zur ungehemmten Verschwendung h\u00f6her sch\u00e4tzen als f\u00fcr ihre nicht kleinere Kunst, uns in l\u00e4ngeren orgiastischen Momenten den Jammer des Daseins vergessen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, den Jammer! &#8222;Man h\u00e4tte Hochliteratur schreiben sollen!&#8220; entkommt es einem wie ein Seufzer. Und dann nicken die anderen am Fenster. Genau. Hochliteratur. Nicht zwanzig Millionen Leser, sondern einen einzigen. Den man pers\u00f6nlich kennenlernt, mit dem man gem\u00fctlich in einer sch\u00e4bigen K\u00fcnstlerkneipe sitzt und das Stammessen (Makkaroni mit geriebenem K\u00e4se) verzehrt. Den man anschlie\u00dfend bitten kann, doch f\u00fcr einen mit zu bezahlen. &#8222;Ich bin heute etwas klamm, Mutti.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>So vergeht die Zeit. Ganz langsam. Und bringt uns auf dumme Gedanken. Der d\u00fcmmste und frevelhafteste Gedanke ist der, sich die Zeit mit dem Verfassen eines zweiten Krimis ertr\u00e4glich zu gestalten. Eines zweiten! Der einen NOCH reicher werden lie\u00dfe! \u2013 In Ordnung. Warum nicht. Voraussetzung: Man verbrennt vorher das Geld, welches man schon besitzt. Aber das tut man so wenig wie man Essen wegwirft. Das ist einfach unmoralisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal frage ich mich, warum die Menschen so dumm sein k\u00f6nnen. Krimis zu lesen ist schon eine durch nichts zu entschuldigende Dummheit (man k\u00f6nnte h\u00f6chstens einen genetisch bedingten geistigen Defekt vorsch\u00fctzen: &#8222;Ich kann nicht anders! Meine Natur zwingt mich dazu, kleine Tiere zu qu\u00e4len und Krimis zu lesen!&#8220;), das Schreiben von solchen indes eine im wahrsten Sinne des Wortes Mordsdummheit. Schon wegen der Menschen, die man kennenlernt, wenn der Krimi erst einmal auf dem Markt ist. Kritiker zum Beispiel. Man w\u00fcnscht sich sofort in die Umarmung einer bestialischen Krake, das w\u00e4re ertr\u00e4glicher. Oder Leser. Noch schlimmer. Leserinnen. Am allerschlimmsten. Oder manisch-depressive Buchh\u00e4ndlerinnen, die &#8222;ein Kind!&#8220; von einem haben wollen. Oder schwule Buchh\u00e4ndler, die immer \u00fcber Jean Genet diskutieren. Solche Leute eben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, wenn ich es noch einmal zu tun h\u00e4tte, w\u00fcrde ich V\u00f6lkerauspl\u00fcnderer werden. Ein ehrenwerter Beruf. Ganze Landstriche mit Mann und Maus verw\u00fcsten, Rohstoffe ausbeuten, Kriege anzetteln. Und sp\u00e4ter auf Jamaika rumsitzen und sich w\u00fcnschen, ein besserer Mensch gewesen zu sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt drei M\u00f6glichkeiten, schrecklich reich zu werden: V\u00f6lker auspl\u00fcndern, im Lotto gewinnen, einen Krimi schreiben. Ich habe mich, weil es mir an den Talenten zum Pl\u00fcndern und Spielen mangelt, f\u00fcr letzteres entschieden und bin also reich geworden. Unsagbar reich.<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ub_ctt_via":"","footnotes":""},"categories":[1070],"tags":[],"class_list":["post-21377","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-watching-the-detectives"],"featured_image_src":null,"author_info":{"display_name":"dpr","author_link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/author\/dpr\/"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21377","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/17"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21377"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21377\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21377"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21377"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21377"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}