{"id":21432,"date":"2011-05-20T09:24:52","date_gmt":"2011-05-20T09:24:52","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/05\/james-dickey-flussfahrt\/"},"modified":"2022-06-13T02:16:49","modified_gmt":"2022-06-13T00:16:49","slug":"james-dickey-flussfahrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/05\/james-dickey-flussfahrt\/","title":{"rendered":"James Dickey: Flussfahrt"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"307\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/dickey.jpg\" alt=\"dickey.jpg\"\/> Eine klassische Konstellation des Spannungsgenres. Vier M\u00e4nner, allesamt solide amerikanische Mittelschicht, planen einen aufregenden Wochenendtrip. Mit zwei Kanus wollen sie einen ungeb\u00e4ndigten wilden Fluss erobern, es ist die letzte Chance, denn das ganze Gebiet soll bald geflutet und zum Freizeitareal werden. Ed, der Erz\u00e4hler, ist Werbegrafiker, Motor des Ganzen ist Lewis, Fitnessfanatiker, ein ganzer Kerl mit Drang zum Abenteuer. Sie fahren los. Alles scheint so wie erwartet und erhofft: Anstrengend, aufregend, urw\u00fcchsig, prima Erfahrungen f\u00fcr Stubenhocker in einer archaischen Welt. <\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Dann aber begegnen sie dem B\u00f6sen und werden auf den Ursprung der Kreatur zur\u00fcckgeworfen, auf den Kampf ums nackte \u00dcberleben, in dem jeglicher Anflug von Zivilisation und Moral nur st\u00f6rend ist.<br \/>Diese knappe Skizze des Inhalts weist den Weg zur \u201eBotschaft\u201c, und die allein mag f\u00fcr einen Spannungsroman gen\u00fcgen. Das Unberechenbare der Natur, das Br\u00fcchige der Zivilisation, die nicht erst seit dem Dahinscheiden von Herrn bin Laden virulente Frage nach der Rechtfertigung von Tyrannenmord und Notwehr, all dem begegnen wir in einer durchweg packenden Story und sinds zufrieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Der \u201eMehrwert\u201c allerdings ist ein Verdienst von Dickeys sprachlicher und dramaturgischer Meisterschaft. Schon die Ouvert\u00fcre im zivilisierten Alltag Eds und seiner Freunde besticht durch die Genauigkeit der Schilderung, das vorsichtige Abklopfen des Kartenhauses Existenz durch die Sprache. Selbst wenn die Geschichte in dem Moment enden w\u00fcrde, wo ihr \u201earchaischer Teil\u201c beginnt, h\u00e4tte uns Dickey eine Menge \u00fcber das m\u00fchsam austarierte Gleichgewicht einer Psyche erz\u00e4hlt. Aber nat\u00fcrlich geht es weiter, mit genauen Beschreibungen, die doch niemals betulich sind und fernab der aus Krimibacksteinen bekannten Trivialit\u00e4t eines quantitativ motivierten Pseudorealismus.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Ed einen Felsen erklimmt, hat die Beschreibung eines jeden kleinen Schrittes ihren guten Sinn. Alles verbindet sich so zu einer Flussfahrt der besonderen Art, durch die Stromschnellen und Untiefen des Bewusstseins und des sie umgebenden Halbdunkels, vorbei an den Klippen der Vernunft und durch die Strudel des Instinkts. Am Ende steht, um im Bild der Handlung zu bleiben, die gro\u00dfe \u00dcberflutung des Unerforschten durch die Logik der Zivilisation. Ed und die anderen sind schuldig geworden, sie brauchen eine plausible Story, die sie vor Strafverfolgung sch\u00fctzt und die erschreckende Wildnis ihres Verhaltens flutet, sie zum beherrschbaren Naturschauspiel macht. Es gelingt. Alles ist wie fr\u00fcher, nichts ist wie fr\u00fcher.<\/p>\n\n\n\n<p>Man muss sich nicht intellektuell verrenken, um die zeitgeschichtliche Wirklichkeit hinter \u201eFlussfahrt\u201c zu erkennen. Das Buch ist 1970 erschienen und ein tiefer Reflex auf Vietnam, auf das Allt\u00e4gliche des T\u00f6tens, das Mutieren normaler amerikanischer Durchschnittsb\u00fcrger zu T\u00f6tungsmaschinen, mitsamt des dahinterstehenden Rechtfertigungs- und Beruhigungsapparates. Man kann das hochrechnen, umrechnen, transponieren, von Vietnam auf s\u00e4mtliche Schlachtfelder der Barbarei. Es gibt nur wenige literarische Werke, die es so eindringlich verstehen, Automatismen der Psyche mit solchen der sogenannten Weltgeschichte zu verkn\u00fcpfen. James Dickeys \u201eFlussfahrt\u201c ist eines davon, ein Klassiker, von dem wir nur hoffen k\u00f6nnen, die Lessingsche Forderung werde erf\u00fcllt: \u201eWir wollen weniger erhoben und flei\u00dfiger gelesen sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Anmerkung: Ein paar Worte zum Autor und idealerweise ein kleines Nachwort h\u00e4tten die deutsche Neuausgabe perfekt gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">James Dickey: Flussfahrt. <br \/>Seeling 2011. 267 Seiten.14 Euro.<br \/>(Deliverance. 1970. Deutsch von Jens Seeling)<\/pre>\n\n\n\n<p>Kommentar von wie gesagt:<\/p>\n\n\n\n<p>dank dieser Empfehlung habe auch ich &#8222;Flussfahrt&#8220; mit Begeisterung gelesen und fand bereits die ersten 100 Seiten \u2013 als noch kein Verbrechen geschieht und der Fluss noch idyllisch flie\u00dft \u2013 sehr spannend. Dickeys Naturschilderungen ziehen tief hinein in das Buch und zu den M\u00e4nnern in den Kanus. Fast fand ich es etwas schade, als diese Magie durch das erste brutale Verbrechen in den Hintergrund geriet, wobei Dickey hier auch grandios zu Werke geht. Je mehr dann die Protagonisten ins m\u00f6rderische Konstrukt gezogen werden, verlor der Roman in meinen Augen etwas von seiner Sogkraft. Dickey musste hart arbeiten, um seinen Plot zu verl\u00f6ten und auch die Figuren passend verschrauben. Ich finde nicht, dass sie pl\u00f6tzlich auf ihre wild-archaische Seite geworfen werden. Sie handeln, sobald sie sich f\u00fcr einen Plan entschieden haben, \u00fcberaus rational und w\u00e4gen immer wieder ab. Die extremen Erlebnisse, die sie dabei allerdings haben, machen sie zu einer marginalen, von Alltagswelten emanzipierten Klasse. Manche seltsame Entscheidungen scheinen dem Wunsch des Autos geschuldet, sp\u00e4tere Spannungsmomente darauf aufzubauen \u2013 die der Leser wiederum recht gut vorhersehen kann. Auch die Mutation von Ed zum Superhelden ist so unterhaltsam wie befremdlich. Das ist aber zweitrangig f\u00fcr dieses Buch,\u00fcber dessen Schilderungen und Formulierungen ich unentwegt staunte und in dem Verbrechen auf weiten Strecken nur eine mittelbare Rolle spielt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine klassische Konstellation des Spannungsgenres. Vier M\u00e4nner, allesamt solide amerikanische Mittelschicht, planen einen aufregenden Wochenendtrip. Mit zwei Kanus wollen sie einen ungeb\u00e4ndigten wilden Fluss erobern, es ist die letzte Chance, denn das ganze Gebiet soll bald geflutet und zum Freizeitareal werden. 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