{"id":21396,"date":"2008-12-08T10:36:35","date_gmt":"2008-12-08T10:36:35","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/12\/ein-voellig-abseitiger-exkurs-ueber-das-lesen\/"},"modified":"2022-06-13T02:35:53","modified_gmt":"2022-06-13T00:35:53","slug":"ein-voellig-abseitiger-exkurs-ueber-das-lesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/12\/ein-voellig-abseitiger-exkurs-ueber-das-lesen\/","title":{"rendered":"Ein v\u00f6llig abseitiger Exkurs \u00fcber das Lesen"},"content":{"rendered":"\n<p>Jeder vierte Deutsche, so haben wir j\u00fcngst erfahren, liest keine B\u00fccher. Das ist schlecht. Drei von vier Deutschen lesen also B\u00fccher, und das ist gut. F\u00fcr die Buchindustrie. Auch f\u00fcr die Leser? Lesen, das wissen wir, ist eine erlernbare Kulturtechnik, unentbehrlich f\u00fcr den Alltag, unentbehrlich auch f\u00fcr die Beurteilung dessen, was da gelesen wird. Was oder wieviel einer liest, spielt dabei zun\u00e4chst keine Rolle. Mancher Konsument von Bildzeitungen mag seine Lekt\u00fcre intellektuell ergiebiger verarbeiten als manch manischer Verschlinger von H\u00f6chstliteratur die seine. Das WIE ist entscheidend.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Wer ein Studium der Literaturwissenschaft erfolgreich abgeschlossen hat (sagen wir: mit einem M.A.), versteht etwas von Literatur. Ach ja? Ich erspare mir die Wiedergabe von Schw\u00e4nken aus meiner eigenen Studienzeit und halte mich an die prosaischen Fakten: Wer ein Literaturstudium abgeschlossen hat, konnte unter Beweis stellen, gewisse technische Fertigkeiten beim Umgang mit Literatur einigerma\u00dfen zu beherrschen. Mehr nicht, aber das ist schon eine ganze Menge. Weder die Bef\u00e4higung zu genauem und produktivem Lesen noch gar die zu ebensolchem Schreiben musste unter Beweis gestellt werden, wie auch. Das steht gar nicht auf den Lehrpl\u00e4nen.*<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist tr\u00f6stlich f\u00fcr alle, die nicht Literaturwissenschaft studiert oder in ihrem Leben St\u00fccker 2.000 Kriminalromane gelesen haben. Denn auch sie besitzen m\u00f6glicherweise die Begabung, einen literarischen Text zu analysieren. Nehmen wir, \u2192<a href=\"http:\/\/kriminalakte.wordpress.com\/2008\/12\/08\/es-ist-nicht-nur-das-ende\/\">aus gegebenem Anlass<\/a>, ein kleines Beispiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Norbert Horst erz\u00e4hlt in seinem aktuellen Roman &#8222;Sterbezeit&#8220; diverse Geschichten (wir wollen sie nicht &#8222;Plots&#8220; nennen, denn ein Plot ist etwas anderes als eine Geschichte). Der gesamte Text ist ein typischer Horst-Text, etwas also, das man als &#8222;authentisch&#8220; bezeichnet (und wir verkneifen uns dazu auch jede Bemerkung). F\u00fcr alle, die es nicht wissen: Norbert Horst ist Polizeibeamter und beflei\u00dfigt sich einer von den Reflexionen seines Ich-Erz\u00e4hlers (der selten oder nie &#8222;ich&#8220; sagt) geformten Erz\u00e4hlweise. Sch\u00f6n. Und mal ganz im Vertrauen: W\u00e4re das alles, was Norbert Horst zu bieten h\u00e4tte, es w\u00e4re einem sp\u00e4testens beim dritten Roman schon zu wenig. Dass es das nicht ist, liegt nun an den Geschichten, die Horst erz\u00e4hlt \u2013 oder, besser: an der GESCHICHTE, die aus diesen Geschichten besteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann &#8222;Sterbezeit&#8220; in seine Handlungsteile zerlegen. Das ist nicht schwer und sogar von Menschen ohne Magistertitel zu erledigen. Es werden, wie gesagt, verschiedene Handlungsstr\u00e4nge entwickelt und mehr oder weniger ausf\u00fchrlich durch den Text gezogen. Ein Junkie wird tot aufgefunden, eine alte Frau stirbt, man entdeckt Leichenteile, der Protagonist hat Beziehungsprobleme und au\u00dferdem eine Nichte, die ein Problem mit ihrer Tochter hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt halten wir f\u00fcr einen Moment inne, etwas, das man beim Lesen grunds\u00e4tzlich