{"id":21415,"date":"2008-12-23T08:40:20","date_gmt":"2008-12-23T08:40:20","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/12\/edgar-2\/"},"modified":"2022-06-13T02:01:54","modified_gmt":"2022-06-13T00:01:54","slug":"edgar-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/12\/edgar-2\/","title":{"rendered":"Edgar, 2"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Edgar Poe weilt am 19. Januar 2009 200 Jahre unter uns. Anlass f\u00fcr eine Serie von Aufs\u00e4tzen, die dieses labile Wunderwerk der Literatur in loser Folge aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten sollen. Mit Ankn\u00fcpfungen an die Kriminalliteratur, das Leben an sich, die Geschichte und die Gegenwart, das Politische und das Private, das Erhabene und das Niedere. Heute mit Teil 2 (Teil 1 \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2008\/12\/edgar-1.php\">hier<\/a>)<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>2. Der Textaufz\u00e4umer<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eImmer wieder mu\u00df ich daran denken, da\u00df unsre Roman-Schreiber, ganz allgemein genommen, dann und wann recht gut ein Wenig von den Chinesen profitieren k\u00f6nnten, welche, wiewohl sie ihre H\u00e4user nicht vom Dache abw\u00e4rts bauen, doch vern\u00fcnftig genug sind, ihre B\u00fccher von hinten her anzufangen.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Kommt das nicht bekannt vor? Sollen nicht die Krimischaffenden &#8222;ihre B\u00fccher von hinten her anfangen&#8220; wie die Poe&#8217;schen Chinesen? Und wer, wenn nicht die VerfasserInnen von Spannungsliteratur, ben\u00f6tigt vor der Niederschrift einen PLAN, der dieses anf\u00e4nglich erdachte Ende logisch legitimiert?<\/p>\n\n\n\n<p>So lehrt es uns, glaubt man, der gro\u00dfe Edgar Poe, Erfinder der Detektivgeschichte. So demonstriert es uns jener in seinem monumentalen &#8222;Die Morde in der Rue Morgue&#8220;. Das Ende: Ein Orang-Utan wars. Nur diese L\u00f6sung passt zur Ausgangssituation, dem Doppelmord in einem verschlossenen Raum. Die T\u00fcr ist abgesperrt, durch das Fenster vermag ein Normalsterblicher nicht einzudringen, also bleibt nur die tierische Kreatur.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Verfahren funktioniert auch in &#8222;Der stibitzte Brief&#8220;. Das Objekt der Begierde wird dort versteckt, wo niemand ein Versteck vermutet, im jedermann zug\u00e4nglichen Bereich n\u00e4mlich. Dazu eine Geschichte erfunden, die vielleicht nicht r\u00fcckw\u00e4rts entwickelt wird, aber auf ein vorbestimmtes Ende, das Ziel, hinausl\u00e4uft.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem Essay \u201eDie Methode der Komposition\u201c greift Poe dieses Thema noch einmal auf und wendet es diesmal auf einen konkreten Fall an.<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eCharles Dickens kommt in einer mir vorliegenden Notiz auf die Untersuchung zu sprechen, die ich einmal \u00fcber die Technik von \u201aBarnaby Rudge\u2019 anstellte, und schreibt: \u201aHaben Sie \u00fcbrigens bemerkt, da\u00df Godwin seinen \u201aCaleb Williams\u2019 von r\u00fcckw\u00e4rts schrieb? Zuerst verwickelte er seinen Helden in ein Netz von Schwierigkeiten, die den zweiten Band ausmachen, und suchte dann f\u00fcr den ersten etwas, das das Geschehene begr\u00fcnden soll.