{"id":21379,"date":"2008-11-26T08:12:02","date_gmt":"2008-11-26T08:12:02","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/11\/langer-anlauf\/"},"modified":"2022-06-07T17:05:08","modified_gmt":"2022-06-07T15:05:08","slug":"langer-anlauf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/11\/langer-anlauf\/","title":{"rendered":"Langer Anlauf"},"content":{"rendered":"\n<p>Wenn unsereiner die 150-Seiten-Marke gl\u00fccklich \u00fcberschritten hat, wei\u00df er: Es ist an der Zeit, den Sack zuzumachen. Andere machen ihn da erst auf. Val McDermid beispielsweise, dessen neuestes Opus &#8222;Schleichendes Gift&#8220; mir gerade beim Einschlafen hilft. Na sch\u00f6n: Wer an die 540 Seiten zu f\u00fcllen hat, muss es langsam angehen. Soll auch keine Verdammung der dickleibigen B\u00fccher sein, aber \u00fcberlegenswert ist es doch, wie sich hier zwei Auffassungen gegen\u00fcberstehen: Opulenz versus Askese.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Nach knapp 170 Seiten McDermid hat der Leser eine Menge Informationen gespeichert. Er kennt s\u00e4mtliche Abgr\u00fcnde der einzelnen Figuren des Ermittlerteams, manche lassen ihn ratlos zur\u00fcck, da sie sich offensichtlich auf B\u00fccher beziehen, die er nicht gelesen hat, aber wohl noch lesen sollte, wenn es nach der Autorin und ihrem Verlag geht. Die &#8222;Serie&#8220; als Kundenbindungsinstrument, wenn m\u00f6glich auch noch in der richtigen Reihenfolge.<\/p>\n\n\n\n<p>Wirklich &#8222;passiert&#8220; ist bisher wenig. Ein Fu\u00dfballstar ist vergiftet worden, aber da kommt laut Klappentext noch einiges auf uns zu. Leserin, Leser wei\u00df immerhin, wie es in der Wohnung einer Zeugin aussieht, die, man darf davon ausgehen, im weiteren Verlauf der Handlung keine \u00fcberragende Rolle mehr spielen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Sie kamen in einen wunderbaren Raum, der die ganze Breite des Hauses einnahm. Weiche Lesersofas und Sitzs\u00e4cke waren anscheinend wahllos verteilt, dazwischen standen niedrige Holztischchen mit Zeitschriften, Zeitungen und leeren Aschenbechern. An drei W\u00e4nden standen Regale mit CDs und Schallplatten, die wenigen L\u00fccken dazwischen waren mit einer eindrucksvollen Stereoanlage&#8230;&#8220; uswusf. Nennt man das Fotorealismus? Vielleicht. Kino mit anderen Mitteln, die Kamera schwenkt langsam durch den Raum? All das. Aber noch mehr. Etwas Grunds\u00e4tzliches.<\/p>\n\n\n\n<p>Autorinnen wie Val McDermid brauchen diesen langen Anlauf, um ihrer Leserschaft m\u00f6glichst plastische Bilder von Personen zu vermitteln. Auch die anzitierte Beschreibung der Wohnung dient diesem Zweck. Hier, so sagt das, wohnt ein Mensch aus Fleisch und Blut, so wie alle Menschen in solchen Romanen aus Fleisch und Blut zu sein haben, Figuren, in die sich der Leser &#8222;einf\u00fchlen&#8220; soll. Zu solchen Charakteristika geh\u00f6rt neben akkurater Beschreibung der Inneneinrichtung selbstverst\u00e4ndlich auch die genaue Analyse des Innenlebens der Figuren. Bereits auf Seite 170 wissen wir, dass uns Tony Hill, einer der beiden Protagonisten, Psychologe auch noch, am Ende mit all seinen Zw\u00e4ngen und Traumata wie ein offenes Buch pr\u00e4sentiert worden sein wird. Wir erfahren nicht nur, was er tut, nein, auch warum er es tut. Tony Hill ist Tony Hill, ein Individuum, und manch Kritiker wird Val McDermid gerade f\u00fcr dieses Einf\u00fchlsame, dieses in jeder Hinsicht Plastische, Fotorealistische loben.<\/p>\n\n\n\n<p>Man ahnt es: Ich nicht. Nicht weil ich solche Taktiken in Bausch und Bogen ablehnen w\u00fcrde. Nein, es ist eine legitime Strategie. Aber sie langweilt mich. Die Forderung, ein Autor habe gef\u00e4lligst &#8222;richtige Menschen&#8220; nachzubilden, &#8222;realistische Charaktere&#8220;, ist so alt wie die Literatur und in ihrer Nachdr\u00fccklichkeit auch genauso irrig.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie man es auch machen kann, lasse man sich von Ross Thomas verraten, dessen &#8222;Am Rand der Welt&#8220; ebenfalls zu meiner derzeitigen Lekt\u00fcre geh\u00f6rt. Die Parallelen zu McDermid erscheinen zun\u00e4chst offensichtlich: Ebenfalls ein dickes Buch (ca. 400 Seiten), ein langer Anlauf, bevor die Handlungskurve ansteigt, eine Gruppe von f\u00fcnf Menschen, die zusammen agieren. Aber welch ein Unterschied im Detail! Wohl ist uns das Hauptpersonal auch aus den Vorg\u00e4ngerromanen bekannt, man braucht sie indes nicht zu lesen, um die gelieferten Informationen ad\u00e4quat verarbeiten zu k\u00f6nnen (sollte es aber dringend). Jede der Hauptpersonen wird beschrieben, selbstverst\u00e4ndlich, doch wie scharf konturiert und vage zugleich! Man hat zu tun, wenn man dieses Buch liest, eine Menge zu tun, die Geschichte entwickelt sich und ist doch vom ersten Augenblick an auch eine zweite Geschichte, in der die Personen f\u00fcr etwas anderes stehen als das, was sie zu sein vorgeben. Das ist auf eine andere Art und Weise &#8222;realistisch&#8220; und nicht per se &#8222;besser&#8220;. Bei Thomas kommt es auf die Interaktion der Personen an, auf das, was sie als Gesamtheit darstellen. Dies wiederum ergibt ein Modell f\u00fcr das, was im Hintergrund kaum fassbar, immer nur angedeutet lauert: eine komplexe politische Konstellation.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Leser, die Leserin wird sich hier mit den Personen nicht identifizieren k\u00f6nnen, denn sie sind nicht &#8222;real&#8220;, sie werden uns niemals auf der Stra\u00dfe begegnen, wir schauen nicht in ihre K\u00f6pfe und wenn wir es doch tun, bleiben wir ratlos zur\u00fcck. Die Informationen werden nicht durch einen quantitativen Overkill transportiert, sie m\u00fcssen vom Leser in einem kreativen Akt zu dem zusammengesetzt werden, was &#8222;Wissen&#8220; genannt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Nichts gegen Val McDermid. Sie wird mich bis zum Ende hoffentlich nett unterhalten. Ross Thomas aber spielt in einer anderen Liga. Einer ganz anderen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn unsereiner die 150-Seiten-Marke gl\u00fccklich \u00fcberschritten hat, wei\u00df er: Es ist an der Zeit, den Sack zuzumachen. 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