{"id":21437,"date":"2011-05-22T09:48:58","date_gmt":"2011-05-22T09:48:58","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/05\/krimikritik-1990-aus-den-tiefen-einer-bibliothek-gezogen\/"},"modified":"2022-06-13T01:22:47","modified_gmt":"2022-06-12T23:22:47","slug":"krimikritik-1990-aus-den-tiefen-einer-bibliothek-gezogen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/05\/krimikritik-1990-aus-den-tiefen-einer-bibliothek-gezogen\/","title":{"rendered":"Krimikritik 1990 &#8211; aus den Tiefen einer Bibliothek gezogen"},"content":{"rendered":"\n<p>Alle Jubeljahre f\u00e4llige und hochmotiviert angegangene Renovierungen von Arbeitszimmern mit integrierter Bibliothekswand f\u00f6rdern unweigerlich interessante altert\u00fcmliche Funde zutage. Na sieh mal an, \u201eDer Mord an Suzy Pommier\u201c von Emmanuel Bove! K\u00f6nnte man doch mal wieder nachlesen, was die literarische Moderne so alles mit dem Krimi angestellt hat. Und das hier? \u201eVon B\u00fcchern und Menschen\u201c, 1990 in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen, wie das Preisschild verr\u00e4t f\u00fcr 2 M\u00e4rker irgendwann einmal aus der Krabbelkiste gefischt. Was Krimirelevantes? \u201e\u00dcber die Rauchgewohnheiten Sherlock Holmes\u2019\u201c. Ok, kann, aber muss jetzt nicht sein. Moment \u2013 und was ist DAS hier?<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Listen! \u201eDie zehn vortrefflichsten Kriminalromane\u201c \u2013 \u201eDie zehn peinlichsten Kriminalromane\u201c. Zusammengestellt von Peter M. Hetzel und Edward G. Robinson, au weia, Pseudonyme auch noch, letzterer offensichtlich und ersterer wohl auch, steht n\u00e4mlich nicht im Mitarbeiterverzeichnis, der Bursche. Ja, denkste, von wegen Pseudonym. \u201ePeter M. Hetzel ist ein deutscher Literaturkritiker, Journalist und Autor\u201c, kichert Wikipedia. \u201eBeim Rowohlt Verlag war er als Lektor von Kriminalromanen t\u00e4tig.\u201c So, so. Und dann wird\u2019s tats\u00e4chlich witzig: \u201eIn seiner beruflichen Funktion wurde er 1987 in eine Sendung des Sat.1-Fr\u00fchst\u00fccksfernsehens eingeladen. Der Sender schlug ihm einen Wechsel in den Fernsehjournalismus vor.\u201c Muhahahaha, Sat.1-Fr\u00fchst\u00fccksfernsehen! Aber Scherz beiseite, den Burschen gibt\u2019s also, Edward G. Robinson gibt\u2019s bekanntlich auch, als Kritikerkritiker eher nicht, vielleicht verbirgt sich ja Harry Rowohlt dahinter, der findet sich n\u00e4mlich auf der Mitarbeiterliste.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch beginnen wir mit Hetzel. Was sind seine \u201ezehn vortrefflichsten Kriminalromane\u201c \u2013 des Jahres 1989, wie sich rasch zeigt? Doch, eine Liste mit unver\u00e4chtlichen Namen: Charles Willeford, Cornell Woolrich, Joseph Wambaugh, Jerome Charyn, kennt man alle noch, Marcel Montecino, Mempo Giardinello, Peter Rabe, eher Spezialistentum erforderlich, der ein wenig schwer \u00fcbersch\u00e4tzte Robert \u201ehartgekocht\u201c Crais und der in diesen Jahren scheinbar omnipr\u00e4sente T.C. Boyle mit \u201eGr\u00fcn ist die Hoffnung\u201c. Moment, ist der Roman nicht schon von 1984? Hm, ja. Das Ding mit der Marihuanafarm, ne? Krimi? Peter J. Kraus hat 2010 einen Krimi draus gemacht, aber das ist hier nebens\u00e4chlich. Fazit: Ok, die Liste lassen wir durchrauschen, es f\u00e4llt auf: kein einziger deutscher Titel. Das wird aber durch die andere Liste, \u201edie zehn peinlichsten Kriminalromane\u201c, sofort ausgeglichen, finden sich dort doch gleich neun Erzeugnisse aus deutscher Produktion.<\/p>\n\n\n\n<p>Wobei \u2013 der erste Titel hat mich ein wenig ratlos gemacht. A.B.S.? Antiblockiersystem? Kaum. Googeln. Aha. \u201ePseudonym f\u00fcr: Astrid und Bernt Schumacher\u201c, verr\u00e4t das \u201eLexikon der deutschen Krimiautoren\u201c und weiter: \u201eVon der Kritik wurden die Romane des Teams als ein neuer Impuls f\u00fcr das Genre aufgenommen, das zu jener Zeit von weitgehend formelhaften gewordenen &#8222;Sozio-Krimi&#8220; gepr\u00e4gt war.