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das ist nun ein dankbares Objekt f\u00fcr jeden Kriminologen; denn dieser William Godwin hat mit \u201eCaleb Williams: or Things as they are\u201c 1794 durchaus vieles von dem vorweggenommen, was Poe sp\u00e4ter aufgriff und was bis heute zu den Ingredienzien eines Kriminalromans geh\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwar ist Poe, was &#8222;Caleb Williams&#8220; betrifft, nicht ganz Dickens\u2019 Meinung; betont aber die Bedeutung des Ausgangs, der Aufl\u00f6sung einer Geschichte (Poe benutzt daf\u00fcr das franz\u00f6sische \u201ed\u00e9nouement\u201c):<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eNur mit dem d\u00e9nouement st\u00e4ndig vor Augen, l\u00e4sst sich dem Vorwurf der unerl\u00e4ssliche Anschein der Folgerichtigkeit oder Urs\u00e4chlichkeit verleihen, indem man die Vorkommnisse und insbesondere die gesamte Tonart auf den Fortgang des Beabsichtigten ausrichtet.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Im Folgenden analysiert Poe seinen ber\u00fchmten &#8222;Raben&#8220; und beschreibt die &#8222;Effekte&#8220;, welche planvoll \u00fcberlegt den Text strukturieren. Hier wie im Beispiel Godwins pr\u00e4sentiert er sich als ein &#8222;kalkulierender Dichter&#8220;, was f\u00fcr viele einen Widerspruch in sich bergen d\u00fcrfte, denn von Dichtern erwarten wie die in zahllosen Musenk\u00fcssen dokumentierte Inspiration, nicht aber die Berechnung. Tats\u00e4chlich redet Poe hier dem Handwerk das Wort; &#8222;Genie&#8220; ist etwas v\u00f6llig davon Unabh\u00e4ngiges, es entsteht aus der Vorplanung oder ergibt sich w\u00e4hrend der Umsetzung des Plans. Man hat das Ende im Blick und steuert zugleich die Kontinuit\u00e4t des Textes. \u2013 Das kann schiefgehen, und genau dieses Scheitern kann die Faszination des wahren Genies ausmachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie gr\u00fcndlich solches misslingen kann, zeigt die dritte der prototypischen Detektivgeschichten, &#8222;Das Geheimnis der Marie Rog\u00eat&#8220;. Auch hier d\u00fcrfte Poe, nach dem Studium der Fakten (denn bei der Ermordung Marie Rog\u00eats handelte es sich um ein tats\u00e4chlich begangenes Verbrechen) ein Ziel vor Augen gehabt haben. Er l\u00e4sst seinen Detektiv Dupin nun die Unterlagen (Zeitungsberichte) so deduktorisch herrichten, dass sie genau auf dieses Ende zusteuern. Drei Folgen hat die Erz\u00e4hlung, zwei sind schon erschienen, als das Unvermutete eintritt: Der &#8222;wirkliche Fall&#8220; der Marie Rog\u00eat wird gel\u00f6st \u2013 doch dieses empirische Ende stimmt nicht mit dem Poes \u00fcberein. Er muss die abschlie\u00dfende Folge der Geschichte umarbeiten, was eigentlich unm\u00f6glich ist, da ja alle Indizien auf den Falschen hinweisen. Also nimmt Poe zu einer Verlegenheitsl\u00f6sung Zuflucht und \u00fcberl\u00e4sst es dem Leser, endg\u00fcltig zwischen der profanen Welt und der B\u00fccherwelt zu entscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ist Poe hier wirklich gescheitert? Oder fand er sich in der Situation des Alchimisten wieder, der Gold machen wollte \u2013 und das Porzellan fand? Keine Frage, dass Poe sich nicht nur als Handwerker sah, sondern auch als Wissenschaftler. Nur, welche Art von Wissenschaft pr\u00e4ferierte Poe? War er zielgerichtet (wie jemand, der sich aufmacht, einen Impfstoff gegen die Pocken zu entwickeln) oder objektorientiert, also an der Natur eines Gegenstandes interessiert, den es sukzessive zu erforschen gilt? Erfand er den &#8222;Krimi&#8220; im Rahmen einer wissenschaftlichen oder doch an Wissenschaft angelehnten Versuchsreihe? Oder war dieser Krimi ein Zufalls-, vielleicht gar das Abfallprodukt von etwas anderem, das selbst als gescheitert angesehen werden muss? Dazu mehr in Edgar, 3.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Edgar Poe weilt am 19. Januar 2009 200 Jahre unter uns. 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