{"id":21400,"date":"2008-12-10T16:39:43","date_gmt":"2008-12-10T16:39:43","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/12\/edgar-1\/"},"modified":"2022-06-05T22:41:04","modified_gmt":"2022-06-05T20:41:04","slug":"edgar-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/12\/edgar-1\/","title":{"rendered":"Edgar, 1"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Edgar Poe weilt am 19. Januar 2009 200 Jahre unter uns. Anlass f\u00fcr eine Serie von Aufs\u00e4tzen, die dieses labile Wunderwerk der Literatur in loser Folge aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten sollen. Mit Ankn\u00fcpfungen an die Kriminalliteratur, das Leben an sich, die Geschichte und die Gegenwart, das Politische und das Private, das Erhabene und das Niedere.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>1. Der Weg zu Poe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zu Edgar Poe gelangt der gemeine Leser auf drei Wegen. Der erste f\u00fchrt \u00fcber die phantastischen Erz\u00e4hlungen und &#8222;Arabesken&#8220;, der zweite \u00fcber die &#8222;Kriminalerz\u00e4hlungen&#8220;, der dritte, seltenere \u00fcber den biografischen Werdegang des Autors. Es gibt wohl kaum jemanden, der Poe als den Sch\u00f6pfer von &#8222;Heureka&#8220; oder den ausufernden, nicht selten wild um sich schlagenden Rezensenten kennenlernt. Nein, Poe begegnen wir entweder als dem &#8222;Vater&#8220; des phantastischen (Horror-)Genres oder der Kriminalliteratur, wenn wir nicht gleich abwinken und die Sch\u00f6pfungen eines offensichtlich v\u00f6llig undiplomatisch agierenden, gelegentlich furchtbar schleimenden, noch \u00f6fter der Alkoholsucht ergebenen und in der Gosse verreckten Mannes als Reflexionen dieser scheinbar verkrachten Existenz betrachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe Poe \u00fcber seine phantastischen Erz\u00e4hlungen kennengelernt, also nicht kennengelernt. Dann hatte ich gro\u00dfes Gl\u00fcck. Einige Jahre besch\u00e4ftigte ich mich intensiv mit dem deutschen Autor Arno Schmidt, der nicht nur Poe \u00fcbersetzt hat, sondern in seinem Opus Magnum &#8222;Zettel&#8217;s Traum&#8220; Poes einzigen Roman \u2013 &#8222;Gordon Pym&#8220; (der Titel ist abgek\u00fcrzt und eigentlich viel l\u00e4nger) \u2013 von drei Personen psychoanalytisch auff\u00e4chern l\u00e4sst. Ich kam also nicht umhin, mich noch einmal Poe zu n\u00e4hern, diesmal, indem ich ALLES von ihm las, den &#8222;Pym&#8220; als erstes.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier gleich eine Warnung: &#8222;Pym&#8220; ist ein Kriminalroman, der keiner ist, so oder so aber entt\u00e4uschend endet. Mit einem Geheimnis n\u00e4mlich. Nichts wird aufgel\u00f6st, der Held verschwindet in dem Moment aus unserem Blickfeld, da ihm eine \u00fcbergro\u00dfe Gestalt in von schneeartiger Masse (die auch Puder sein k\u00f6nnte) durchwirbelter arktischer Landschaft entgegenkommt. Obwohl ich mich damals nicht sonderlich f\u00fcr Kriminalliteratur interessierte, ahnte ich doch, hier einen &#8222;Krimi&#8220; zu lesen, der in umgekehrter Richtung funktioniert, indem er alle Konventionen (die nat\u00fcrlich erst viel sp\u00e4ter gezimmert wurden) au\u00dfer Kraft setzt. Es beginnt &#8222;realistisch&#8220; und endet &#8222;phantastisch&#8220;, das N\u00fcchterne beginnt zu torkeln und kippt ins Mysteri\u00f6se, welches wieder die Erwartungshaltung, es m\u00f6ge doch nun alles aufgekl\u00e4rt werden, provoziert.