{"id":21441,"date":"2009-01-15T08:50:47","date_gmt":"2009-01-15T08:50:47","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/01\/rudolf-lorenzen-bad-walden-oder-el-sueno-de-la-razon-produce-monstruos\/"},"modified":"2022-06-18T03:04:53","modified_gmt":"2022-06-18T01:04:53","slug":"rudolf-lorenzen-bad-walden-oder-el-sueno-de-la-razon-produce-monstruos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/01\/rudolf-lorenzen-bad-walden-oder-el-sueno-de-la-razon-produce-monstruos\/","title":{"rendered":"Rudolf Lorenzen: Bad Walden oder El sue\u00f1o de la raz\u00f3n  produce monstruos"},"content":{"rendered":"\n<p>\u00dcber den bleichen Gebeinen dieser seit einem vollen Vierteljahrhundert vergessen schlummernden Geschichte w\u00f6lbt sich eine pr\u00e4chtige Bedeutungskathedrale. Goya! Der Rationalismus! Die Inquisition! Und bevor wir uns vergewissern k\u00f6nnen, ob diese Gebeine zu einer bedeutenden oder einfach nur \u00fcbersch\u00e4tzten Geschichte geh\u00f6ren, m\u00fcssen wir uns ein wenig der Architektur ihres Verwahrortes widmen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>&#8222;Gr\u00fc\u00dfe aus Bad Walden. Mord auf Super 8&#8220;: so hie\u00df der Roman 1981 als Fischer-Taschenbuch, ein Jahr zuvor als &#8222;ZDF-Krimi&#8220; versendet, sehr zum Mi\u00dfvergn\u00fcgen des Autors, der sich im Nachwort der Neuausgabe \u00fcber den von Regie und Redaktion <em>&#8222;zum \u00fcblichen Einheitskrimi&#8220; <\/em>verschandelten Text beklagt. Anl\u00e4sslich der Werkausgabe im Verbrecher Verlag hat Lorenzen, inzwischen 85, &#8222;Bad Walden&#8220; <em>&#8222;weitgehend neu geschrieben&#8220;<\/em>, und zwar explizit als <em>&#8222;Bedrohungskrimi&#8220; <\/em>\u2013 was Lorenzen f\u00fcr &#8222;ein eigenes Genre&#8220; h\u00e4lt (dazu sp\u00e4ter mehr).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Roman hei\u00dft jetzt nur noch &#8222;Bad Walden&#8220;, tr\u00e4gt aber den Untertitel &#8222;El sue\u00f1o de la raz\u00f3n produce monstruos&#8220;. So wiederum hei\u00dft eine ber\u00fchmte Zeichnung des spanischen Malers Goya: Der Schlaf \/ der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-style-default\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2009\/cover\/goya.jpg\" alt=\"goya.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Was aber dr\u00fcckt diese Zeichnung aus? Das Problem liegt im Wort sue\u00f1o, das sowohl &#8222;Schlaf&#8220; als auch &#8222;Traum&#8220; bedeuten kann. Es ist aber ein Unterschied, ob die schlafende, also passive Vernunft Ungeheuer gebiert oder die tr\u00e4umende, aktive. Im ersten Fall entsteht das Ungeheuerliche und Irrationale wegen der Abwesenheit von Vernunft. Im zweiten ist es gerade die Anwesenheit von Vernunft, die das Irrationale hervorbringt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Bad Walden&#8220; ist in 27 Kapitel unterteilt, die aber nicht &#8222;Kapitel&#8220; hei\u00dfen, sondern &#8222;Pein&#8220;. Ihnen zugeordnet sind wiederum die Titel von Zeichnungen Goyas aus den Zyklen &#8222;Desastres&#8220; und &#8222;Caprichos&#8220;, die sich u.a. mit den Schrecken des Krieges und der Inquisition besch\u00e4ftigten. Auf die Inquisition verweisen auch die vier Teile (&#8222;pars&#8220;) des Buches: Die Terration (Androhung) \u2013 Die Tortur (Folter, um ein Gest\u00e4ndnis zu erpressen) \u2013 Das Autodaf\u00e9 (Die Vollstreckung) und Die Garotte (Art der Vollstreckung).<\/p>\n\n\n\n<p>Dies also zur Architektur, zum Bedeutungsnetz des Textes, dem wir uns jetzt zuwenden wollen. \u2013 Doch ach!, welch eine Fallh\u00f6he! Was f\u00fcr eine profane, von einer knarzigen &#8222;Krimihandlung&#8220; notd\u00fcrftig ins Spannungssegment gehievte Geschichte! Wir lernen den Antiquit\u00e4tenh\u00e4ndler und Kunstgeschichtler Claus Jordan (48) und seine Frau Susanne (24) kennen, beide f\u00fchren zusammen mit Partnerin Margret einen Antiquit\u00e4tenladen in Frankfurt am Main. Soeben kommen sie mit dem Auto von einer Einkaufsreise aus S\u00fcdfrankreich zur\u00fcck, befinden sich auf Schwarzwaldh\u00f6he. Susanne quengelt, sie will noch ein paar Tage Urlaub machen \u2013 warum nicht im nahen Bad Walden, einem leicht heruntergekommenen Kurort? Gesagt, getan. Die Saison ist vor\u00fcber, man empfiehlt eine Pension, die noch heruntergekommener ist als Bad Walden selbst. Skurriles Personal kreuzt den Weg der beiden Urlauber, ein sogenanntes &#8222;H\u00f6llental&#8220; wird durchwandert, ungehobelte Servicekr\u00e4fte, italienische Gastarbeiter sind zu ertragen. Und