{"id":21463,"date":"2009-01-29T10:47:08","date_gmt":"2009-01-29T10:47:08","guid":{"rendered":"http:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/01\/augen-auf\/"},"modified":"2022-06-07T00:05:45","modified_gmt":"2022-06-06T22:05:45","slug":"augen-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hinternet.de\/blog\/2009\/01\/augen-auf\/","title":{"rendered":"Augen auf!"},"content":{"rendered":"\n<p>Dass wer eine Bude auf dem Markt hat, kr\u00e4ftig schreien, trompeten und krakeelen muss, wusste man schon immer. Verkauf ist alles, und auch auf dem Krimimarkt stehen die B\u00fcdchen nun einmal dicht an dicht. Noch niemals ist ein schlechter, ja, nur durchschnittlicher Kriminalroman in Deutschland ver\u00f6ffentlicht worden \u2013 behaupten die Verlage. Also wird gelobhudelt, bis sich der kaltbl\u00fctigste Klappentexter morgens nicht mehr im Spiegel betrachten kann, h\u00fcbsche Flashfilmchen werden als &#8222;Trailer&#8220; produziert und geistige D\u00fcnnpfifferei erreicht dank Beimischung starken Vokabulars die solide Konsistenz unverzichtbaren Schrifttums.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das alles ist nicht schlimm. Man kennt es, man wei\u00df, warum es geschieht \u2013 &#8222;Markt&#8220; eben -, man wei\u00df vor allem, WER es inszeniert. Doch das hat sich ge\u00e4ndert und wird sich in Zukunft zu einem ernsthaften Problem ausweiten. Das Internet \u2013 theoretisch ein Segen, praktisch jedoch immer mehr ein Manipulations- und Verdummungsmedium \u2013 verwischt auf gut basisdemokratische Art jegliche Spuren. Anything goes \u2013 und jeder darf mitmachen. Klarnamen braucht es nicht mehr, man loggt sich ein und gibt seinen Senf zu allem und jedem, die Anonymit\u00e4t sch\u00fctzt und \u00f6ffnet auch den Produzenten von Kriminalliteratur neue, ungeahnt wirkungsvolle Spielr\u00e4ume, die Objekte ihres Tuns effektiv zu plazieren. Ein allgemeines Ph\u00e4nomen: Die Betreiber von Wikipedia d\u00fcrften inzwischen den Hauptteil ihrer Zeit darauf verwenden, die Manipulationsversuche zu eliminieren, die aus naheliegenden Absichten am Textkorpus des Online-Lexikons ver\u00fcbt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Anfangs war es ja nur l\u00e4cherlich durchsichtig, wenn ein hoffnungsvoller Autor seine s\u00e4mtliche Verwandt- und Bekanntschaft zu Lobpreisungen bei Amazon und anderen Online-H\u00e4ndlern animierte. Und wenn ebendort in den seit einiger Zeit eingerichteten Foren immer wieder auf Herta Kasunke-Schmalinskis &#8222;neuesten Thriller&#8220;, im Selbst- oder Bezahlverlag oder bei BOD erschienen, verwiesen wird, ist es das auch immer noch: r\u00fchrend hilflose Versuche, die eigene Ohnmacht beim Vermarkten zu \u00fcberwinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch man t\u00e4usche sich nicht. Die Manipulationsszene professionalisiert sich. Dem zugrunde liegt die wenig \u00fcberraschende Erkenntnis, dass LeserInnen (die auch immer K\u00e4ufer sind) dem Urteil von ihresgleichen oft mehr vertrauen als denen der professionellen Gilde der KritikerInnen. Man hat eben &#8222;seinen Geschmack&#8220;, und das Internet ist gro\u00df genug, Leute zu orten, deren Geschmack der eigene ist. Was sie gut finden, muss also gut sein. Darin steckt ungeahntes Reklamepotential, dessen un\u00fcbertroffene St\u00e4rke es ist, dass man ihm nicht anmerkt, Reklame zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann ernsthaft nicht mehr daran zweifeln, dass ein erklecklicher Teil der sogenannten &#8222;Kundenrezensionen&#8220; inzwischen von langer Hand inszeniert werden, keine Privatattacke von AutorInnen mehr sind, sondern Teil von billigen und wirkungsvollen PR-Kampagnen. Ihr Ziel sind alle Orte, an denen sich LeserInnen austauschen, auch und besonders Krimiforen. Die Zahl der &#8222;Rezensionen&#8220; zu Werken, die noch gar nicht erschienen sind, nimmt zu. Schreiben hier wirklich die stolzen Besitzer von Vorab- und Leseexemplaren \u2013 also in der Regel Kritiker und Buchh\u00e4ndler \u2013 ihre Meinung? Daran glaubt kein Mensch mehr. Besonders \u00e4rgerlich ist so etwas aber gerade f\u00fcr diejenigen Kritiker, die &#8222;Sperrfristen&#8220; akzeptieren und nun erleben m\u00fcssen, wie diese unterlaufen werden. Und zwar durchaus clever. Es sind zwar zumeist die bekannten Lobhudeleien, die schockweise ins Netz gestellt werden, manchmal jedoch mit geschickten Abstufungen, sogar negativem Touch. Liest man genauer, erweist sich dieses Negative aber gerade als Kaufanreiz f\u00fcr die &#8222;Zielgruppe&#8220;. \u2013 Ich nenne bewusst keine konkreten Beispiele, denn &#8222;beweisen&#8220; l\u00e4sst sich das alles ja nicht. Man muss allerdings schon ziemlich naiv sein, diese Entwicklung f\u00fcr eine Ansammlung von Zuf\u00e4lligkeiten zu halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Wahrscheinlich werden wir in ein, zwei Jahren \u00fcber solche Manipulationsakte nur noch m\u00fcde l\u00e4cheln. Dann n\u00e4mlich, wenn die arglistige T\u00e4uschung perfektioniert worden ist. Etwa in Blogs. Noch kann man mit Fug und Recht behaupten, dass dort tats\u00e4chlich Liebhaber des Genres ihre Gedanken und Wertungen ausbreiten. Nur: Wie lange noch? Wann werden die ersten Werbeblogs auftauchen, denen man genau das nicht mehr ansieht? In denen bewusst Titel und Autoren lanciert, andere hingegen ebenso kalkuliert abgewatscht werden? Alles zum Besten des Profits, mit unbewaffnetem Auge nicht zu erkennen, dem gro\u00dfen Gleich- und M\u00f6glichmacher Internet sei Dank.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier liegt die Gefahr. In der Anonymit\u00e4t. Wo ein Kritiker mit offenem Visier arbeitet, sind Manipulationen gewiss nicht ausgeschlossen. Ein, zwei unverst\u00e4ndliche &#8222;Fehlurteile&#8220; wird jeder Leser &#8222;seinem&#8220; Kritiker, seiner Kritikerin auch zugestehen. Sobald die Methode dahinter aber offenbar wird, hat der kritische Geist seinen Ruf verspielt und kann einpacken. Wer sich darauf einl\u00e4sst, muss schon arg dumm sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Deshalb: Halten wir die Augen offen. Manipulieren und verdummen will man uns jederzeit, das ist ein ehernes Marktgesetz. Dass wir es nicht merken d\u00fcrfen, die erste, die wichtigste Regel. Dagegen hilft nur kritisches Wachsein.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass wer eine Bude auf dem Markt hat, kr\u00e4ftig schreien, trompeten und krakeelen muss, wusste man schon immer. Verkauf ist alles, und auch auf dem Krimimarkt stehen die B\u00fcdchen nun einmal dicht an dicht. Noch niemals ist ein schlechter, ja, nur durchschnittlicher Kriminalroman in Deutschland ver\u00f6ffentlicht worden \u2013 behaupten die Verlage. 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