{"id":21395,"date":"2008-12-08T08:22:06","date_gmt":"2008-12-08T08:22:06","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/12\/mr-mrs-right\/"},"modified":"2022-06-09T23:15:32","modified_gmt":"2022-06-09T21:15:32","slug":"mr-mrs-right","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/12\/mr-mrs-right\/","title":{"rendered":"Mr. &#038; Mrs. Right"},"content":{"rendered":"\n<p>Fr\u00fcher, vor der digitalen Revolution, musste ein Liebhaber des Krimigenres, wenn er die aktuelle Produktion \u00fcberblicken wollte, die Buchhandlung seines Vertrauens aufsuchen, um sich durch die Neuerscheinungen zu schm\u00f6kern; oder er ging es systematisch an und besorgte sich die Verlagskataloge. Auf \u00f6ffentliche publizistische Hilfe durfte er nicht hoffen, denn Kriminalliteratur fand in den Feuilletons nur ausnahmsweise statt. Da erwies es sich als hilfreich, zwei oder drei gute Freunde zu haben, in puncto Geschmack vertrauensw\u00fcrdige Personen, die einem manche Empfehlung zukommen lie\u00dfen und im Gegenzug mit ebensolchen Tipps versorgt wurden.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Heute ist das anders. Wir haben das Internet, die Welt der Kriminalliteratur liegt uns zu F\u00fc\u00dfen, mitsamt unz\u00e4hliger Rezensionen, Ab- und Zur\u00e4ten, weiterf\u00fchrenden Informationen, \u00fcbergreifenden Analysen&#8230; Die Leserschaft, so suggeriert uns das, greift auf ein Netzwerk differenzierter Informationen zur\u00fcck, wertet Kritiken aus, vertieft sich in Leseproben, vergleicht Meinungen und trifft sodann seine Kaufentscheidungen. &#8212; Falsch.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn eigentlich ge\u00e4ndert hat sich im Grunde wenig. Der idealtypische Leser, wie ihn sich die Krimikritik w\u00fcnscht (schlie\u00dflich lebt sie davon), ist in der Minderheit. Statt dessen wurde das perfektioniert, was schon immer \u00fcber Wohl und Wehe eines Buches entschied: die Kommunikation von LeserInnen untereinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Beispiel Amazon. Dort kann wer m\u00f6chte B\u00fccher &#8222;rezensieren&#8220;. Die Anf\u00fchrungszeichen stehen nicht zuf\u00e4llig um das Wort, denn von dem, was professionelle Literaturkritik leisten sollte, sind diese Meinungen oft weit entfernt. Ganz zu schweigen von dem Missbrauchspotential, das flei\u00dfig von Freunden und Feinden eines Autors genutzt wird, um Titel zu lancieren oder zu diskreditieren. Und dennoch: Wie das Beispiel Sebastian Fitzek zeigt, sind Hunderte begeisterter Amazon-Lesermeinungen n\u00fctzlicher als ausgekl\u00fcgelte PR-Kampagnen. Ein Deb\u00fctant, den der Buchhandel zun\u00e4chst links liegen l\u00e4sst, schafft es \u00fcber die ber\u00fchmte Mundpropaganda endlich auch auf die Tische der gro\u00dfen Verkaufsketten. Ein M\u00e4rchen? Vielleicht. Aber kein Einzelfall.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen kann man bei Amazon auch die &#8222;Rezensionen&#8220; der Kundschaft kommentieren, jede Bewertung ist also auch eine Art Blogeintrag. Es gibt ein Forum, in dem zumeist um Empfehlungen gebeten wird (&#8230;gute deutsche Thriller&#8230;Krimis so \u00e4hnlich wie Mankell&#8230;Serienkillerkrimis&#8230;), die denn auch nicht lange auf sich warten lassen. Auch Deutschlands gr\u00f6\u00dftes Internetkrimiportal, die &#8222;Krimi-Couch&#8220; lebt davon, dass seine Community sich l\u00e4ngst diversifiziert hat. Man kennt sich. Man wei\u00df, dass User A. einen mit dem eigenen Geschmack vergleichbaren hat. Was er mir empfiehlt, d\u00fcrfte also mit ziemlicher Sicherheit auch meine Anspr\u00fcche befriedigen. Bei Amazon wird diese Suche nach dem Mr. oder der Mrs. Right in Sachen Krimivorlieben noch weiter perfektioniert. &#8222;Kunden, die dieses Buch kauften, kauften auch&#8220;&#8230; ja, sogar: &#8222;Kunden, die sich diesen Titel ansahen, haben sich auch folgende Titel angesehen&#8220;).<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4re man Kulturpessimist, es m\u00fcsste einen grausen. Nicht Analyse und begr\u00fcndete Urteile, wie man sie von Rezensionen eigentlich erwartet, bestimmen das Kaufverhalten, sondern h\u00e4ufig genug ein schlichtes &#8222;Geil!&#8220;, &#8222;Konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen!&#8220;, &#8222;Hammerkrimi!&#8220;, &#8222;Langweilig!&#8220;, &#8222;Zu wenig Blut!&#8220;. Entscheidend ist, aus welchen M\u00fcndern solche Empfehlungen und Verdikte kommen. Ist der oder die mein &#8222;Buddy&#8220;? Stimmen wir, was Krimis anbetrifft, \u00fcberein?<\/p>\n\n\n\n<p>Aber man kann es auch gelassener sehen: LeserInnen folgen nicht nur gerne der gro\u00dfen Herde und vertrauen darauf, dass wer im Fernsehen B\u00fccher anpreist \u00fcber einen absolut guten Geschmack verf\u00fcgen muss (sonst w\u00e4re der oder die ja nicht im Fernsehen!), sie lieben es auch, im eigenen Saft zu schmoren. Wer gerne Serienm\u00f6rderthriller liest, dem kann man mit Heinrich Steinfest nicht kommen, Bewunderer des Noir lesen keine Hamburger Labskauskrimis und Anh\u00e4nger der Miss Marple lassen die Finger von Herrn Izzo.<\/p>\n\n\n\n<p>Die fundierte Kritik als Grundlage einer abenteuerlichen Reise durch noch unentdeckte Welten des Genres bleibt ein seltener Gl\u00fccksfall. Wer hat auch die Zeit, sich durch Dutzende von Besprechungen zu lesen, wo doch ein schlichtes &#8222;Hat mir gefallen&#8220; von meinem Geschmackszwilling im Netz angenehme Leseaufenthalte in der vertrauten L\u00e4ndlichkeit meiner literarischen Welt garantiert?<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr\u00fcher, vor der digitalen Revolution, musste ein Liebhaber des Krimigenres, wenn er die aktuelle Produktion \u00fcberblicken wollte, die Buchhandlung seines Vertrauens aufsuchen, um sich durch die Neuerscheinungen zu schm\u00f6kern; oder er ging es systematisch an und besorgte sich die Verlagskataloge. 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