{"id":21457,"date":"2009-01-26T07:59:48","date_gmt":"2009-01-26T07:59:48","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/01\/grenzoeffnung\/"},"modified":"2022-06-09T23:17:33","modified_gmt":"2022-06-09T21:17:33","slug":"grenzoeffnung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/01\/grenzoeffnung\/","title":{"rendered":"Grenz\u00f6ffnung"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-drop-cap\">Vielleicht sollten wir reinen Tisch machen, was die qualitative Vermessung von Kriminalliteratur angeht. Und, einfach mal so zu Erkenntniszwecken, davon ausgehen, es spiele letztlich keine Rolle, ob ein Hoch- oder ein Asphaltliterat das Genre mit seinen Kreationen beehre.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Betrachtet man sich den gegenw\u00e4rtigen Zustand, existiert eine Klasse spezialisierter &#8222;Kriminalschriftsteller&#8220; (die weibliche Form denken wir immer mit), die mehr oder weniger den Kern der Berufsgruppe repr\u00e4sentiert. Frank G\u00f6hre ist so einer, Norbert Horst und Horst Eckert geh\u00f6ren dazu, Christine Lehmann gewiss auch, desgleichen Uta-Maria Heim, Heinrich Steinfest, Anne Chaplet, Sebastian Fitzek und und und. Ihnen gemein ist: Sie schreiben ausschlie\u00dflich oder doch \u00fcberwiegend Kriminalliteratur. Das tat auch, um einen nur zu nennen, C.H. Guenter, Sch\u00f6pfer des hundertfach verhefteten &#8222;Kommissar X&#8220;, doch in die oben genannte Reihe will er, da Vielschreiber und allgemein als Heftchenautor bekannt, nicht so recht passen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch zwei Wiederentdeckungen des letzten Jahres w\u00fcrde man nicht in diese Gruppe der &#8222;Kriminalautoren&#8220; einreihen, Hans Lebert und Rudolf Lorenzen. Zu recht, will uns scheinen, denn es sind ja auch keine Genreschreiber. Sie geh\u00f6ren, wenngleich ein wenig schn\u00f6de an den Rand gedr\u00e4ngt, zur Gilde der Hochliteraten. Dennoch haben sie mit &#8222;Die Wolfshaut&#8220; und &#8222;Bad Walden&#8220; Kriminalromane geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei dieser generellen Unterscheidung geht es im Prinzip vor allem um das, was man Genrekonventionen nennt. Was nicht hei\u00dfen soll, G\u00f6hre und Co. ersch\u00f6pften sich im Repetieren tradierter und anerkannter Muster. Dazu sind selbst diese Konventionen zu fragil, zu vielf\u00e4ltig, zu flexibel. Tatsache ist aber: Die Gruppe der Spezialisten bildet den Rahmen dessen, was wir als &#8222;Genrediskurs&#8220; bezeichnen wollen. Sie liefern die Belegst\u00fccke f\u00fcr alle Thesen \u2013 die steilen und die flachen -, wenn \u00fcber &#8222;das Genre&#8220;, seine Natur, seine Vergangenheit und seine Zukunft diskutiert wird. Alles andere, was \u00fcber diesen Rahmen hinausreicht, also die scheinbar zu triviale Kunst eines C.H. Guenter oder das ebenso scheinbar Elit\u00e4r-Abgehobene bei Lebert und Lorenzen, dient hingegen als Anschauungsmaterial daf\u00fcr, wo Krimi aufh\u00f6rt, beziehungsweise noch nicht angefangen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist es aber nicht so, dass die Autoren des inneren Zirkels nicht auch &#8222;hochliterarisch&#8220; w\u00e4ren, keinen Sinn f\u00fcr Sprache und dramaturgische \u00c4sthetik, Vielschichtigkeit und jenes Diffuse h\u00e4tten, ohne die Literatur schlechterdings nicht auskommt. Und es kann ebenso wenig bestritten werden, dass die von uns als solche nicht in Zweifel