{"id":21451,"date":"2011-05-27T07:21:23","date_gmt":"2011-05-27T07:21:23","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/05\/eine-geheime-gesellschaft\/"},"modified":"2022-06-13T01:33:18","modified_gmt":"2022-06-12T23:33:18","slug":"eine-geheime-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/05\/eine-geheime-gesellschaft\/","title":{"rendered":"Eine geheime Gesellschaft"},"content":{"rendered":"\n<p>Wer nach ihr googelt, wird nicht f\u00fcndig, wer Betroffene auf sie anspricht, erntet heftiges Kopfsch\u00fctteln. Die \u201eDeutsche Gesellschaft zur vollst\u00e4ndigen Beseitigung der Kriminalliteratur\u201c? Gibt es nicht! Was soll das sein? H\u00e4? Wohl verr\u00fcckt geworden? \u2013 Die Wirklichkeit jedoch sieht anders aus. M\u00e4chtige Buchscheiterhaufen, die n\u00e4chtens auf entlegenen Weizenfeldern vor sich hin lodern; Krimikritiker mit ausgelaufenem Auge, gebrochenen Rippen und zerquetschten Genitalien; Autoren, die pl\u00f6tzlich \u201ekeine Lust mehr auf Krimi\u201c haben und sich \u2013 \u201e\u00e4h, ich hab geerbt!\u201c \u2013 selbst in einer mallorquinischen Finca fr\u00fchverrenten. Also gibt es sie doch, die DGVBK? Ja! Nur: Wer oder was ist das, wer oder was steckt dahinter? WTD ist es gelungen, den Mantel des Schweigens zu l\u00fcften.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Es entwickelte sich selbst wie ein Krimi. Anonyme Anrufe, bei denen eine elektronisch verstellte Stimme fragte, ob wir interessiert daran seien, mit einem der Vorstandsmitglieder der Gesellschaft ein Interview zu f\u00fchren. Nat\u00fcrlich waren wir interessiert! Genaue Anweisungen, strikte Vorsichtsma\u00dfnahmen \u2013 \u201eKeine Polizei! Keine Krimipresse!\u201c \u2013 und endlich ein Treffpunkt: das Caf\u00e9 Wanninger in M\u00fcnchen-Perlach, Treffpunkt gelangweilter Hausfrauen, gelangweilter Privatiers, gelangweilter WTD-Mitarbeiter. Wir trinken Kaffee und warten. Bis ER schlie\u00dflich kommt. Friedemann St\u00f6rbeck (Name ge\u00e4ndert), ein agiler Mitsechziger, grauer Haarkranz, grauer Businessanzug, graue Eminenz. Netter Kerl. Nach den \u00fcblichen Floskeln beginnen wir mit dem Gespr\u00e4ch.<\/p>\n\n\n\n<p>Wtd: Herr St\u00f6rbeck, warum \u201eDeutsche Gesellschaft zur vollst\u00e4ndigen Beseitigung der Kriminalliteratur\u201c? Was hat Ihnen der Krimi getan?<br \/>St\u00f6rbeck: Mir pers\u00f6nlich nichts. Ich hab fr\u00fcher selber welche gelesen. Christie und so. Aber man muss gro\u00dfz\u00fcgiger denken, global. Der Kriminalroman ist ein Irrl\u00e4ufer der literarischen Evolution, so etwas wie der Rauhaardackel in der biologischen Entwicklung.<br \/>Wtd: \u00c4h&#8230; der Rauhaardackel?<br \/>St\u00f6rbeck: Zum Beispiel. Ein v\u00f6llig unn\u00fctzer Zweig einer v\u00f6llig unn\u00fctzen menschlichen Manipulation der v\u00f6llig unn\u00fctzen Sch\u00f6pfung. Letztlich sch\u00e4dlich.<br \/>Wtd: K\u00f6nnten Sie das konkretisieren?<br \/>St\u00f6rbeck: Deshalb bin ich hier. Sehen Sie sich doch mal an, was passiert. Menschen lesen sogenannte Kriminalliteratur und erfreuen sich daran, wie andere Menschen zu Tode kommen. Ist das normal? Hat das irgendeinen vern\u00fcnftigen Zweck? Wir finden: nein! H\u00e4lt die Leute nur von wichtigeren Dingen ab, dem Rasenm\u00e4hen zum Beispiel, oder setzt ihnen Fl\u00f6he ins Ohr. Sie vergeuden ihre Zeit mit der Frage, wer\u2019s denn nun gewesen war, sie irren sinnierend durchs Leben, sie spielen Detektiv und vernachl\u00e4ssigen dabei ihre Ehefrauen, Kinder und Arbeitgeber.<br \/>Wtd: Aha. Und deshalb wollen Sie den Kriminalroman vom Erdboden vertilgen?