{"id":21383,"date":"2008-11-28T07:55:19","date_gmt":"2008-11-28T07:55:19","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/11\/krimijahr-2008-ein-rueckblick\/"},"modified":"2022-06-07T18:35:16","modified_gmt":"2022-06-07T16:35:16","slug":"krimijahr-2008-ein-rueckblick","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/11\/krimijahr-2008-ein-rueckblick\/","title":{"rendered":"Krimijahr 2008: ein R\u00fcckblick"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>1. Der Mimikrymi<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Welch erhebender Moment! So m\u00fcssen sich die gro\u00dfen Entdecker gef\u00fchlt haben, als sie zum ersten Male ihre F\u00fc\u00dfe auf noch nicht erforschten Boden setzten! \u2013 Vor Monaten schon hat wtd eine Expedition ausger\u00fcstet und auf die Suche nach neuen kriminalliterarischen Kontinenten und Subgenres geschickt. Jetzt ist die Mannschaft, entkr\u00e4ftet aber gl\u00fccklich, zur\u00fcckgekehrt und pr\u00e4sentiert stolz die Frucht ihres unerm\u00fcdlichen Forschens in einer rauen und lebensfeindlichen Umwelt: den Mimikrymi!<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Was aber ist das f\u00fcr ein exotisches Eiland, auf das unser Schiffchen in den unendlichen Weiten der literarischen Ozeane stie\u00df? Nun, Mimikrymis sind all jene Krimis, die etwas zu sein vort\u00e4uschen, das sie gar nicht sind. Wir reden von astreiner Spannungsliteratur, die uns scheinbar geradlinige Geschichten erz\u00e4hlt und hinter deren offenkundiger Gestalt sich eine g\u00e4nzlich andere, nicht weniger spannende Geschichte entwickelt. Mimikry also.<\/p>\n\n\n\n<p>Mimikry? Das ist, so belehrt uns Wikipedia, <em>&#8222;eine angeborene Form der Tarnung, die zur T\u00e4uschung eines Signalempf\u00e4ngers durch ein nachgeahmtes \u2212 gleichsam \u201egef\u00e4lschtes\u201c \u2212 Signal f\u00fchrt, das f\u00fcr den Empf\u00e4nger eine bestimmte Bedeutung hat.&#8220; <\/em> &#8211; hinter einem Mimikrymi verbirgt sich ergo nicht die bevorzugte Bettlekt\u00fcre ansonsten gewiss reizender Damen, sondern ein Text, der auf seiner inhaltlichen, kompositorischen oder sprachlichen Seite so daherkommt, als sei er genau das, was Genreleser von Krimi erwarten. Und bevor man sich versieht, ist man d\u00fcpiert. Mit &#8222;mehr als Krimi&#8220; hat das nichts zu tun. Eher schon damit, dass solche Mimikrymis beweisen, wie literarisch flexibel das Genre sein kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Expedition hat einige Ureinwohner des bis dato v\u00f6llig ignorierten Subgenres angetroffen, mit billigen Perlen beh\u00e4ngt und ausgefragt. Als erstes Matt Ruff, dessen &#8222;Bad Monkeys&#8220; 2008 erschienen ist. Das Buch gibt vor, ein dr\u00f6hnend witziger Roman um eine junge, sehr phantasiebegabte Frau zu sein, die vorgibt, einer Organisation zur Bek\u00e4mpfung des B\u00f6sen (&#8222;schlechte Affen&#8220;) anzugeh\u00f6ren. Hinter der Fassade jedoch verbirgt sich eine sehr traurige Geschichte um Traumata und ihre Verdr\u00e4ngung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Bewohner von Mimikrymi ist der Schwede Mikael Niemi. Er hat mit &#8222;Der Mann, der starb wie ein Lachs&#8220; einen prototypischen Schwedenkrimi produziert. Ein alter Menschenschinder und Rassist wird bestialisch ermordet, eine junge Kommissarin mit existentiellen Problemen wird eingeflogen \u2013 und schwupps entwickelt sich das Unvermeidliche&#8230; Denn wir befinden uns bei einer finnischst\u00e4mmigen Minderheit im Norden Schwedens, es werden gar schr\u00f6ckliche Dinge staatlicherseits getan, die Story pl\u00e4tschert irgendwie dahin \u2013 und dahin \u2013 und dahin \u2013 und pl\u00f6tzlich befinden wir uns in einer Allegorie, die Menschen und Dinge und Zeiten verwirren sich, Wirklichkeit taucht in \u00dcbersinnliches, \u00dcbersinnliches wird wirklich \u2013 und am Ende haben wir einen faszinierenden Text \u00fcber Identit\u00e4t und Nichtidentit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Mimikrymi (so hei\u00dft die Insel \u00fcbrigens in der merkw\u00fcrdigen Sprache ihrer Ureinwohner; K\u00e4ptn dpr hat sie sofort in &#8222;K\u00f6nig-Anobella-Insel&#8220; umgetauft) trafen wir auch Mister Rex Miller. Sein &#8222;Fettsack&#8220; ist ein Serienkiller-Kracher comme il faut, der Titelheld ein riesiger, mordl\u00fcsterner Fleischberg&#8230; So jedenfalls haben uns all jene berichtet, die bislang an der Insel vorbeisegelten, nicht aber auf ihr landeten. H\u00e4tten sie es getan, w\u00e4re ihnen nicht entgangen, dass &#8222;Fettsack&#8220; auch eine Liebesgeschichte erz\u00e4hlt. Der Ermittler trifft auf die Frau eines der Opfer, die auf das Konto des Fettsacks gehen. Sie verlieben sich ineinander. OHNE das Bestialische, das durch und durch Schlechte h\u00e4tten sie sich nicht gefunden. Das Gute entspringt also einer Laune des B\u00f6sen, und das ist in seiner Banalit\u00e4t nun wirklich abgr\u00fcndiger als jeder deviante Monsterdarsteller.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch, es sind sehr absonderliche Exemplare der Gattung Kriminalliteratur, die unsere Expedition da entdeckt hat. B\u00fccher, die uns mit Lustigem, Konventionellem oder Blutr\u00fcnstigem k\u00f6dern und peu \u00e0 peu in ganz andere Geschichten hineinziehen. Tarnung. Mimikry. Weitere Beispiele? Nun, Jerome Charyns &#8222;Citizen Sidel&#8220;. Wird als &#8222;Krimi zum US-amerikanischen Pr\u00e4sidentenwahlkampf&#8220; vermarktet. Und ist: eine Typographie des all-american hero, ein Sprung in die Seele eines Mythos, in dem alle Zeiten ineinander verwoben sind. Oder Ross Thomas, &#8222;Am Rand der Welt&#8220;. Turbulentes Gaunertreiben? Auch. Aber eigentlich: Eine luzide Geschichte dar\u00fcber, wie gro\u00dfe Politik funktioniert.<\/p>\n\n\n\n<p>So schleichen sie sich an. Harmlos. Eindeutig. Wir n\u00e4hern uns ihnen arglos. Krimifutter. Und dann werfen sie ihre zum Zwecke der T\u00e4uschung angelegte Kleidung pl\u00f6tzlich ab, zum Vorschein kommt die Fratze der Literatur und packt uns. Verschlingt uns&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. 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