{"id":21426,"date":"2009-01-05T07:47:56","date_gmt":"2009-01-05T07:47:56","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/01\/ein-wochenende-mit-donald-e-westlake\/"},"modified":"2022-06-07T18:41:52","modified_gmt":"2022-06-07T16:41:52","slug":"ein-wochenende-mit-donald-e-westlake","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/01\/ein-wochenende-mit-donald-e-westlake\/","title":{"rendered":"Ein Wochenende mit Donald E. Westlake"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image is-style-default\">\n<figure class=\"alignleft size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Donald-E-Westlake-Mafiatod.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Donald-E-Westlake-Mafiatod.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-24878\" width=\"175\" srcset=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Donald-E-Westlake-Mafiatod.jpg 316w, https:\/\/hinternet.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/Donald-E-Westlake-Mafiatod-95x150.jpg 95w\" sizes=\"(max-width: 316px) 100vw, 316px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<p>Nein, 2008 war nicht unser gemeinsames Jahr. Richard Starks Papagei, den man befragen sollte, hat es gar nicht erst zu mir geschafft, warum auch immer. Donald Westlakes &#8222;Mafiatod&#8220;, in der Hard Case Crime \u2013 Reihe ver\u00f6ffentlicht (und explizit NICHT retro, sondern einfach notwendige Traditionspflege), brachte es nur auf den gro\u00dfen schwankenden Stapel neben dem Schreibtisch und schien dazu verurteilt, mit dem neuen Jahr dem niemals gelesenen Altpapier zugeschlagen zu werden. Mein letzter Westlake \/ Stark \u2013 Lekt\u00fcreausflug liegt schon etwas zur\u00fcck, so lange, dass ich gar nicht mehr wei\u00df, welches seiner Werke ich mit einem &#8222;gutes Buch, guter Mann&#8220; abgenickt habe. Also kein hardcore-Fan. Kann man sich auch nicht leisten, wenn man in m\u00f6glichst alle entlegenen Ecken des Genres schauen m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber man soll 2008 nicht vor dem letzten Sekundenschlag loben, und fast mit diesem mussten wir uns von Donald E. Westlake trennen. Als h\u00e4tten wir ihm je sonderlich nahegestanden, wir Krimileser hierzulande. \u2013 Einige schon, zugegeben. Den anderen aber wurde es schwer gemacht. Westlake z\u00e4hlte \u2013 wie auch Lawrence Block, mit dem er vieles gemeinsam hatte (die anderen 394 Namen nenne ich nicht) \u2013 zur problematischen Gruppe der lieblos durch die deutschsprachige Verlagslandschaft gepr\u00fcgelten Grandseigneurs des Genres, mal hier ein textkastriertes Taschenbuch, mal dort ein brutal aus dem Kontext gerissener Titel \u2013 wirklich popul\u00e4r wird man damit nicht, legend\u00e4r h\u00f6chstens, was aber die Vorstufe von &#8222;total vergessen&#8220; ist. Dass sich hier endlich eine Wende zum Besseren abzeichnete, im Jahr 2008 mit dem vermaledeiten 31.12. \u2013 es ist ein Hohn und doch auch ein Trost. M\u00f6ge der Westlake \/ Stark \u2013 Edition des Zsolnay Verlags ein l\u00e4ngerer Atem beschert sein, ein mutigerer Anlauf, ein sensibleres Publikum &#8212;<\/p>\n\n\n\n<p>Und nun Schluss mit dem Epitaph. Ich bin schlie\u00dflich kein Westlake \u2013 Fachmann wie die Kollegen, die ihm, zum Beispiel \u2192<a href=\"http:\/\/www.titel-magazin.de\/modules.php?op=modload&amp;name=News&amp;file=article&amp;sid=7681&amp;mode=thread&amp;order=0&amp;thold=0&amp;POSTNUKESID=f1a9136ac5c199a65565505333e53001\">hier<\/a>, kundig nachgerufen haben. Ich bin nur ein Leser, der in seinen Best\u00e4nden st\u00f6bert, ein \u00e4ltliches B\u00fcchlein herausklaubt, noch eins, die alten gro\u00dfen Serienhelden Dortmunder und Parker, Verbrecher beide, men at work (und in einem snapshot blitzt Gerry Disher auf), also schon bedenklich am Rande der Krimischablone &#8212; noch einmal lesen? Ja, irgendwann gewiss.