<br \/>St\u00f6rbeck: Unter anderem. Aber das ist ja nicht alles. Verfolgen Sie doch nur einmal die Diskussion auf wtd zum politischen Krimi! Politischer Krimi, wenn ich das schon h\u00f6re! Der Kriminalroman bringt nur Unruhe ins gesellschaftliche Gef\u00fcge! Ein aktuelles Beispiel: Am 2. Juni erscheint die spanische \u00dcbersetzung von Dieter Paul Rudolphs Kriminalroman \u201eMenschenfreunde\u201c. Interessiert keine Sau, werden Sie jetzt sagen. Doch was ist passiert? Kaum ist das Werk angek\u00fcndigt, kaum eine erste Inhaltsangabe publiziert, rotten sich junge Menschen zusammen und demonstrieren gewaltt\u00e4tig auf gro\u00dfen Madrider Pl\u00e4tzen! Nennen Sie das Zufall? In Rudolphs Roman geht es ja auch um die Verarschung junger Leute!<br \/>Wtd: Sie halten also den Kriminalroman f\u00fcr gesellschaftlich destruktiv? Einen Unruhestifter?<br \/>St\u00f6rbeck: Zweifeln Sie daran? Kriminalliteratur zerm\u00fcrbt Menschen, das war schon immer so. Lenkt Sie ab, s\u00e4t Zweifel an der g\u00f6ttlichen Ordnung, macht aufs\u00e4ssig.<br \/>Wtd: Und mit welchen Ma\u00dfnahmen k\u00e4mpfen Sie nun gegen den Krimi?<br \/>St\u00f6rbeck: Seit unserer Gr\u00fcndung im Jahr 1968 hat sich hier einiges getan. Zun\u00e4chst arbeiteten wir, ganz im Stile der Zeit, mit endlosen internen Diskussionen, was aber nichts brachte. Dann gingen wir zur k\u00f6rperlichen Gewalt \u00fcber. Lauerten Krimischaffenden in dunklen Gassen auf und verpr\u00fcgelten sie, bedrohten Rezensenten, \u00fcbten Psychoterror gegen Verlage aus, kippten G\u00fclle \u00fcber die Auslegeware der Buchhandlungen. Das wurde aber von gewissen interessierten Kreisen totgeschwiegen. Es folgten gro\u00dfangelegte B\u00fccherverbrennungen. Doch auch hier: keine Reaktion. Denn auch das sollte man wissen: Ganz Deutschland wird von einer letztlich destruktiven Mafia beherrscht, die den Kriminalroman instrumentalisiert, als Verdummungs- und Unruheelement gleicherma\u00dfen einsetzt, einer Mafia, deren K\u00f6pfe in den politischen Parteien selbst sitzen.<br \/>Wtd: Hm, das ist bedenklich. Aber sie verpr\u00fcgeln heute keine Autoren und Kritiker mehr?<br \/>St\u00f6rbeck: Nur noch selten und wenn jemand ein wirkliches Arschgesicht ist. Unsere Methoden sind inzwischen subtiler. Je m\u00e4chtiger wir werden, je finanzkr\u00e4ftiger auch unsere Mitglieder geworden sind, desto mehr bauen wir auf die einzige Macht, die es mit dem Krimi aufnehmen kann: Geld. Wir finanzieren KrimiautorInnen einen geruhsamen Lebensabend im s\u00fcdlichen Ausland, unter der einzigen Bedingung, nie mehr zur Feder zu greifen! Wir bestechen Rezensenten, zwingen sie mit Geld, entweder gar nicht mehr zu rezensieren oder derma\u00dfen d\u00e4mlich in die Kiste der Floskeln zu greifen, dass selbst der hirnloseste Leser merkt: Mein Gott, ist doch alles Kacke mit dem Krimi. Diese Strategie ist durchaus erfolgreich.<br \/>Wtd: Das sind gute Aussichten. F\u00fcr Sie.<br \/>St\u00f6rbeck: Genau. Sp\u00e4testens in zehn Jahren wird es in Deutschland keine Krimis mehr geben. Dann gehen wir nach Frankreich und England.<br \/>Wtd: Und was kommt dann? Das Volk lechzt doch nach spannender Nahrung.<br \/>St\u00f6rbeck: Science Fiction. Wir setzen voll auf Science Fiction. Das ist ein solch hirnverbrannter Quatsch, das schadet nichts.<br \/>Wtd: \u00c4h, ja. Vielen Dank, Herr St\u00f6rbeck, f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<br \/>St\u00f6rbeck: Nichts zu danken. Ach, bevor ich es vergesse: Hier ihre 100.000 Euro und der Schl\u00fcssel f\u00fcr den gelben Ferrari da vorne.<br \/>Wtd: Oh, danke!<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte dpr. Nach Abschrift mit unbekanntem Ziel verreist<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer nach ihr googelt, wird nicht f\u00fcndig, wer Betroffene auf sie anspricht, erntet heftiges Kopfsch\u00fctteln. Die \u201eDeutsche Gesellschaft zur vollst\u00e4ndigen Beseitigung der Kriminalliteratur\u201c? Gibt es nicht! Was soll das sein? H\u00e4? Wohl verr\u00fcckt geworden? \u2013 Die Wirklichkeit jedoch sieht anders aus. 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