{"id":21445,"date":"2009-01-19T08:27:54","date_gmt":"2009-01-19T08:27:54","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/01\/edgar-3\/"},"modified":"2022-06-17T19:59:48","modified_gmt":"2022-06-17T17:59:48","slug":"edgar-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/01\/edgar-3\/","title":{"rendered":"Edgar, 3"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Edgar Poe weilt am 19. Januar 2009 200 Jahre unter uns. Anlass f\u00fcr eine Serie von Aufs\u00e4tzen, die dieses labile Wunderwerk der Literatur in loser Folge aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten sollen. Mit Ankn\u00fcpfungen an die Kriminalliteratur, das Leben an sich, die Geschichte und die Gegenwart, das Politische und das Private, das Erhabene und das Niedere. Heute mit Teil 3 (Teil 1 \u2192<a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/12\/edgar-1\/\" data-type=\"post\" data-id=\"21400\">hier<\/a>, Teil 2 \u2192<a href=\"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2008\/12\/edgar-2\/\" data-type=\"post\" data-id=\"21415\">dort<\/a>)<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Heute vor 200 Jahren wurde Edgar Poe geboren. Gl\u00fcckwunsch. Doch wof\u00fcr? Weil er die Detektivgeschichte &#8222;erfunden&#8220; hat? Selbst wenn es so gewesen sein sollte (Poe w\u00e4re wohl der erste, dies zu leugnen): K\u00f6nnte man nicht, mit einem kritischen Blick auf die Entwicklung des Genres behaupten, Poe habe sie unn\u00f6tig behindert? In eine falsche Richtung gelenkt?<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich zieht sich eine direkte Linie von Poes Auguste Dupin \u00fcber Emile Gaboriaus Vidocq und Conan Doyles Holmes bis zum Geheimagent Ihrer Majest\u00e4t, James Bond. Allesamt \u00dcbermenschen, einer weichgeklopfter als der andere, nach den Marktbedingungen geformt, serienm\u00e4\u00dfig aktiv. Denn nicht nur die Detektivgeschichte hat Poe ja erfunden, auch den Serienhelden. Nur: Was wissen wir \u00fcber Dupin? Ist er ein Mensch? Oder doch nur eine Methode?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Methode Dupin besteht darin, R\u00e4tsel mit Hilfe von Logik zu l\u00f6sen. Diese Logik basiert auf den bekannten Gr\u00f6\u00dfen wie Deduktion und Induktion, beide indes aus etwas hervorgegangen, das Poe &#8222;intuition&#8220; nennt. Darin aber steckt das Unbewusste, mithin das, was wir normalerweise strikt von der Logik trennen. Poes Vorstellung von R\u00e4tsell\u00f6sung ist ergo keine, die des v\u00f6llig der ratio verpflichteten Supermenschen bedarf. Dupin ist vielmehr die Form, die das Irrationale unter Kontrolle zu halten halt. So gesehen, war es nicht Poe mit seinen Erz\u00e4hlungen, der die Kriminalliteratur in eine bestimmte Richtung lenkte, es waren seine Epigonen und Interpreten, denen die H\u00fclle wichtiger war als der Inhalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das soll uns nicht weiter wundern. Die Verharmlosung von Literatur, die man nicht versteht, ist allgegenw\u00e4rtig. F\u00fcr manche ist Jonathan Swifts &#8222;Gulliver&#8220; ebenso Jugendliteratur wie Coopers &#8222;Lederstrumpf&#8220; oder Carrolls &#8222;Alice in Wonderland&#8220;. Nabokovs &#8222;Lolita&#8220; ist Kinderpornografie, Jean Pauls Gesamtwerk &#8222;gem\u00fctlich&#8220;, Ludwig Tieck verstaubt und Leo Perutz (m\u00f6glicherweise der einzige, der Poe verstanden und fortgef\u00fchrt hat) so herrlich uneindeutig. Poe befindet sich also in guter Gesellschaft und diese gute Gesellschaft sich wiederum in einer denkbar schlechten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Methode Dupin (oder das, was uns als solche verkauft wird) hat sich, angereichert mit allerhand Spleenigem und viel Effekthascherei, zwar bis heute gehalten, wird aber jenseits der Kinderzimmer kriminalliterarischer Dauerpubert\u00e4t allenfalls noch parodistisch zur Kenntnis genommen. Der Held, zumal der in Serie produzierte, von heute hat wenig von Dupin et al, er gr\u00fcbelt, er ist besch\u00e4digt, verletzlich, nicht mehr die Variet\u00e9nummer der souver\u00e4nen Fallaufkl\u00e4rung steht im Mittelpunkt, sondern das, was man &#8222;Umfeld&#8220;, &#8222;Innenwelt&#8220;, &#8222;Gesellschaft&#8220; nennt. Hier schlie\u00dft sich ein Kreis, war doch Kriminalliteratur &#8222;avant la lettre&#8220; genau das: Beobachtung, moralisches und sittliches Traktat, das Aufbrechen befriedeter Erde, um die Eruptionen darunter zu ergr\u00fcnden \u2013 nur, das k\u00f6nnte auch bedeuten: Edgar Poe hat, indem er die Detektivgeschichte &#8222;erfand&#8220;, den Ansto\u00df daf\u00fcr gegeben, die Kriminalliteratur um gesch\u00e4tzte hundert Jahre zur\u00fcckzuwerfen. Weil die Brillanz der H\u00fclle zu sehr blendete, um noch einen Blick auf das zu werfen, was in ihr rumorte. H\u00e4tte man sich schon fr\u00fch darauf geeinigt, es handele sich bei der Methode Dupin um einen TEIL der Darstellung menschlicher irratio als ratio (die anderen beiden wesentlichen Teile w\u00e4ren die &#8222;tales of imagination&#8220; und, sehr wichtig, alles was bei Poe unter &#8222;Wissenschaft&#8220; l\u00e4uft und mit unserem heutigen Begriff von Wissenschaft nur wenig zu tun hat), man h\u00e4tte gesehen, wie gut die kriminellen Energien der Autoren des 19. Jahrhunderts doch zusammenpassten. Vor der Trivialisierung h\u00e4tte das die Kriminalliteratur nicht gesch\u00fctzt (wozu auch; sie geh\u00f6rt zu ihrer Natur, auch Poe bedient sich des Trivialen), vielleicht aber vor der Verkitschung und Verwandlung in langweilige Bauk\u00e4sten.<\/p>\n\n\n\n<p>Stellen wir uns nur einmal ein Leben ohne all die Superhirne und sp\u00e4ter zumeist auch noch muskelprotzigen Homunculi vor. Sie waren der Stoff, aus dem man Kitsch machte (heute noch l\u00e4sst Frau Salander gr\u00fc\u00dfen&#8230;), der Stoff auch, der das Genre popularisierte. Nun, ehrlich: Auch die &#8222;tiefgr\u00fcndigere Kriminalliteratur&#8220; neigt zur Verkitschung. Der Loser Marlowe war noch echt, die nach seinem Ebenbild gebastelten erfolglosen, aber beinharten Privatdetektive sind es nicht mehr. Sie sind wohlfeile Abziehbilder, Nachschub f\u00fcr die Liebhaber des Formelhaften. Nicht ganz zu Unrecht k\u00f6nnte man daraus schlie\u00dfen, sobald sich eine Methode stabilisiert habe und &#8222;genrepr\u00e4gend&#8220; geworden sei, beginne ihre Verkitschung. Wobei es keine Rolle spielt, ob dieser Kitsch aus psychologisierender An\u00e4mie oder bonbonfarbener Haudrauf-Pilcherei besteht.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist selbstverst\u00e4ndlich nur ein folgenloses Gedankenspiel, sich die Kriminalliteratur ohne Edgar Poe vorzustellen. Vielleicht h\u00e4tte sie sich auf der Linie Dickens \u2013 Collins \u2013 Temme zu einem n\u00fcchterneren Genre entwickelt, dorthin also, wo sie jetzt in ihren besten Exempeln gelandet ist. Nat\u00fcrlich kr\u00e4ftig unterf\u00fcttert mit allerlei Trivialit\u00e4t, von Leuten wie Eug\u00e8ne Sue beigemischt. Faktum bleibt: Edgar Poe hat, indem er die mechanische Vernunft, die positivistische Kraft in die Kriminalliteratur einf\u00fchrte, zugleich auch die Plattform daf\u00fcr geschaffen, auf der solch ein naiver Glaube an die Macht der ratio destabilisiert und letzten Endes demontiert werden konnte. Das ist, siehe &#8222;intuition&#8220;, Poe nicht anzulasten, \u00e4ndert aber nichts an seiner Urheberschaft. Jeder Ermittler der Jetztzeit ist Anti-Dupin. Und muss es sein. Jedenfalls wenn man die \u00fcbliche Lesart der Geschichten zugrundelegt, die sich bis heute gehalten hat. So betrachtet, ist Poe tats\u00e4chlich der Vater von allem, was in der Kriminalliteratur kreucht und fleucht. Blo\u00df anders als gedacht. Man k\u00f6nnte auch lapidar feststellen: Poe hat die Detektivgeschichte erfunden? N\u00f6. Man hat ihn nur zu ihrem Erfinder simplifiziert.<\/p>\n\n\n\n<p>(wird fortgesetzt)<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Edgar Poe weilt am 19. Januar 2009 200 Jahre unter uns. Anlass f\u00fcr eine Serie von Aufs\u00e4tzen, die dieses labile Wunderwerk der Literatur in loser Folge aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten sollen. Mit Ankn\u00fcpfungen an die Kriminalliteratur, das Leben an sich, die Geschichte und die Gegenwart, das Politische und das Private, das Erhabene und das Niedere. 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