{"id":21430,"date":"2009-01-08T08:36:54","date_gmt":"2009-01-08T08:36:54","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/01\/ladies-of-crime-ueber-kurzkrimis-1\/"},"modified":"2022-06-13T02:04:01","modified_gmt":"2022-06-13T00:04:01","slug":"ladies-of-crime-ueber-kurzkrimis-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/01\/ladies-of-crime-ueber-kurzkrimis-1\/","title":{"rendered":"Ladies of Crime. \u00dcber Kurzkrimis -1-"},"content":{"rendered":"\n<p>Kurzkrimis sind keine kurzen Krimis. Die besseren Exempel bedienen sich einer eigenen, aus der Not der Beschr\u00e4nkung geborenen \u00c4sthetik, um den kleinsten gemeinsamen Nenner zu garantieren: Spannung. Aber eben nicht jene epische Spannung des \u00fcber Hunderte von Seiten gespannten Bogens.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Der soeben bei Diogenes erschienene Band &#8222;Ladies of Crime&#8220; macht uns mit etlichen Gro\u00dfmeisterinnen dieser besonderen Form von Spannung bekannt. Elf namhafte Damen sind mit je einem Paradest\u00fcck ihrer Kunst vertreten \u2013 nein, es sind eigentlich nur zehn. Denn wohl ist Ingrid Noll Kriminalschriftstellerin, ihre Geschichte &#8222;Herr Krebs ist Fisch&#8220; jedoch nichts sonst als eine m\u00e4\u00dfig humorige Ehe-\/Seitensprungstory, in der sich allenfalls als verbrechensrelevant erweist, dass die Hausfrau mit Vorliebe unifarbene Mahlzeiten (Rotkraut mit roten Bohnen etc.) auf den Tisch bringt. Vergessen wir die ulkige Nummer.<\/p>\n\n\n\n<p>Gleich die erste Geschichte macht uns mit einem Hauptmotiv weiblicher Mordlust bekannt: Rache. In Doris D\u00f6rries &#8222;Mit Messer und Gabel&#8220; r\u00e4cht sich die Heldin am Mann, weil der nicht zivilisiert zu essen versteht. Hm. Man ahnt sofort, worauf die Nummer hinausl\u00e4uft und sieht am Ende seine Erwartungen best\u00e4tigt. \u2013 Dies aber ist das Todesurteil f\u00fcr den Kurzkrimi. Da er Spannung nicht als ein gef\u00e4hrliches, immer enger um Opfer und Leser sich zusammenziehendes Netz kn\u00fcpfen kann, braucht er diese Spannung in ihrer heimt\u00fcckischsten Form \u2013 als &#8222;suspense&#8220;. Suspense ist nicht einfach ein anderes Wort f\u00fcr Spannung. Es schlie\u00dft das Spiel mit den Erwartungen des Lesers ein und d\u00fcpiert diese mit einem &#8222;twist&#8220;, einer \u00fcberraschenden Umkehrung des antizipierten Handlungsverlaufs. Fast alle Geschichten des Bandes machen davon Gebrauch. Ruth Rendalls &#8222;Der Pfeifer&#8220; \u2013 auch hier geht es um Rache \u2013 dreht das scheinbar fixe T\u00e4ter \u2013 Opfer \u2013 Schema einfach um. W\u00e4hrend also der Leser erwartet, dass der B\u00f6se etwas B\u00f6ses tut, wird dieser B\u00f6se selbst zum Objekt unlauterer Pl\u00e4ne.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass man dieses Spiel mit einfachem Suspense bis in raffinierteste H\u00f6hen treiben kann, beweist Joan Aiken mit dem hinterh\u00e4ltigsten Vertreter dieser Gattung. In &#8222;Das Lateinfossil&#8220; schauen wir einer Schulklasse beim Qu\u00e4len ihres Lateinlehrers zu. Ein toter Hund bringt die B\u00f6sewichte auf eine finale, vernichtende Idee&#8230; doch ein dummer Zufall sorgt f\u00fcr den Twist und bewegt die Geschichte in eine g\u00e4nzlich andere Richtung. Gro\u00dfartig nicht nur die Beil\u00e4ufigkeit, mit der hier Rache genommen wird, auch die Art, wie Aiken pl\u00f6tzlich die tragische Dimension des verruchten Spiels \u00f6ffnet und in die &#8222;Kriminalhandlung&#8220; (die eigentlich keine ist) einbezieht, zeugt von gro\u00dfer Klasse.