\u201c Jau, hier auf der Liste klingt das leicht anders: \u201eTeutsche Trivialit\u00e4t auf peinlich hohem Niveau\u201c. Kann ich auf die Schnelle nicht beurteilen, lassen wir mal so stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann aber kommt\u2019s. Ach du meine Fresse. Platz 2: Pieke Biermann, \u201eVioletta\u201c. Das zitieren wir jetzt aber vollst\u00e4ndig: \u201eWenn es denn \u00fcberhaupt erscheint: Starke Frauen der postmodernen Courths-Mahler k\u00e4mpfen gegen fiesen Frauenm\u00f6rder \u2013 da hilft auch keine Lesung in Klagenfurt.\u201c Da ist einiges f\u00fcr Nachgeborene kryptisch. Der Roman IST erschienen, aber scheinbar erst NACH Redaktionsschluss von \u201eB\u00fcchern und Menschen\u201c. Im Dunkel bleibt das im \u201e\u00fcberhaupt\u201c mitschwingende Raunen. SOLLTE das Buch etwa gar nicht erscheinen? Wenn aber das Buch nicht bis zum Redaktionsschluss erschienen ist, woher kannte es dann \u201eEdward G. Robinson\u201c? Vorabexemplar? Oder hilft uns der finale Satz \u201e \u2013 da hilft auch keine Lesung in Klagenfurt\u201c weiter? Ja, m\u00f6glicherweise, denn Ende Juni 1990 las Pieke Biermann ein St\u00fcck aus \u201eVioletta\u201c beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb vor und gewann den \u201e3Sat-Preis\u201c (dass ich gerade an das SAT1.-Fr\u00fchst\u00fccksfernsehen denke, ist schiere pseudoetymologische Hirnbelustigung und braucht die Leserschaft nicht weiter zu interessieren). K\u00f6nnte also sein, dass hier ein Buch nach einem geh\u00f6rten Ausschnitt daraus beurteilt wurde? Das nun w\u00fcrde die Liste erschreckend aktuell, ja, nachgeradezu zeitlos machen, denn so etwas soll in Kritikerkreisen ja des \u00f6fteren vorkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch sonst ist der Bildungswert des kleinen Verrisses enorm. Wir lernen: Pieke Biermann war einmal die postmoderne Courths-Mahler \u2013 aber nein, wir haben es eben NICHT gelernt, wir wissen heute: Es war genau andersrum. Pieke Biermann hat den deutschen Kriminalroman entcourthsmahlerisiert, jedenfalls vor\u00fcbergehend. Starke Frauen \u2013 fieser Frauenm\u00f6rder? Mein Gott, was hat Pieke damals in Klagenfurt nur vorgelesen? Den Roman hat man ganz anders in Erinnerung, aber was solls.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Ganze entpuppt sich irgendwann als kom\u00f6diantische Veranstaltung, sp\u00e4testens als \u201eEdward G. Robinson\u201c auch den \u201eLiterarischen Krimi-Kalender\u201c aus dem Nautilus-Verlag zur Strecke bringt, ein Werklein, das von \u2013 Peter M. Hetzel herausgegeben wurde. Eines aber ist noch interessant: 1989\/90 \u2013 gab es da schon den deutschen Regiokrimi? Sie wissen schon: Die Krimi gewordene Erkenntnis, dass Romane irgendwo spielen m\u00fcssen. \u201eHamburger Regionalmuff\u201c wird \u201eKalte Sonne\u201c von Lars Becker bescheinigt und Georg K. Kristan muss sich des \u201eprovinziellen Biedersinn(s)\u201c zeihen lassen. Also gab es den Regiokrimi damals doch schon \u2013 und wir notieren die beiden Verdikte in unsere Kladde \u201eVerdikte, die man beinahe blind auf Regiokrimis anwenden kann\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Abschluss noch der Hinweis, dass auch J\u00f6rg Fauser, \u201eder Rolf Dieter Brinkmann des Krimigenre\u201c sein Fett weg bekommt. Ja, ja, ist schon witzig das alles. Und vielleicht nur ein gro\u00dfer Witz und ganz anders gemeint? Besa\u00df die deutsche Krimikritik vor \u00fcber 20 Jahren m\u00f6glicherweise tats\u00e4chlich so etwas wie WITZ? Und wo ist er hin? Was wurde aus \u201eEdward G. Robinson\u201c? RTL-Fr\u00fchst\u00fccksfernsehen? Der Krimiarch\u00e4ologe bl\u00e4st die Staubwolken von seinem kostbaren Fund und r\u00e4tselt. Was tun mit dem Werklein? Aussortieren, blaue Tonne, aufheben? Resigniertes Seufzen. Als ob ausgerechnet ICH was wegwerfen k\u00f6nnte&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alle Jubeljahre f\u00e4llige und hochmotiviert angegangene Renovierungen von Arbeitszimmern mit integrierter Bibliothekswand f\u00f6rdern unweigerlich interessante altert\u00fcmliche Funde zutage. Na sieh mal an, \u201eDer Mord an Suzy Pommier\u201c von Emmanuel Bove! K\u00f6nnte man doch mal wieder nachlesen, was die literarische Moderne so alles mit dem Krimi angestellt hat. 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