{"id":21429,"date":"2009-01-07T10:42:22","date_gmt":"2009-01-07T10:42:22","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/01\/backlist-oder-der-normalfall\/"},"modified":"2022-06-17T19:31:45","modified_gmt":"2022-06-17T17:31:45","slug":"backlist-oder-der-normalfall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/01\/backlist-oder-der-normalfall\/","title":{"rendered":"Backlist oder der Normalfall"},"content":{"rendered":"\n<p>Was ist nur los im Krimiland? Mangelt es an Nachwuchs? Wollen die alten K\u00e4mpen, die uns seit Jahren mit spannender Kost versorgen, nicht mehr? Stattdessen: olle Kamellen. Rowohlt legt, neu \u00fcbersetzt wenigstens, die Sj\u00f6wall \/ Wahl\u00f6\u00f6 \u2013 Altert\u00fcmer noch einmal auf; Diogenes wirft pro Monat einen simenonschen Maigret auf den Markt und droht f\u00fcrs Fr\u00fchjahr mit einer Chandler-Kassette. Auch Fischer macht in Krimiklassikern, die Edition K\u00f6ln sowieso. Ganz zu schweigen von Hard Case Crime. Aua. Das ist doch nicht mehr normal! Oder doch?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Aber immer. Es ist sogar das Allernormalste auf den weiten Feld der Literatur und ihrer \u00f6konomischen Handlanger. Verlage nennen es backlist und wuchern damit. Was w\u00e4ren sie ohne Brecht, Thomas Mann, Heinrich B\u00f6ll, von den Klassikern ganz zu schweigen. Nur auf dem Krimisektor scheint es so etwas nicht zu geben oder doch nur ausnahmsweise. Mit &#8222;retro&#8220; hat das nichts zu tun. Retro w\u00e4re es, pl\u00f6tzlich im Stile der Soziokrimischaffenden zu schreiben oder so zu tun, als br\u00e4uchten wir weiterhin frisches Hartgekochtes.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut gef\u00fcllte Backlists jedoch sind in der Kriminalliteratur eher die Ausnahme, von den &#8222;gro\u00dfen Klassikern&#8220; einmal abgesehen. Die Verlage m\u00f6gen dies mit dem generellen Desinteresse des Publikums an der Geschichte des Genres begr\u00fcnden, und darin steckt ja auch viel Wahres. Dabei t\u00e4te Traditionspflege not. Was wissen wir von den f\u00fcnfziger, den sechziger, den siebziger, den achtziger Jahren? Gibt es \u2013 wie in der &#8222;normalen&#8220; Literatur durchaus \u00fcblich \u2013 so etwas wie Autorenpflege au\u00dferhalb \u00f6konomischer Kalkulationen? Kriminalliteratur ist Krimi: auf schnellen Konsum und schnelles Vergessen angelegt, eine literarische Lagerhaltung f\u00fcr nachfolgende Generationen findet nicht statt. Es herrscht generell die Annahme, Kriminalliteratur sei ein sich von Werk zu Werk vervollkommnendes Genre, das Vergangene quasi als Vorstufe zwar notwendig, aber eigentlich minderwertig.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die sogenannten Klassiker trifft dies nicht zu, weil sie als Orientierungsmarken fungieren und vorgeben, in welche Richtungen sich Krimi bittesch\u00f6n zu entwickeln habe. Das Resultat ist &#8222;retro&#8220;: Traditionspflege als best\u00e4ndiges Wiederk\u00e4uen der alten Muster, Nachahmungen von zumeist nur geringem Wert. Eine lebendige Szene s\u00e4he anders aus. Sie br\u00e4uchte jedoch die Verf\u00fcgbarkeit des Alten, wenigstens das Wissen um diese vergangenen Schritte des Genres, um den Kontext zu verstehen, in dem sich Literatur im Allgemeinen und Kriminalliteratur im Speziellen bewegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Keineswegs ein deutsches Problem, aber beileibe auch nicht nur ein Nachfrageproblem. Dass sich interessierte Kreise das OEuvre Derek Raymonds m\u00fchsam (und teilweise \u00fcberteuert) aus den Altpapier zusammensuchen m\u00fcssen, ist bekannt. Hier wei\u00df man aber immerhin, wonach man suchen soll. Bei deutschsprachigen Autorinnen und Autoren nicht unbedingt. Sie verschwinden sp\u00e4testens dann, wenn die letzte Auflage verkauft ist, aus den backlists. Passen nicht mehr in den Trend, sind nicht mehr hip, haben den aktuellen Zug verschlafen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Krimiliteraturhistoriker ist das nicht unbedingt schlecht. Sie k\u00f6nnen alle paar Jahre mit einer &#8222;Wiederentdeckung&#8220; an die \u00d6ffentlichkeit gehen. Vielleicht haben sie ja Gl\u00fcck und k\u00f6nnen, nach vier, f\u00fcnf solcher &#8222;Wiederentdeckungen&#8220; jemanden als Klassiker etablieren. So ist es zum Beispiel Friedrich Glauser ergangen, der jetzt &#8222;gemeinfrei&#8220; geworden ist, sprich von Hinz &amp; Kunz honorarfrei nachzudrucken. Bittesch\u00f6n. Wenn es nur eine Geldfrage sein sollte, dann warten wir halt, bis die Krimischaffenden seit 70 Jahren unter der Erde liegen. Sch\u00f6ner w\u00e4re es, wenigstens einige der wichtigeren VertreterInnen schon zu Lebzeiten mit der Verf\u00fcgbarkeit ihres Schaffens zu ehren.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist nur los im Krimiland? Mangelt es an Nachwuchs? Wollen die alten K\u00e4mpen, die uns seit Jahren mit spannender Kost versorgen, nicht mehr? Stattdessen: olle Kamellen. 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