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur: Da w\u00e4re noch das Hard Case Crime \u2013 B\u00e4ndchen, &#8222;Mafiatod&#8220;, im Original &#8222;361&#8220;, was immer das auch bedeuten mag, und vielleicht, weil ich wissen will, WAS es bedeutet, nehme ich mir den Samstag und den Sonntag f\u00fcr die knappen 200 Seiten Westlake aus dem Jahr 1962. Da war er 29, hatte schon etliche Kerben an der Schreibmaschine, aber seine besten Taten noch vor sich.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Mafiatod&#8220; erz\u00e4hlt eine handlungsstarke Geschichte um Rache und Betrug, die Gespenster der Vergangenheit und die schalen Werte des Lebens. Das ist jetzt entsetzlich formuliert, aber mit Absicht. Denn die Welt, durch die der Protagonist zu irren hat, besteht aus entsetzlichen Formulierungen. Ray Kelly, 23, hat seinen Milit\u00e4rdienst bei der Navy abgerissen und kommt aus Deutschland nach New York zur\u00fcck, wo ihn sein Vater, ein Rechtsanwalt, erwartet. Sie wollen zusammen heimfahren nach Binghamton, zu Rays Bruder, seiner Frau, dem Baby. Dazu kommt es aber nicht. W\u00e4hrend der Fahrt wird der Vater aus einem anderen Wagen heraus erschossen, Ray verliert ein Auge, liegt eine Zeitlang im Krankenhaus. Seinem Bruder Bill ist ebenfalls Schreckliches geschehen: Die Frau ist totgefahren worden, Fahrerflucht. Gemeinsam machen sie sich auf nach New York, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Rasch erfahren die beiden, dass der Vater in einem fr\u00fcheren Leben f\u00fcr die Mafia t\u00e4tig war. Das ist ein Schock. Sie graben sich durch Zeitungsarchive, befragen Kollegen, Mandanten des Vaters und geraten schlie\u00dflich an Eddie Kapp, einen Gangster aus den seligen Prohibitionszeiten, der seit \u00fcber zwanzig Jahren im Knast sitzt, demn\u00e4chst aber entlassen werden soll. Er ist Dreh- und Angelpunkt der Ereignisse.<\/p>\n\n\n\n<p>An dieser Stelle schl\u00e4gt die Geschichte einen \u00fcberraschenden Salto. Doch was Westlake im ersten Teil der Story angelegt hat, entfaltet sich weiter bis zum Schluss. Vor allem der Charakter der Hauptperson Ray Kelly, eines Jungen, von dem man so bedenklich wenig wei\u00df. Er ist haltlos, verwirrt, er klammert sich an die \u00fcblichen Begriffe wie &#8222;Heim&#8220;, &#8222;Familie&#8220;, &#8222;irgendwo hingeh\u00f6ren&#8220;, all das also, was ich am Anfang &#8222;schlecht formuliert&#8220; genannt habe. Im Grunde ist Ray ein furchtbarer Egoist, und er wird es irgendwann selber wissen, dass er sich nur r\u00e4chen will, weil ihm jemand das Zuhause weggenommen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Der angesprochene Salto ist ein wunderbarer Kunstgriff Westlakes. Nicht weil er die Geschichte in Richtung Mafia und &#8222;Familie&#8220; dreht, sondern weil er die schlechten Formulierungen zuspitzt und als solche erkennbar macht. Kelly ist ein junger Mann, der Einfl\u00fcsterungen erliegt. Eddie Kapp wird ihn zuschmalzen, er wird ihm von Ehre und Integration erz\u00e4hlen, von den Traditionen, den Notwendigkeiten des Lebens. Das klingt, wenn Kapp etwa von den Einwanderern und ihren Schwierigkeiten bei der Assimilation erz\u00e4hlt, richtig heutig-soziologisch, ist aber doch nur Demagogie.