{"id":21389,"date":"2008-12-03T09:04:47","date_gmt":"2008-12-03T09:04:47","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/12\/natsuo-kirino-teufelskind\/"},"modified":"2022-06-13T22:47:15","modified_gmt":"2022-06-13T20:47:15","slug":"natsuo-kirino-teufelskind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/12\/natsuo-kirino-teufelskind\/","title":{"rendered":"Natsuo Kirino: Teufelskind"},"content":{"rendered":"\n<p>In ihrer japanischen Heimat gilt Natsuo Kirino als &#8222;Tabubrecherin&#8220;. Nun sind solche Etikettierungen nat\u00fcrlich mit Vorsicht zu genie\u00dfen (das gr\u00f6\u00dfte Tabu scheint es zu sein, keines brechen zu wollen), vor allem dann, wenn die so Genannte der Liebling des Publikums und der Kritik ist. Dass Kirino ein f\u00fcr Japan hei\u00dfes Eisen angefasst hat, sei ihr aber bescheinigt. Schon in &#8222;Die Umarmung des Todes&#8220;, mit dem sie international bekannt wurde, wird die traditionelle Rolle der Frau gen\u00fcsslich und kompromi\u00dflos dekonstruiert und zur bedrohlichen Collage aus Trauma, Verdr\u00e4ngung und latenter Gewalt montiert. &#8222;Teufelskind&#8220; setzt diese Arbeit fort.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Die Geschichte von Aiko Matsushima ist traurig. In einem Bordell geboren, elternlos, von den Insassinnen des Freudenhauses gequ\u00e4lt, ein paar wei\u00dfe Schuhe der Mutter (mehr kennt Aiko von ihr nicht), sind der wichtigste Besitz des Kindes, es redet sogar mit ihnen, nennt sie Mama. Der weitere Lebensweg ist in seiner Grausamkeit vorgezeichnet: Pflegefamilie, Bordell, billige Jobs, kleine Gaunereien. Zum titelgebenden Teufelskind wird Aiko aber dadurch, dass sie Menschen, die ihr im Weg stehen, einfach ermordet. Und so zieht sich eine Spur der Gewalt durch den Roman. Aiko ist noch immer das traumatisierte und geschundene Kind, sie hat sich nicht weiter entwickelt oder, wie es Kirino in einem sch\u00f6nen Bild ausdr\u00fcckt, ihr Leben gleicht einem Heft, in dem st\u00e4ndig herumradiert wird, der Inhalt gel\u00f6scht und durch einen anderen ersetzt. Nichts baut auf anderem auf, keine Kontinuit\u00e4t, kein Lernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist sehr hart und n\u00fcchtern erz\u00e4hlt, gibt aber nur einen Teil der Qualit\u00e4ten des Buches wieder. Einen anderen findet man in den Beschreibungen jener Menschen (zumeist Paare), die Aiko t\u00f6ten muss oder die sonst in ihrem Leben eine Rolle spielten. Eine Art Mutter-Sohn-Ehe mit merkw\u00fcrdigen Ritualen (das Ehemann-Baby bekommt die Windeln gewechselt und das Schw\u00e4nzchen gelutscht), ein alter Mann, der die Kleider seiner bettl\u00e4grigen, st\u00e4ndig keifenden Frau auftr\u00e4gt, eine zur Arbeitsmaschine Herangezogene, zu schweigen von den \u00fcblichen Betrugsgeschichten, wie sie auch in fern\u00f6stlichen Ehen zum Alltag geh\u00f6ren d\u00fcrften. So hat man sich die japanische Familie nicht vorgestellt, und dass Kirino hier bewusst \u00fcberzeichnet und karikiert, versteht sich von selbst. Wer sich mit dem Personal von Romanen &#8222;identifizieren&#8220; m\u00f6chte und lieber &#8222;normale Menschen aus Fleisch und Blut&#8220; kennenlernt, ist hier fehl am Platz.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle anderen jedoch werden mit einer dichten Story belohnt, die die Wucherungen einer nur an der Oberfl\u00e4che gesunden Gesellschaft betont und das mit \u00e4u\u00dferster Flexibilit\u00e4t der Erz\u00e4hlperspektive. Wenn von Aiko in der dritten Person erz\u00e4hlt wird und sie dann selbst zu Worte kommt, kann es sein, dass es dann, wenn sie schweigt, in ihr weiter redet, des\u00f6fteren wird sie aus dem Blickwinkel anderer geschildert, die dabei ihr eigenes Leben entrollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende ereilt Aiko, nat\u00fcrlich, die gerechte Strafe. Und man wei\u00df, dass es wieder einmal die Falschen getroffen hat. Indem sie stirbt, wird Aiko &#8222;zum Buddha&#8220;, zum Symbol eines skandal\u00f6sen Zustandes auch.<\/p>\n\n\n\n<p>P.S.: Sch\u00f6n, dass der Verlag uns am Ende auch ein Portr\u00e4t der Autorin von Elke Kreil spendiert hat. Die aus der metro-Reihe gesch\u00e4tzte Dienstleistung scheint sich allm\u00e4hlich, wenn auch ganz langsam, zum Standard zu entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Natsuo Kirino: <br \/>Teufelskind  <br \/>(I'm sorry, mama, 2004. Aus dem Japanischen von Frank R\u00f6vekamp).  <br \/>Goldmann 2008. 222 Seiten. 17,95 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In ihrer japanischen Heimat gilt Natsuo Kirino als &#8222;Tabubrecherin&#8220;. Nun sind solche Etikettierungen nat\u00fcrlich mit Vorsicht zu genie\u00dfen (das gr\u00f6\u00dfte Tabu scheint es zu sein, keines brechen zu wollen), vor allem dann, wenn die so Genannte der Liebling des Publikums und der Kritik ist. 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