{"id":21459,"date":"2011-05-31T09:29:07","date_gmt":"2011-05-31T09:29:07","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/05\/jim-nisbet-toedliche-injektion\/"},"modified":"2022-06-13T01:01:26","modified_gmt":"2022-06-12T23:01:26","slug":"jim-nisbet-toedliche-injektion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2011\/05\/jim-nisbet-toedliche-injektion\/","title":{"rendered":"Jim Nisbet: T\u00f6dliche Injektion"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"200\" height=\"301\" class=\"mt-image-left\" style=\"float: left; margin: 0 20px 20px 0;\" src=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2011\/cover\/nisbet_injektion.jpg\" alt=\"nisbet_injektion.jpg\"\/> Es gibt keinen Grund, \u201eT\u00f6dliche Injektion\u201c zu lesen. Gegen die Todesstrafe sind wir sowieso, \u00fcber das schwere Leben in Fixerkreisen ausreichend informiert. Auch Ehekrisen und \u00fcble Gesellen, die \u00e4lteren Frauen das Gesicht wegblasen, kennen wir aus der Kriminalliteratur zur Gen\u00fcge. Ok, das Cover ist gewohnte Pulpmaster-Klasse und die Sache mit der Kakerlake, der man den R\u00fccken lackiert hat&#8230; oder Colleen, deren mit Kratern \u00fcbers\u00e4tes Gesicht es schafft, dass wir an H\u00e4sslichkeit und Sch\u00f6nheit zugleich denken&#8230; aber sind das wirklich gute Gr\u00fcnde, sich einen \u201eNoir\u201c reinzuziehen, also ein St\u00fcck Krimikuchen, das weder s\u00fc\u00df noch sahnig noch angenehm im Abgang ist? N\u00f6. Es gibt nur einen einzigen Grund, der allerdings alle Nichtgr\u00fcnde \u00fcberwiegt: Jim Nisbet hat das Buch geschrieben.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Alles beginnt in einer Todeszelle. Bobby Mencken, schwarz, sieht seinem letzten Gang entgegen. Er soll bei einem Laden\u00fcberfall die Verk\u00e4uferin erschossen haben, da kannte die Jury keine Gnade. Der Gef\u00e4ngnisarzt Franklin Royce wartet schon mit der Giftspritze, die Sache verz\u00f6gert sich aber noch ein Weilchen, denn Mencken denkt nicht daran, so einfach die Kurve zu kratzen. Aber dann ist es soweit, das Gift str\u00f6mt durch seine Adern, im letzten Moment fl\u00fcstert der Delinquent seinem Henker ins Ohr, er habe die Tat nicht begangen. Royce f\u00e4hrt nach Hause, streitet sich f\u00fcrchterlich mit seiner hysterischen Ehefrau, denkt an sein verpfuschtes Leben, seinen fortw\u00e4hrenden Alkoholmissbrauch \u2013 und entschlie\u00dft sich, dem Fall Mencken auf den Grund zu gehen. Er verl\u00e4sst sein Haus, reist nach Dallas, sucht und findet Colleen, die heroins\u00fcchtige Sch\u00f6nheit mit dem zerst\u00f6rten Gesicht, Menckens Ex-Freundin \u2013 und sp\u00e4testens jetzt beginnt Royce\u2019 Reise zur H\u00f6lle.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei h\u00e4tten wir sp\u00e4testens auf Seite 64, als Mencken endlich tot ist und Royce das Zuchthaus verl\u00e4sst, das Buch zuklappen und ins Regal schieben k\u00f6nnen. Die lausigen 12 Euro 80 f\u00fcr die Anschaffung sind zu diesem Zeitpunkt n\u00e4mlich l\u00e4ngst drin. Das ist eben mehr als knackiges Grillen von Menschenfleisch, mehr als ein \u201eDokument gegen die Todesstrafe\u201c, mehr sogar als \u201egute Literatur\u201c. Wie Nisbet hier zwischen den Gehirnen der Beteiligten hin und her assoziiert, zwischen Wut und Angst, Verkniffenheit und dem letzten Aufb\u00e4umen, das markiert schon eine Klasse f\u00fcr sich. Aber klar, wir lesen weiter und folgen Royce auf seinem Weg zu seiner endg\u00fcltigen Bestimmung.<\/p>\n\n\n\n<p>Nisbets Helden sind notorische Gr\u00fcbler, die mit offenen Augen aus der geordneten Normalit\u00e4t ihres Alltags in die Verderbnis des Verbrechens fahren, wobei \u201efahren\u201c w\u00f6rtlich zu nehmen ist (man vergleiche den biederen Banajhee Rolf in \u2192<a href=\"http:\/\/www.hinternet.de\/weblog\/2010\/01\/jim-nisbet-dunkler-gefaehrte.php\">\u201eDunkler Gef\u00e4hrte\u201c<\/a>). Auch Royce verl\u00e4sst sein Leben vordergr\u00fcndig, um hinter das Geheimnis des m\u00f6glicherweise zu Unrecht verurteilten Mencken zu kommen \u2013 was ihm auch sehr schnell gelingt, doch eigentlich tut er es, um selbst schuldig zu werden, sich selbst f\u00fcr die Sinnlosigkeit seiner bisherigen Existenz zu bestrafen. Er versinkt in Sex and Crime, der Untergang wird zur lustvollen Angelegenheit, eine Mischung aus Ekstase, Angst und Drogen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie Nisbet das inszeniert, ist gro\u00dfartig. Alles h\u00e4ngt hier von der Glaubw\u00fcrdigkeit des Unglaublichen ab, von der Beschreibung einer Situation, die kein Leser in diesem Extrem kennen d\u00fcrfte. Das Personal reagiert abgedreht, radikal, Menschen, die ihr eigenes verqueres Universum wie eine Luftblase um sich herum tragen. Und dennoch: Diese Erkenntnis verwandelt Nisbet in das Selbstverst\u00e4ndliche. \u201eT\u00f6dliche Injektion\u201c wird somit letztlich zu einem Roman \u00fcber das ganz pers\u00f6nliche und unspektakul\u00e4re Scheitern, die Schaulust des Noir-Lesers wird im g\u00fcnstigsten Fall zur Selbstbetrachtung. Ein kleiner Diamant unter all dem Talmi der Gro\u00dfspurigkeit, von Angelika M\u00fcller auch noch prima \u00fcbersetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>dpr<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Jim Nisbet: T\u00f6dliche Injektion. <br \/>Pulp Master 2011. 232 Seiten. 12,80 \u20ac<br \/>(Lethal Injection. 2009. Deutsch von Angelika M\u00fcller)<\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt keinen Grund, \u201eT\u00f6dliche Injektion\u201c zu lesen. Gegen die Todesstrafe sind wir sowieso, \u00fcber das schwere Leben in Fixerkreisen ausreichend informiert. Auch Ehekrisen und \u00fcble Gesellen, die \u00e4lteren Frauen das Gesicht wegblasen, kennen wir aus der Kriminalliteratur zur Gen\u00fcge. 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