{"id":21455,"date":"2009-01-23T11:35:20","date_gmt":"2009-01-23T11:35:20","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/01\/suhrkamp-talent-zum-unterhalter\/"},"modified":"2022-06-17T20:02:25","modified_gmt":"2022-06-17T18:02:25","slug":"suhrkamp-talent-zum-unterhalter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/01\/suhrkamp-talent-zum-unterhalter\/","title":{"rendered":"Suhrkamp: Talent zum Unterhalter?"},"content":{"rendered":"\n<p>Eine pers\u00f6nliche Anekdote vorweg: Ende der siebziger Jahre schickte ich, &#8222;blutjunger Autor&#8220;, eine schmale Novelle zur Begutachtung an das Lektorat des Suhrkamp Verlags. Kein Krimi, aber eine leicht ins Mysteri\u00f6se driftende Geschichte. Sie kam nach zirka zwei Monaten zur\u00fcck und enthielt den mir seither ins Ged\u00e4chtnis gebrannten Satz: &#8222;Sie haben unbezweifelbar Talent zum Unterhalter&#8220;. Das war, aus der Feder eines Suhrkamp-Lektors, nat\u00fcrlich das Todesurteil.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das Werklein wurde nie ver\u00f6ffentlicht (und ich ertappe mich dabei, diesen Umstand heute zu begr\u00fc\u00dfen&#8230;), das Suhrkamp-Verdikt blieb das einzige unter etlichen, die sich in Formschreiben (&#8222;passt leider nicht in unser Programm&#8230;&#8220;) ersch\u00f6pften, dem man entnehmen konnte, der Text sei tats\u00e4chlich gelesen und beurteilt worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt also lanciert Suhrkamp eine Krimireihe. Unterhaltung also. Oder doch nicht? E-Literatur? Literarische Krimis? Mehr als Krimis? Man l\u00e4chelt. Nein, mit nichts, aber auch gar nichts wird sich Suhrkamp hier herausreden k\u00f6nnen: Sie ver\u00f6ffentlichen Spannungsliteratur, die, wenn man ihr das Unterhaltende, das zutiefst Triviale abziehen w\u00fcrde, keine Spannungsliteratur mehr w\u00e4re. Und warum tun sie das?<\/p>\n\n\n\n<p>Um Geld zu verdienen. Doch, auch Suhrkamp muss Geld verdienen. F\u00fcr alle Sp\u00e4tgeborenen: Suhrkamp war bis vor einigen Jahren der deutsche Verlag, dem man eine intellektuelle Meinungsf\u00fchrerschaft in gewissen Kreisen zugestehen musste. Die &#8222;Suhrkamp-Kultur&#8220;. Das ist, wie gesagt, ein paar J\u00e4hrchen her, die Zeiten haben sich ge\u00e4ndert. Neben den eher &#8222;intellektuellen&#8220; Texten brauchte auch Suhrkamp marktg\u00e4ngigere Ware und fand sie u.a. in der &#8222;Phantastischen Bibliothek&#8220;, einem durchaus mit Unterhaltung kontaminierten Projekt. Und nun: Krimis.<\/p>\n\n\n\n<p>Was kaum der Erw\u00e4hnung wert w\u00e4re. Ein Verlag richtet sich eine Krimiecke ein. Er pr\u00e4sentiert sechs Titel \u2013 kein deutschsprachiger darunter -, die, wie man h\u00f6rt, nicht schlecht sein sollen. Wunderbar. Das ist aber kein Alleinstellungsmerkmal. Gute Krimis (ich definiere das jetzt nicht&#8230;) gibt es auch in anderen Verlagen, in gro\u00dfen, in mittleren, in kleinen. Sie sollen nicht nur gut, sondern auch &#8222;gut verk\u00e4uflich&#8220; sein, wie man aus dem Hause Suhrkamp h\u00f6rt. Auch das versteht sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus dem Hause Suhrkamp kommen indes auch andere T\u00f6ne. Man habe pl\u00f6tzlich &#8222;Lust auf Krimi&#8220;. Vor acht, zehn Jahren