{"id":21413,"date":"2008-12-22T07:56:59","date_gmt":"2008-12-22T07:56:59","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/12\/zoran-zivkovi-das-letzte-buch\/"},"modified":"2022-06-12T21:59:26","modified_gmt":"2022-06-12T19:59:26","slug":"zoran-zivkovi-das-letzte-buch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/12\/zoran-zivkovi-das-letzte-buch\/","title":{"rendered":"Zoran \u017divkovi&#263;:  Das letzte Buch"},"content":{"rendered":"\n<p>Seit geraumer Zeit behelligen uns mehr (Giwi Margwelaschwilis &#8222;Officer Pembry&#8220;) oder weniger (Pinar K\u00fcrs &#8222;Mordsfakult\u00e4t&#8220;) gelungene &#8222;postmoderne Krimis&#8220;, die weit davon entfernt sind, &#8222;postmodern&#8220; zu sein und im Grunde nur ein simples Thema variieren. Das geht wie folgt:<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es gibt eine Realwelt und eine Buchwelt. Indem nun Personen aus der einen in die andere einsickern, wird die jeweilige (poetische) Einheit beider Welten besch\u00e4digt. Die Grenzen werden durchl\u00e4ssig, das Ganze dekonstruiert sich zu einem vielseitig interpretierbaren Szenario, das mal tiefsinnig (&#8222;Leben wir nicht alle irgendwie in &#8218;Gro\u00dfn Romanen&#8216;?&#8220;) mal anarchisch witzig (der Autor trifft auf seinen Protagonisten, die Fetzen fliegen) daherkommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz davon abgesehen, dass die Meisterwerke der sogenannten literarischen Postmoderne l\u00e4ngst geschrieben waren, als die Moderne begann (um nur einige zu nennen: Sternes &#8222;Tristram Shandy&#8220;, Carrolls &#8222;Sylvie &amp; Bruno&#8220;, ETA Hoffmanns Doppelroman &#8222;Kater Murr&#8220;), sind die mit solchen Etikettierungen versehenen Produkte kriminalliterarischen Schaffens schlichte Mogelpackungen. Wohl ist es seit jeher ein Kennzeichen von &#8222;Postmodernit\u00e4t&#8220; (ein Begriff, der selbst so flirrend durch die Definitionsr\u00e4ume taumelt, dass er sich nicht fassen l\u00e4sst), narrative Sinneinheiten zu br\u00fcskieren, die Vorg\u00e4ngerliteratur als Zitat zu verwenden, sich auf Metaebenen zu bewegen und Literatur aus Literatur heraus zu erschaffen, doch etwas mehr als die Formelhaftigkeit, mit der sich nun der Kriminalroman reichlich versp\u00e4tet des Themas annimmt, sollte es schon sein. Und an den gro\u00dfen Konventionen kratzt man selten, schon gar nicht an der allergr\u00f6\u00dften, ja sakrosankten: Lass, lieber Autor, deine Leser nicht dumm sterben. Genau daran krankt auch Zoran \u017divkovi\u0107s &#8222;Das letzte Buch&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>In einer Buchhandlung stirbt ein Kunde. Todesursache unbekannt, Kommissar Lukic muss her. Der hat eigentlich Literatur studiert, f\u00fchlt sich also nicht fremd an solchem Ort. Das Gesch\u00e4ft wird von zwei Buchh\u00e4ndlerinnen gef\u00fchrt, die eine schnippisch-kritisch, die andere h\u00fcbsch und nett. In letztere verliebt sich Lukic und sie sich in ihn. Derweil der n\u00e4chste Kunde dahinscheidet. Und wieder einer. Da liegen Lukic und seine Vera l\u00e4ngst im Bett, der Kommissar wird von Albtr\u00e4umen heimgesucht. Die Toten geh\u00f6rten zu den sogenannten &#8222;Patienten&#8220; des Etablissements. Sie hatten merkw\u00fcrdige Angewohnheiten (brachten B\u00fccher, die sie heimlich deponierten, ordneten neu), waren ansonsten aber harmlos. Bald konzentriert sich die Suche des Kriminalisten auf ein mysteri\u00f6ses &#8222;letztes Buch&#8220;. Wer darin liest, stirbt umgehend. Chemisch-biologische Kriegsf\u00fchrung? Terrorismus? Das ruft auch den Geheimdienst auf den Plan, der seine Augen und Ohren \u00fcberall hat. Aber nat\u00fcrlich ist Lukic schneller. Er kommt einer Art Geheimloge auf die Schliche und entgeht dem Tod nur knapp. Ansonsten wird