{"id":21435,"date":"2009-01-12T09:18:45","date_gmt":"2009-01-12T09:18:45","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/01\/ladies-of-crime-ueber-kurzkrimis-2\/"},"modified":"2022-06-09T23:16:45","modified_gmt":"2022-06-09T21:16:45","slug":"ladies-of-crime-ueber-kurzkrimis-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/01\/ladies-of-crime-ueber-kurzkrimis-2\/","title":{"rendered":"Ladies of Crime. \u00dcber Kurzkrimis -2-"},"content":{"rendered":"\n<p>Die \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2009\/01\/ladies-of-crime-ueber-kurzkrimis-1.php\">bislang<\/a> in dieser kleinen Betrachtung analysierten Kurzkrimis des Diogenes-Bandes &#8222;Ladies of Crime&#8220; haben bei aller sonstigen Verschiedenheit doch ein Gemeinsames. Die Pointen und suspense-Konstruktionen stehen im Dienst einer sich steigernden Spannung. So weit, so genregerecht. Drei der Erz\u00e4hlungen f\u00fcgen sich allerdings nicht in dieses Schema.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Donna Leons &#8222;Iss nur, das tut dir gut!&#8220; hebt an mit der klassischen Konstellation des lieblosen, nur noch auf den unzivilisierten Verzehr opulenter Mahlzeiten fixierten Ehemannes und der darob immer erbosteren Ehefrau und Haussklavin. Wir ahnen, was kommen muss: Ehefrau greift zum Gift, Mann findet seine gerechte Strafe. Hm. Genau das kommt bei Leon nicht, das Ende bleibt offen. Vielleicht vergiftet sie ihn, vielleicht \u2013 wahrscheinlicher \u2013 wartet sie darauf, bis er sich totgefressen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Schritt weiter geht Fred Vargas in &#8222;F\u00fcnf Francs das St\u00fcck&#8220;. Ein Obdachloser, der vom Verkauf verdorbener Schw\u00e4mme lebt, wird Zeuge eines Mordes. Der bekannte Kommissar Adamsberg nimmt ihn ins Verh\u00f6r, doch der Mann schweigt sich aus. Bis Adamsberg eine Idee hat und seinem widerspenstigen Zeugen ein Angebot macht&#8230; Das wiederum hat mit dem Mordfall gar nichts zu tun, der \u00fcberhaupt v\u00f6llig an den Rand gedr\u00e4ngt wird und nicht mehr interessiert. Die Geschichte springt also \u00fcber den Rahmen des Genres hinaus und landet dort, wo partout keine Spannung mehr zu finden ist. Wichtig ist, wie der Zeuge von Adamsbergs Angebot profitiert und im Gegenzug sein Wissen preisgibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz so weit geht Patricia Highsmith zwar nicht. Dennoch ist ihre Erz\u00e4hlung &#8222;Damit muss man leben&#8220; die tiefgr\u00fcndigste und gelungenste des Bandes. Eine Frau, allein im frischbezogenen Heim, \u00fcberrascht einen Einbrecher. Sie t\u00f6tet ihn. Der Komplize ergreift die Flucht. Und weiter? Nichts weiter. Wie bei Vargas interessiert die Aufkl\u00e4rung des Falles (d.i. die Ermittlung des Komplizen) kein bisschen. Highsmith hat etwas anderes im Visier, das Leben der Frau nach ihrer Tat n\u00e4mlich. Und wie sie das in wenigen Szenen schildert, ist einfach gro\u00dfartig, weil hier Kriminalliteratur in ihrer weitesten Definition als Literatur \u00fcber Opfer und Verdr\u00e4ngungsstrategien erfasst wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese drei Beispiele f\u00fchren uns abschlie\u00dfend zu der Frage, inwieweit Kurzkrimis als Experimentierfeld taugen k\u00f6nnen. Es geht um die \u00dcberwindung von Genregrenzen (die ja im Grunde nur kommerziell definiert sind: Kriminalliteratur ist alles, was aus den gutverk\u00e4uflichen Schablonen zusammengesetzt wird), um die Erweiterung des Begriffs &#8222;Kriminal-&#8222;, um seine Stellung innerhalb der allgemeinen Literatur. Tats\u00e4chlich kann sich, wer einen Kurzkrimi verfasst, mehr erlauben als der oder die VerfasserIn von Romanen, allein deshalb schon, weil das Ungew\u00f6hnliche in der kurzen Form auf mehr Toleranz bei der Leserschaft st\u00f6\u00dft. Selbst eine so absolut krimiferne Pointe wie die bei Vargas wird noch als Pointe gesch\u00e4tzt, w\u00e4hrend sie als Abschluss eines 400-Seiten-Romans nur Missvergn\u00fcgen hervorrufen w\u00fcrde. Man erwartet vom Roman halt etwas anderes, eine &#8222;vern\u00fcnftige Aufl\u00f6sung&#8220; beispielsweise. Dagegen ist der Kurzkrimi eher auf die Pointe fixiert, die auch H\u00f6hepunkt eines negativen suspense sein darf, eines Auslaufens von Krimi in die Normalit\u00e4t des Alltags.<\/p>\n\n\n\n<p>Erw\u00e4hnen wir noch zwei Texte, die leider nicht in diesem Band enthalten sind, aber auch von Frauen stammen und zeigen, wie mit Hilfe der Pointe experimentiert werden kann. Einmal Kerstin Rechs \u201eDer l\u00e4ngste Tag des Bertram Hussong\u201c aus der Anthologie \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2007\/11\/letzte-gruesse-von-der-saar.php\">&#8222;Letzte Gr\u00fc\u00dfe von der Saar&#8220;<\/a>, eine Geschichte, die \u00e4hnlich wie bei Highsmith und Vargas im Alltag ankommt. Und dann noch Cristiane Geldmachers &#8222;Ach du bist das!&#8220; im von der Autorin herausgegebenen Band &#8222;Hell&#8217;s Bells&#8220;. Zwar ein <em>&#8222;beinahe klassisch zu nennende(r) Kurzkrimi mit gut gesetzter Pointe&#8220; <\/em>(\u2192<a href=\"http:\/\/www.am-erker.de\/krimis55.php\">Joachim Feldmann<\/a>), diese Pointe jedoch ist eigentlich nichts anderes als ein Wortspiel, das die Geschichte sicher umklammert. Auch das w\u00e4re in der Langform unm\u00f6glich und gelingt nur im Kurzkrimi. Aber auch dort nur den Besten \u2013 und die sind, wer wei\u00df?, bevorzugt Frauen&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u2192bislang in dieser kleinen Betrachtung analysierten Kurzkrimis des Diogenes-Bandes &#8222;Ladies of Crime&#8220; haben bei aller sonstigen Verschiedenheit doch ein Gemeinsames. Die Pointen und suspense-Konstruktionen stehen im Dienst einer sich steigernden Spannung. So weit, so genregerecht. 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