schon sei eine Krimireihe angedacht worden, jedoch an mangelndem Personal gescheitert. Das ist, mit Verlaub, grober Unfug. Dieses fachkundige Personal h\u00e4tte sich auch damals leicht finden lassen, und es war wohl die Angst vor dem &#8222;Schmuddelkind&#8220; Krimi, die Suhrkamps Gang in die definitive Volkst\u00fcmlichkeit verz\u00f6gerte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber jetzt ist es passiert. Na und? Krimiliebhabern ist es wurscht, ob ein Buch bei Suhrkamp oder Goldmann oder Bastei erscheint. Krimiver\u00e4chter werden nicht zu Krimiliebhabern, nur weil sie sich hinter dem G\u00fctesiegel Suhrkamp verbergen und ihre Intellektualit\u00e4t wenigstens nach au\u00dfen hin wahren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00e4llt jetzt die vom Kollegen \u2192<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2009\/04\/KA-Mittelstueck?page=1\">Gohlis<\/a> erkannte Chinesische Mauer zwischen U- und E-Literatur? Nun, sie ist auch um keinen Stein kleiner geworden, als Hanser anfing, Krimis zu ver\u00f6ffentlichen. W\u00e4re auch merkw\u00fcrdig. Denn wer heute noch zwischen U und E unterscheidet, dokumentiert damit nur sein generell gest\u00f6rtes Verh\u00e4ltnis zur Literatur im Allgemeinen. Sollte es diesbez\u00fcglich zu Diskussionen kommen \u2013 es ist leider anzunehmen -, werden sie aller Voraussicht nach in den Versuchen enden, den Krimi zu nobilitieren \u2013 und damit zu dem f\u00fchren, was der Kollege \u2192<a href=\"http:\/\/filmblog.stuttgarter-zeitung.de\/?p=923\">Klingenmaier<\/a> v\u00f6llig zu recht zu &#8222;Mehr als ein Krimi, vermutlich also weniger&#8220; verschlagzeilt hat. Unsere Nackenmuskulatur, die auch von ungl\u00e4ubigem Kopfsch\u00fctteln gesundheitlich profitiert, freut sich schon darauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Was also gibt es dazu zu sagen, dass Suhrkamp jetzt Krimis macht? Dass sie, erstens, Geld verdienen wollen. Und, zweitens, sich mit gelungenen Krimis profilieren m\u00fcssen. Drittens: Um den Krimi wird man sich nicht verdient machen, wenn man gut verk\u00e4ufliche Ware anbietet. Einige &#8222;unverk\u00e4ufliche&#8220; sollte es vielleicht auch sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Name hilft nichts. U- und E-Debatten sind sinnlos und haben lediglich geringen Unterhaltungswert. Positiv: Es ist anscheinend das \u00d6konomische, das die Kriminalliteratur wenigstens \u00e4u\u00dferlich in den Kreis der &#8222;Hochliteratur&#8220; einf\u00fchrt. Negativ: Sollte Krimi irgendwann nicht mehr &#8222;gehen&#8220;, wird er wieder in die Schmuddelecke gestellt. Freunden und Freundinnen avancierter Kriminalliteratur kanns egal sein.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine pers\u00f6nliche Anekdote vorweg: Ende der siebziger Jahre schickte ich, &#8222;blutjunger Autor&#8220;, eine schmale Novelle zur Begutachtung an das Lektorat des Suhrkamp Verlags. Kein Krimi, aber eine leicht ins Mysteri\u00f6se driftende Geschichte. Sie kam nach zirka zwei Monaten zur\u00fcck und enthielt den mir seither ins Ged\u00e4chtnis gebrannten Satz: &#8222;Sie haben unbezweifelbar Talent zum Unterhalter&#8220;. 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