sehr viel Tee getrunken, der Fall kl\u00e4rt sich daher logischerweise auch in einem Teehaus auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Tja. Sehr nett. Aber wenden wir uns dem Leser zu, der ein Buch gekauft hat, auf dessen Cover folgendes steht: <em>&#8222;Ein postmoderner Thriller von einem Meister des schwarzen Humors&#8220;. <\/em>Das mit dem Humor, dem schwarzen, geh\u00f6rt zu den letzten Ankern in der Texterbranche, wenn einem sonst partout nichts einf\u00e4llt, machen wir den Autor nicht daf\u00fcr verantwortlich. Aber das mit dem &#8222;postmodern&#8220; darf man ihm schon anlasten. Er f\u00fchrt den Leser sogleich auf ein bestimmtes Feld, wo es gilt, Spuren zu lesen. Wo immer Krimis &#8222;postmodern&#8220; sein wollen, haben sie merkw\u00fcrdigerweise etwas mit B\u00fcchern zu tun. Wenn Kommissar Lukic r\u00e4soniert, ein Dialog, eine Szene komme ihm ir-gend-wie bekannt vor, wei\u00df der Leser: aha. Jetzt treffen sich Wirklichkeit und Literatur. Das mit dem Gift im Buch ist nat\u00fcrlich Unsinn. Die Opfer sterben an dem, was sie gerade lesen. Dann die Albtr\u00e4ume unseres Helden. Auch sie weisen auf &#8222;das letzte Buch&#8220;. Im denkenden Leser reift ein Gedanke heran und, sagen wir, sp\u00e4testens nach zwei Dritteln der Lekt\u00fcre wei\u00df er, welches Buch hier gemeint ist und warum jeder, der es liest, sterben MUSS.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann der Showdown. Der Fall wird aufgekl\u00e4rt, der Leser ist nur wenig \u00fcberrascht. Die Aufl\u00f6sung ist ganz nett \u2013 aber sie ist mehr als das. Der Autor \u00fcbernimmt n\u00e4mlich gleichzeitig die Rolle des Kritikers und liefert uns die Erkl\u00e4rung des Ganzen gleich mit und unterstreicht dabei (vielleicht ironisch), wie er Kriminalromane einordnet. Nat\u00fcrlich muss am Ende vollst\u00e4ndige Klarheit herrschen und nat\u00fcrlich sind Krimis ernsthafte Literatur.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum er das tut, ist leider allzu klar: Er hat Angst. Angst vor den &#8222;ehernen Gesetzen des Genres&#8220;. H\u00e4tte er tats\u00e4chlich etwas &#8222;Postmodernes&#8220; schreiben wollen, w\u00e4re ihm nicht im Traum (!) eingefallen, uns diese Geschichte wie jedes herk\u00f6mmliche Produkt der Spannungsbranche aufzul\u00f6sen. Er hat einerseits den Leser konditioniert, die Zeichen zu erkennen, andererseits jedoch traut er ihm nicht zu, die Zeichen zu deuten. Die wirklich nette und souver\u00e4n erz\u00e4hlte Geschichte brettert in ein unn\u00f6tiges Finale, dem Andeutungen weitaus besser getan h\u00e4tten als dieses \u00fcbervorsichtige Explizieren. Ja, bereits vor dem Finale liegt alles so ausgebreitet da (und das hei\u00dft: f\u00fcr den Leser produktiv zu verarbeiten), dass durch einfaches Weglassen der letzten Seiten viel gewonnen gewesen w\u00e4re. So aber zerbricht das Konstrukt im Leser unter der Eindeutigkeit der auktorial-diktatorischen Instanz.<\/p>\n\n\n\n<p>Postmodern? Ach was. Der Autor nimmt das Krimilegoland auseinander und setzt es, als er die emp\u00f6rten Blicke der Kinderlein gewahrt, schnell wieder zusammen. Schiere Konvention. H\u00fcbsch, aber nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Zoran \u017divkovi\u0107: Das letzte Buch. <br \/>Dtv 2008. 223 Seiten, 9,95 \u20ac<br \/>(Poslednja knjiga, 2007. Aus dem Serbischen von Astrid Philippsen)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit geraumer Zeit behelligen uns mehr (Giwi Margwelaschwilis &#8222;Officer Pembry&#8220;) oder weniger (Pinar K\u00fcrs &#8222;Mordsfakult\u00e4t&#8220;) gelungene &#8222;postmoderne Krimis&#8220;, die weit davon entfernt sind, &#8222;postmodern&#8220; zu sein und im Grunde nur ein simples Thema variieren. 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