<\/p>\n\n\n\n<p>Mir wurde damals auch klar, dass der Weg zu Poe nur \u00fcber sein Gesamtwerk beginnen kann und dieses Werk ohne die Biografie des Autors kryptisch bleiben muss. Und vice versa. Wer das Leben Poes begreifen will, muss sein Werk begreifen.<\/p>\n\n\n\n<p>Man braucht kein gelernter Literaturanalyst zu sein, um die Natur dieser phantastischen respektive von der ratio gesteuerten Erz\u00e4hlungen zu erkennen. Diese operieren unter dem Axiom der Strukturiertheit (was wir auch &#8222;Sinn&#8220; nennen), jene verlieren sich in der Strukturlosigkeit, die folgerichtig Sinnlosigkeit impliziert. Darin liegt auch der Unterschied zwischen Herrschen und Beherrschtwerden.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen K\u00f6nigsweg gibt es hier nicht, wohl aber bedrohliche \u00dcberschneidungen der Systeme. In seiner Erz\u00e4hlung &#8222;The man of the crowd&#8220; folgt der Protagonist einem willk\u00fcrlich aus der Menschenmenge Londons ausgew\u00e4hlten alten Mann. Er beschreibt ihn detailliert, versucht ihn zu fassen \u2013 um am Ende zu konstatieren, es handele sich bei dieser Person um eine Personifizierung des Verbrechens, seinen &#8222;Geist&#8220; gar. Er ist &#8222;the man of the crowd&#8220;, ein Teilchen der gro\u00dfen verwirrenden Maschine.<\/p>\n\n\n\n<p>In keinem anderen Text hat uns Poe so umstandslos offenbart, wie dicht das Erkennenwollen der Dupin-Erz\u00e4hlungen und der Horror der phantastischen Geschichten beieinander liegen k\u00f6nnen, ja, eins steckt, schaut man nur genauer hin, im anderen. Der als Analytiker gestartete Flaneur endet als traumatisiertes Opfer seiner Sinnarbeit im Malstrom der m\u00e4chtigen Sinnlosigkeit.. Der &#8222;Geist des Verbrechens&#8220; lauert im Idealzustand des &#8222;Alleinseins&#8220; als kleinste und daher am ehesten sinnstiftende Einheit und seines Gefesseltseins an &#8222;die Menge&#8220;, in der aller Sinn verloren gehen muss. Dieses St\u00fcck Prosa enth\u00e4lt die in meiner \u00dcberzeugung einzig \u00fcberzeugende Definition von Kriminalliteratur: Wer die Welt vom Verbrechen befreien will, st\u00f6\u00dft auf die Welt als Verbrechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was Poe hier erz\u00e4hlt, wird nicht nur essentiell f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis seiner Biografie und seines Werkes. Es umrei\u00dft generell die Situation des Schriftstellers und, daraus gefolgert, das Wesen von Literatur. Sobald ein Schriftsteller zu schreiben beginnt, schafft er eine Struktur \u2013 und ger\u00e4t sofort in den Sog der Strukturlosigkeit, den er selbst mit seinem Schreiben heraufbeschworen hat. Es ist, als strebe man mit jedem Satz zum Ziel und zum Ausgangspunkt. Oder um es in der Sprache der Kriminalliteratur zu fixieren: Je n\u00e4her ich der L\u00f6sung eines Falles komme, desto brutaler werde ich zum r\u00e4tsel- und mysteriengetr\u00e4nkten Anfangspunkt, auf das Verbrechen selbst und die Notwendigkeit seiner Aufkl\u00e4rung zur\u00fcckgeworfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jeder Schriftsteller (also alle minus die blo\u00dfen Skribenten) steckt hoffnungslos im Faust-Dilemma: F\u00fcr das Erkennen der Strukturen und ihrer als Wissen fassbaren Sinnhaftigkeit verschreibt er sich dem Teufel, doch alles was er tut, um zu erkennen, st\u00fcrzt ihn in ein