tun sollte. Einfach mal \u00fcberlegen, ob nun Literaturwissenschaftler oder Kritiker oder nicht oder Vielleser oder Nur- oder Auchkrimileser. Worum geht es in diesen Geschichten? Bei allen, bis auf eine, springt es einem fast ins Auge: Es geht um Liebe. Um Elternliebe, um die Liebe zu Frauen und M\u00e4nnern. Liebe in einigen ihrer teilweise abgr\u00fcndigen Varianten. Man k\u00f6nnte es das Leitmotiv von &#8222;Sterbezeit&#8220; nennen, und der Witz liegt nun darin, dass ein denkender Leser (ich verzichte hier auf die weibliche Form, denn &#8222;denkende Leserin&#8220; w\u00e4re tautologisch) sogleich mutma\u00dft: Aha. Wenn es in diesen Geschichten um Liebe geht, dann wahrscheinlich auch in der Geschichte, die als Hauptstrang in dieser Hinsicht noch nicht gedeutet werden kann. Und tats\u00e4chlich: Es geht auch hier um Liebe. Ganz einfach. Um eine, die man absonderlich, merkw\u00fcrdig, unglaublich nennen k\u00f6nnte, wie auch immer. Und wer als Leser darauf gekommen ist, bekommt eine Belohnung. Eine weitere Geschichte n\u00e4mlich, in der es ebenfalls um Liebe geht, die jedoch vom Autor nicht erz\u00e4hlt wird, sondern nur im Kopf des Lesers erz\u00e4hlt werden kann. DAS macht &#8222;Sterbezeit&#8220; neben allen anderen Qualit\u00e4ten zu einem bemerkenswert gelungenen, weil durchstrukturierten Text, bei dem das passiert ist, was ja in der Literatur nicht immer passiert: Der Autor hat sich etwas dabei gedacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Besondere daran: &#8222;Sterbezeit&#8220; funktioniert nicht ohne den Leser respektive seine Bef\u00e4higung zur kreativen, konstruktiven, analytischen Lekt\u00fcre. Selbst wer noch niemals einen Krimi gelesen hat, kann \u2013 muss nicht \u2013 dieses Leitmotivische herausarbeiten, ja, vielleicht gerade solche Leser, die von der Lekt\u00fcre nicht das erwarten, was man die sorgsame Scheidung in &#8222;Gut&#8220; und &#8222;B\u00f6se&#8220; nennt. Verloren sind all jene, die B\u00fccher bevorzugen, in denen erkl\u00e4rt wird, wie man einen &#8222;verdammt guten Krimi&#8220; schreibt. Sie werden nicht nur garantiert keinen verdammt guten Krimi schreiben, sie werden auch nicht erkennen, wenn ein anderer einen verdammt guten Krimi geschrieben hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df, das ist wieder mal ein v\u00f6llig abseitiges Thema, mit dem sich, wer Krimis liest, besser nicht besch\u00e4ftigten sollte. Ein Thema, das den auf ewig Pubertierenden ebenso wenig interessiert wie den frustrierten Gelegenheitsblogger. Vergessen wir es also sofort wieder.<\/p>\n\n\n\n<p>*Ich muss zugeben, ein sehr gest\u00f6rtes Verh\u00e4ltnis zu den Literaturwissenschaften zu haben. Nicht nur, aber auch wegen eines \u2192<a href=\"http:\/\/web23.cletus.kundenserver42.de\/2008\/12\/02\/desinteresse-ausschreibung\/\">solchen Faktums<\/a>: <em>&#8222;Ich suche jemanden, der W\u00f6rtches Das M\u00f6rderische neben dem Leben f\u00fcr IASL online \/ Kriminalit\u00e4t und Medien bespricht. Meine diesbez\u00fcglichen Anfragen in der weiten Welt der Kriminalliteraturwissenschaften sind auf Desinteresse gesto\u00dfen.&#8220; <\/em>Es verwundert mich nicht, dass die Erzeugnisse dieser weiten Welt der Kriminalliteraturwissenschaften bei mir inzwischen auf ziemliches Desinteresse sto\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr,<br \/>der sich, weil er heute zwei Beitr\u00e4ge verfasst hat, morgen ein P\u00e4uschen g\u00f6nnt<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeder vierte Deutsche, so haben wir j\u00fcngst erfahren, liest keine B\u00fccher. Das ist schlecht. Drei von vier Deutschen lesen also B\u00fccher, und das ist gut. F\u00fcr die Buchindustrie. Auch f\u00fcr die Leser? Lesen, das wissen wir, ist eine erlernbare Kulturtechnik, unentbehrlich f\u00fcr den Alltag, unentbehrlich auch f\u00fcr die Beurteilung dessen, was da gelesen wird. 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