{"id":21398,"date":"2008-12-10T08:03:00","date_gmt":"2008-12-10T08:03:00","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/12\/leonard-schrader-der-yakuza\/"},"modified":"2022-06-18T03:06:15","modified_gmt":"2022-06-18T01:06:15","slug":"leonard-schrader-der-yakuza","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/12\/leonard-schrader-der-yakuza\/","title":{"rendered":"Leonard Schrader: Der Yakuza"},"content":{"rendered":"\n<p>Romane, die nach Drehbuchvorlagen entstehen&#8230; nun ja. Eher mit Vorsicht zu genie\u00dfen. Aber es gibt auch hier Ausnahmen \u2013 und &#8222;Der Yakuza&#8220; von Leonard Schrader ist eine davon. 1974 wurde der Stoff von Sydney Pollack verfilmt, im selben Jahr erschien der Roman des Drehbuchautors Schrader. Und er ist bis heute, da uns der Alexander Verlag das gute St\u00fcck noch einmal beschert, keinen Tag \u00e4lter geworden.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Harry Kilmer hilft einem Freund. Der, George Tanner, besitzt eine Reederei in Japan und wird von einem Yakuza-Clan, organisierten Verbrechern, unter Druck gesetzt, ihnen diese Reederei zu \u00fcberlassen. Um ihre Forderung zu unterstreichen, haben sie die Tochter Tanners entf\u00fchrt. Kilmer, der selbst eine Zeit in Japan gelebt hat, begibt sich nach Tokio. Er braucht Hilfe \u2013 und findet sie bei Tanaka Ken, dem Bruder von Kilmers Exgeliebter Eko. Tanaka war selbst einmal Yakuza, jetzt f\u00fchrt er ein Baugesch\u00e4ft. Die alten Ideale, die bis in die Hochzeiten der Samurai zur\u00fcckreichen, h\u00e4lt er immer noch hoch. Gemeinsam (und mit Hilfe des jungen Amerikaners Dusty) befreien sie das M\u00e4dchen \u2013 und damit beginnt die blutige Geschichte erst.<\/p>\n\n\n\n<p>Stichwort: blutig. Ja, es wird flei\u00dfig gemordet in &#8222;Der Yakuza&#8220;. Da werden Arme, F\u00fc\u00dfe, K\u00f6pfe abgeschlagen, ganze K\u00f6rper entzwei. Das Finale ist eine Blutorgie sondergleichen, bei der <em>&#8222;36 vollst\u00e4ndige K\u00f6rper und 9 weitere Gliedma\u00dfen&#8220;<\/em> auf der Strecke bleiben. Unter dieser grellen Oberfl\u00e4che jedoch verbirgt sich ein thematisch unglaublich vielschichtiger und in seinen beinahe philosophischen Verkn\u00fcpfungen komplexer Text. Es geht, nat\u00fcrlich, um M\u00e4nnerb\u00fcndeleien generell. Nicht nur bei den Gangsterclans, auch die amerikanische Seite ist \u00e4hnlich strukturiert. Und beide Konstrukte fallen auseinander, sind marode geworden und werden l\u00e4ngst nur noch durch hohle Zeremonien zusammengehalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Schnell jedoch verlagert sich der Akzent auf die Konstellation der beiden Protagonisten Kilmer und Tanaka. Sie werden beide Opfer von Traditionen, altert\u00fcmlichen Denkweisen und Idealvorstellungen, an denen sie zu zerbrechen drohen. Kilmer, veritabler Japankenner, muss feststellen, wie wenig er doch wei\u00df; Tanaka verf\u00e4ngt sich im Anachronistischen und leidet an den \u00dcberzeugungen, die ihm zugleich seine W\u00fcrde verleihen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das alles kommt sehr unaufgeregt, beinahe lakonisch daher, sprachlich schlackenlos, eine wunderbare Mischung aus Action und Reflexion, in der die Menge an Perspektiven nicht wie in der Buchhalterliteratur abgehakt, sondern zu einem so kompakten wie fragilen Ganzen komponiert wird. Der schlagende Beweis daf\u00fcr, wie eindrucksvoll die grellen und die gedeckten T\u00f6ne zusammenpassen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schrader, auch als Autor des oscarpr\u00e4mierten Films &#8222;Der Kuss der Spinnenfrau&#8220; bekannt geworden und 2006 63j\u00e4hrig verstorben, hat uns mit dem &#8222;Yakuza&#8220; einen Roman hinterlassen, in dem Japan als die Welt an sich funktioniert: mit all ihren entleerten Ritualen und bizarren Exzessen. Doch ohne Hoffnung endet das Buch nicht. Die letzte Szene zwischen Kilmer und Tanaka ist vollendet klar, vollendet rein, sehr simpel \u2013 sehr human. Ein Krimi, der die n\u00e4chsten Jahrzehnte locker \u00fcberleben wird, ein Monument.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Leonard Schrader: Der Yakuza. Alexander Verlag 2008 <br \/>(The Yakuza, 1974. Deutsch von J\u00fcrgen B\u00fcrger. Mit einem Nachwort von Norbert Grob). <br \/>341 Seiten. 14,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Romane, die nach Drehbuchvorlagen entstehen&#8230; nun ja. Eher mit Vorsicht zu genie\u00dfen. Aber es gibt auch hier Ausnahmen \u2013 und &#8222;Der Yakuza&#8220; von Leonard Schrader ist eine davon. 1974 wurde der Stoff von Sydney Pollack verfilmt, im selben Jahr erschien der Roman des Drehbuchautors Schrader. 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