<\/p>\n\n\n\n<p>Um Rache und den Opfer-\/T\u00e4ter-Twist geht es ebenfalls in Celia Fremlins &#8222;Spiel mit dem Feuer&#8220;. Ein Mann, der seine Frau betr\u00fcgt, betr\u00fcgt die Frau, mit der er seine Frau betr\u00fcgt. Die r\u00e4cht sich. Und zieht den K\u00fcrzeren&#8230; Doch, ganz nett. Aber auch hier kommt der Umschwung mit Voransage, also nicht wirklich \u00fcberraschend. Ganz anders bei Agatha Christies &#8222;Villa Nachtigall&#8220;. Die Klassikerin des Genres straft hier unsere Anfangsbehauptung, Kurzkrimis seien keine kurzen Krimis, scheinbar L\u00fcgen, denn der Text kommt wie ein Vollroman im Zeitraffer daher &#8211; und tats\u00e4chlich hat die Christie solche dickleibigen Krimis AUCH geschrieben, mit der Grundkonstellation: Naive Frau heiratet Sch\u00f6nling, der aber ein Heiratsschwindler ist und seine Angetraute jetzt aus dem Weg r\u00e4umen m\u00f6chte. Im Kurzkrimi jedoch geschieht der Fall aus dem Gl\u00fcck ins Desaster auf wenigen Seiten \u2013 und wird dadurch nur noch dramatischer. Am Ende bedient sich auch die Christie des Opfer-T\u00e4ter-Umkehrschemas.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass zeitraffende Geschichten aber nicht automatisch funktionieren, erleben wir bei Margaret Millars &#8222;Das Ehepaar von nebenan&#8220;. Auch hier zun\u00e4chst das Idyll, das empfindlich gest\u00f6rt wird und sich auf die Katastrophe zubewegt. Nur: Es geschieht so, wie es jeder erwartet und selbst das nicht ohne Clou inszenierte Ende vermag kaum zu \u00fcberraschen. Was daran liegen mag, dass der Protagonist, ein pensionierter Kriminalbeamter, zu allwissend daherkommt.<\/p>\n\n\n\n<p>V\u00f6llig anders geht P.D. James in ihrer Geschichte &#8222;Das M\u00e4dchen, das Friedh\u00f6fe liebte&#8220; vor. Ein junges M\u00e4dchen, elternlos, mit einer etwas morbiden Vorliebe f\u00fcr Friedh\u00f6fe, kein Verbrechen weit und breit, nur im Hinterkopf des Lesers mag sich ein Verdacht r\u00fchren. James erz\u00e4hlt das Weitere sehr ruhig \u2013 und w\u00e4hrend sie so erz\u00e4hlt, wird das Entsetzliche immer greifbarer. Man k\u00f6nnte die Geschichte mit einem Topf Wasser vergleichen, der auf einen Ofen gestellt wird und sich allm\u00e4hlich erhitzt \u2013 um am Ende \u00fcberzulaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischenfazit: Die Dramaturgie des Kurzkrimis unterscheidet sich von der des Romankrimis vor allem durch die pr\u00e4zise gesetzte Pointe. Zwar sind die Mittel \u00e4hnliche, m\u00fcssen aber, um zu funktionieren, pr\u00e4gnanter sein. Was aber nicht mechanisch funktioniert; ausschlaggebend ist auch hier der Faktor X, die pers\u00f6nliche Meisterschaft der Autorin, des Autors. In den beiden gelungensten Exempeln (Aiken, James) der bisher betrachteten Geschichten w\u00e4ren etwa die exzellenten dramaturgischen Kniffe wirkungslos, w\u00fcrde nicht ein besonderer Erz\u00e4hlduktus daf\u00fcr sorgen, dass solche inhaltlichen Qualit\u00e4ten erst durch formale funktionieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun, das ist keine \u00dcberraschung. Eine solche erwartet uns m\u00f6glicherweise bei den drei noch verbleibenden Geschichten des Diogenes-B\u00e4ndchens. Dort n\u00e4mlich lernen wir den Kurzkrimi als durchaus &#8222;genresprengend&#8220; kennen und wollen uns fragen, inwieweit sich diese Form als Experimentierfeld eignet. Alles weitere dazu im zweiten Teil.<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Ladies of Crime. <br \/>Diogenes 2009. 326 Seiten. 9,90 \u20ac <br \/>(ausgew\u00e4hlt von Daniel Kampa)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kurzkrimis sind keine kurzen Krimis. Die besseren Exempel bedienen sich einer eigenen, aus der Not der Beschr\u00e4nkung geborenen \u00c4sthetik, um den kleinsten gemeinsamen Nenner zu garantieren: Spannung. 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