der &#8222;Schriftleiter&#8220; der \u00f6rtlichen Zeitung, Uwe Hinz. Er braucht eine Bankb\u00fcrgschaft, um die vorgenannte Pension seiner Tante herzurichten. Uwe hat einen b\u00f6sen Plan und f\u00fchrt ihn aus: Mit Hilfe eines manipulierten Super-8-Films erpresst er die Jordans und suggeriert, diese h\u00e4tten einen Mord begangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schweigen wir von der Logik dieses Plans. Es hakt an allen Ecken und Enden. Aber das macht nichts, denn &#8222;Bad Walden&#8220; ist als Satire leicht erkennbar, ein Sittenbild seiner Zeit (1978), Andeutungen von Umweltzerst\u00f6rung und Immobilienspekulation (eine Autobahn soll gebaut werden, was die Grundst\u00fcckspreise in die H\u00f6he treibt \u2013 und genau daf\u00fcr braucht Hinz auch die B\u00fcrgschaft), das klischeehafte Gastarbeiterleben, die Degeneration des l\u00e4ndlichen Raums und seiner Bewohner etc. H\u00fcbsch, aber nicht mehr \u2013 wenn da nicht die Bedeutungskathedrale w\u00e4re&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr erster Pfeiler weist ausgerechnet am schw\u00e4chsten Glied der Handlungskette in die H\u00f6he. Anstatt n\u00e4mlich die Polizei einzuschalten oder den dilettantischen Erpressungsversuch zu ignorieren, wissen die Eheleute nicht, ob sie vielleicht doch schuldig sind. Dass Claus nicht so genau wei\u00df, ob er eine junge Frau mit einem Kn\u00fcppel erschlagen hat, will ja noch einleuchten. Er wird als &#8222;manisch-depressiv&#8220; geschildert, was aber nur bedeutet, dass er unter extremen Stimmungsschwankungen leidet. Diese entstehen aus seiner Lebenssituation heraus: Einerseits muss er rationaler Gesch\u00e4ftsmann sein, andererseits ist er weltferner Sch\u00f6ngeist. Hier begegnen wir dem im Untertitel des Romans angelegten Dilemma zum ersten Mal. Merkw\u00fcrdiger ist die Reaktion seiner Frau Susanne. Auch sie, die angeblich den Mord gefilmt hat, wei\u00df nicht so genau, was tats\u00e4chlich passiert ist. Dabei gibt sie sich als kalt berechnende, vernunftgesteuerte Person.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist der Fatalismus des Ehepaares, der die Handlung weitertreibt. Sie befinden sich, wie Claus, der Kenner von Kunst und Historie, hellsichtig erkennt, mitten in einer Inquisition. Das Urteil ist schon gef\u00e4llt, der Prozess eine Farce, es gibt kein Entkommen. Ob also die schlafende Vernunft Ungeheuer gebiert (wie bei Susanne) oder diese durch die Abwesenheit von Vernunft entstehen (wie bei Claus), spielt letztlich keine Rolle. Man wird vom Leben gepackt und mitgezogen, man heult mit den W\u00f6lfen, man ist schuldig, auch wenn man unschuldig ist.<\/p>\n\n\n\n<p>So liest man sich durch den Roman, Goya im Hinterkopf. Und wei\u00df doch, dass die eigentliche Frage, ob es sich hier um einen wichtigen oder \u00fcbersch\u00e4tzten Text handelt, erst am Ende beantwortet werden kann. Denn noch steht die Bedeutungskathedrale auf t\u00f6nernen F\u00fc\u00dfen, ihr fehlt der konsequente Schluss. Bleibt er aus, haben wir es mit einer zwar cleveren, letztlich aber nutzlosen Sinnhuberei zu tun. \u2013 Indes: Die Geschichte von Claus, Susanne und, sp\u00e4ter, auch Margret dreht sich genau in die notwendige Richtung, dorthin, wo die Vernunft schl\u00e4ft und \u00fcberw\u00e4ltigt wird und sich zugleich darin ergeht, das Unvern\u00fcnftige zu tr\u00e4umen. Pl\u00f6tzlich wendet sich alles ins Materielle, es riecht nach Geld und Wohlstand, die Opfer werden T\u00e4ter, die T\u00e4ter Opfer. Das ist, wenn man es nur ein wenig weiterdenkt, auch eine wunderbare Systemanalyse zum gegenw\u00e4rtigen Finanzcrash. Was wir aber nicht weiter ausf\u00fchren wollen. Lesen Sie selbst, es besch\u00e4ftigt ihre Vernunft \/ Unvernunft, es lohnt sich also. Ach ja: Ein &#8222;eignes Genre&#8220; hat Lorenzen, nach eigenem Bekunden kein Experte f\u00fcr Kriminalliteratur, hier nicht erfunden. Aber das eigene Genre des ernsthaft-verspielten, vertrackt-realistischen Krimis um ein weiteres Prachtexemplar bereichert.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Rudolf Lorenzen: Bad Walden oder El sue\u00f1o de la raz\u00f3n produce monstruos. <br \/>Verbrecher Verlag 2008. 234 Seiten. 22,90 \u20ac<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber den bleichen Gebeinen dieser seit einem vollen Vierteljahrhundert vergessen schlummernden Geschichte w\u00f6lbt sich eine pr\u00e4chtige Bedeutungskathedrale. Goya! Der Rationalismus! Die Inquisition! 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