gezogenen &#8222;Spezialisten&#8220; nicht auch knietief im Trivialen steckten. Tun sie; m\u00fcssen sie. T\u00e4ten sie es n\u00e4mlich nicht und w\u00e4ren zugleich auch keine &#8222;Literaten&#8220;, man w\u00fcrde sie sofort aus der Gruppe der anerkannten Spezialisten entfernen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch l\u00e4sst sich nicht bestreiten, dass etwa in der &#8222;Kommissar X&#8220;-Reihe veritable Krimis erschienen sind. Und Lebert \/ Lorenzen gen\u00fc\u00dflich die sogenannten Genrekonventionen ausreizen. Dennoch geh\u00f6ren sie nicht &#8222;dazu&#8220;. Man k\u00f6nnte nun einwenden, dass das Genre Kriminalliteratur instinktm\u00e4\u00dfig zwischen dem Trivialen und dem Hohen angesiedelt sei, mit Schnittpunkten an beiden Extremen. Und dass in einem Diskurs, der ja zun\u00e4chst einmal seinen Gegenstand fixieren muss, nach bestem Wissen und Gewissen Grenzen gezogen werden m\u00fcssen. Es gibt daher den Krimi als harmlos-folgenloses Massenvergn\u00fcgen und als Spielart von Hochliteratur, w\u00e4hrend das eigentliche Genre, zwischen diesen beiden stehend, das Vergn\u00fcgen mit dem Anspruch vereint.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist alles richtig. Wenn ich dennoch daf\u00fcr pl\u00e4diere, diese Grenzen aufzuheben, dann vor allem deshalb, weil wir \u00fcber das Wesen und die Zukunft der Kriminalliteratur nur gewinnbringend diskutieren k\u00f6nnen, wenn wir wissen, was jenseits der Genregrenzen passiert. Wie zum Beispiel ein ausgewiesenes Schnellschreibprodukt f\u00fcr sich &#8222;guter Krimi&#8220; sein kann und warum. Oder wie die Techniken der Hochliteratur (besonders besagtes Diffuse, das vielerorts als nat\u00fcrlicher Feind der von Genre h\u00e4ufig geforderten Eindeutigkeit gilt) einen Kriminalroman bereichern und nicht etwa von vornherein diskreditieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Besch\u00e4ftigung mit &#8222;Krimi&#8220; au\u00dferhalb des inneren Genrezirkels w\u00e4re kein Einebnen von Charakteristika. Es w\u00e4re, bestenfalls, ein Lernproze\u00df f\u00fcr alle Beteiligten, Autoren wie Leser. Man k\u00f6nnte zum Beispiel lernen, dass es sich bei Konventionen nicht um Gesetze \u2013 schon gar nicht um Naturgesetze \u2013 handelt. Sie entstehen in stiller \u00dcbereinkunft von Autoren, Kritikern und Lesern, sind stark zeit- und modeabh\u00e4ngig und schreien schon bei ihrer Etablierung danach, gebrochen zu werden. Die vom herrschenden Mittelbau der Kriminalliteratur \u00fcber Bord geworfenen oder modifizierten Konventionen tauchen in der Trivialliteratur wieder auf, wo man sie zu Versatzst\u00fccken verfestigt. Zugleich entnimmt das &#8222;offizielle Genre&#8220; Anregungen aus der sogenannten Hochliteratur. Das Flie\u00dfende dieser Bewegungen l\u00e4sst sich aber am besten dann beobachten, wenn man diese beiden Grenzbezirke des Genres als eigenst\u00e4ndige Brutst\u00e4tten von &#8222;Krimi&#8220; akzeptiert und ihnen zubilligt, nicht nur Abnehmer \/ Lieferant von einstigen \/ zuk\u00fcnftigen Konventionen zu sein. Sie sind, steht zu vermuten, auch Orte, an denen eigenst\u00e4ndige Kriminalliteratur entsteht, die als solche aber allenfalls am Rande wahrgenommen wird.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielleicht sollten wir reinen Tisch machen, was die qualitative Vermessung von Kriminalliteratur angeht. 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