Inferno, dessen einzige ihm von der Natur gewiesene Aufgabe darin besteht, jeden Sinn zu verbrennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige wenige Menschen nur geh\u00f6ren zu dieser Gruppe von Autoren, und man erwarte bitte nicht, sie seien im \u00fcblichen Sinn &#8222;normal&#8220;. Sie sind &#8222;genial&#8220;, was nur ein anderes Wort f\u00fcr &#8222;verr\u00fcckt&#8220; ist und sogleich alle kleingeistigen Moralisten auf den Plan ruft, eine Spezies, die ich \u2013 der gebotenen K\u00fcrze wegen \u2013 als die Arschlochexistenzen bezeichnen m\u00f6chte, denen der zuverl\u00e4ssig begegnet, den die Wirklichkeit und ihr Widerschein in der Literatur umtreibt (ein Zustand, der selbst eine Umschreibung von &#8222;verr\u00fcckt&#8220; sein d\u00fcrfte, da es nicht um Nachahmung oder Neusch\u00f6pfung geht \u2013 Dinge also, an denen man die minderen Autoren zweifelsfrei erkennen kann, sondern um die Abbildung einer Wirklichkeit, die keine Gestalt annehmen kann). Poes entscheidender Plagegeist hei\u00dft Rufus Griswold, von Poe selbst zum Nachlassverwalter bestimmt (was nun wirklich eine verr\u00fcckte Entscheidung war) und sehr damit besch\u00e4ftigt, das Bild des Dichters als gescheiterte und verabscheuungsw\u00fcrdige Existenz zu kultivieren (Griswold war es auch, der Edgar Poe zu Edgar ALLAN Poe machte, indem er den Familiennamen des ungeliebten Pflegevaters einf\u00fcgte. Poe selbst hatte sich mit einem wohl eher der Sprachrhythmik geschuldeten A. begn\u00fcgt).<\/p>\n\n\n\n<p>Als angenehm im Sinne von nach den Anforderungen der Gesellschaft berechenbar k\u00f6nnen solche Personen nicht kategorisiert werden. Goethe soll im t\u00e4glichen Umgang kein sehr angenehmer Mensch gewesen sein, Bert Brecht, Arno Schmidt&#8230; nun ja. Auch Poe war nichts weniger als b\u00fcrgerlich-ethisch kontinuierlich. Jetzt aber geschieht etwas Wunderbares. Poe, der Solit\u00e4r, der sich in die Gesellschaft Mitte des 19. Jahrhunderts nicht einfinden kann, steht doch stellvertretend, wenn auch in extremer Vergr\u00f6\u00dferung, f\u00fcr genau diese Gesellschaft. Sie n\u00e4mlich ist \u00e4hnlich hin und her gerissen von der Allmachtsvorstellung einer m\u00e4chtigen, technoiden ratio und dem Ohnmachtsgef\u00fchl, mit jeder Beherrschung selbst von Dingen beherrscht zu werden, die sie nicht wirklich versteht, die ein Eigenleben f\u00fchren, dessen Ziel es ist, den menschlichen Verstand als Souver\u00e4n zu entthronen. Diese Erkenntnis steckt ja auch hinter &#8222;The man of the crowd&#8220;, und wenn diese Kriminalliteratur definiert, dann k\u00f6nnen wir f\u00fcglich annehmen, zu keiner anderen Zeit als in eben diesem 19. Jahrhundert habe Kriminalliteratur entstehen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun sollte auch uns Heutigen dieser Zustand nicht g\u00e4nzlich unbekannt sein, denn was diese Konstellation betrifft, leben wir immer noch im 19. Jahrhundert und sind dem b\u00f6sen Erwachen eben nur ein wenig n\u00e4her als unsere Vorfahren. Edgar Poe ist uns also nicht nur nah; er steckt in uns.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Edgar Poe weilt am 19. Januar 2009 200 Jahre unter uns. Anlass f\u00fcr eine Serie von Aufs\u00e4tzen, die dieses labile Wunderwerk der Literatur in loser Folge aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten sollen. 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