<\/p>\n\n\n\n<p>Und Kelly, der keine Ahnung hat, was f\u00fcr ein Spielchen da mit ihm gespielt wird, nickt alles ab und geht seinen Weg. Er ist kein Krimineller, aber er benutzt die Kriminalit\u00e4t f\u00fcr seine Zwecke. Die Familienregeln des Verbrechens gelten auch im Privaten, da macht Kelly keinen Unterschied. Als er schlie\u00dflich erkennt, wie man ihn benutzt hat, bringt er die Geschichte konsequent zu Ende.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Mafiatod&#8220; ist das Psychogramm eines nach Orientierung suchenden und dabei mi\u00dfbrauchten Jungen, der sich an leere Begriffsh\u00fclsen klammert, dem es egal ist, ob es einen Unterschied zwischen Gut und B\u00f6se gibt. Er macht \u2013 wie sp\u00e4ter Dortmunder und Parker \u2013 einfach seine Arbeit. In diesem Ray Kelly ist die Ambivalenz der zuk\u00fcnftigen Protagonisten bereits angelegt, aber nicht nur das. Auch der gro\u00dfe Schriftsteller Donald E. Westlake wird sichtbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Vladimir Nabokov hat einmal gesagt, einen wirklich f\u00e4higen Autor erkenne man daran, wie er sein Nebenpersonal zeichnet, und wenn das stimmt, dann war Westlake ein verdammt gro\u00dfer Autor. Bill Kelly, Rays etwas biederer Bruder, wird in wenigen Bemerkungen zum Leben skizziert. Ein siebtklassiger Privatdetektiv, ein alternder Journalist \u2013 wenige Zeilen gen\u00fcgen Westlake auch hier, um Personal zwischen diesen vagen Begrenzungen im Ungesagten existieren zu lassen. Wie es denn \u00fcberhaupt die Beil\u00e4ufigkeiten sind, aus denen der Roman seine Tiefe zieht. Auch der schwarze Anwalt, der sich bei den Mafiosi geborgen f\u00fchlt, weil denen seine Hautfarbe egal ist. Und der den Boss verr\u00e4t, als der ihn &#8222;boy&#8220; nennt. Hier wird deutlich, worum es geht: um die eigene Haut, um die erb\u00e4rmliche Rettung des Selbst, nicht um die gro\u00dfen Werte. Wunderbar in diesem Zusammenhang die Figur des Detektivs, die immer mal wieder auftaucht, ein feiger, anst\u00e4ndiger, \u00e4ngstlicher kleiner Mann, der f\u00fcr mich, als die Geschichte ihren H\u00f6hepunkt erreicht, der wahre Held der Story geworden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch. Wer &#8222;Mafiatod&#8220; liest und die &#8222;H\u00f6llenfahrt&#8220; (wie die deutsche Erstausgabe von 1963 betitelt war) des jungen Ray mitgemacht hat, wei\u00df schon, was f\u00fcr ein gro\u00dfer Autor dieser Donald E. Westlake gewesen ist und bis ans Ende aller Tage bleiben wird. Ein Pulp-Autor? Hardboiled? Noir? V\u00f6llig unwichtig. Diese Kategorien verblassen vor der eigentlichen Kunst Westlakes, die eine \u00fcberw\u00e4ltigend literarische ist, traumwandlerisch beherrschtes Handwerk, pr\u00e4zise gef\u00fchrte Sprache als Waffe. Literatur als der in eine Geschichte gehauchte Atem, der aus dieser Geschichte (die f\u00fcr sich genommen trivial ist, schon h\u00e4ufig erz\u00e4hlt wurde) ein lebendiges, in s\u00e4mtlichen Muskeln zuckendes Wesen macht. Die Magie steckt im Ungeschriebenen, das im Gitter der Worte h\u00e4ngenbleibt. Und deshalb besticht der Text \u2013 und alle, die ihm folgen \u2013 gerade durch das, was er nur anrei\u00dft. Alles weitere \u00fcberl\u00e4sst Westlake den Lesern \u2013 die m\u00fcssen nur wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>P.S. Warum das Buch im Original &#8222;361&#8220; hei\u00dft, wei\u00df ich immer noch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Donald E. Westlake: Mafiatod. <br \/>Rotbuch 2008. 208 Seiten. 9,90 \u20ac<br \/>(361, 1962, deutsch von Ursula von Wiese)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nein, 2008 war nicht unser gemeinsames Jahr. Richard Starks Papagei, den man befragen sollte, hat es gar nicht erst zu mir geschafft, warum auch immer. 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